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Was
macht eigentlich Toni Mang?
TEXT:
F.J.SCHERMER, FOTOS: WINNI SCHEIBE
Der Mang steht seinen Mann
Von fünf WM-Titeln der 250/350er
Klasse gewann Toni Mang vier auf Kawasaki- und einen auf
Honda-Maschinen. Um die Frage zu klären, wie Deutschlands
erfolgreichster Straßenrennfahrer heute seine Zeit vertreibt, besuchten
wir ihn zuhause.
Das Bild hat etwas von einer Idylle: Ein Häuschen
im Grünen mit Neuschnee drum herum und obendrauf, weißer Rauch zieht
aus dem Kamin, drinnen Familienleben mit Frau und Tochter, im Keller
eine feine Werkstatt, am Rande des Anwesens zwei Garagen, die voll sind
mit Motorrädern. Bayern pur in Zankenhausen am Ammersee, ruhig und gemütlich
warm ist's in der Stub'n, der Kachelofen bollert, Weißwürste und Weißbier
sind auf dem runden Tisch angerichtet, Freunde sind zu Besuch da. Töchterchen
Vroni, fünf Jahre alt, selbstbewusst und naseweis bis unter die
Harrspitzen, ist in ihrem Element: Der Babba muss doch wissen, wo die
Buntstifte sind, die Mama weiß es auch nicht, sie sind wohl
"kompliziert versteckt", wie sie meint, aber wir suchen alle
mit.
Vroni findet das komplizierte Versteck, nun muss nur noch die Zeichenschablone auftauchen, die mit den Dreiecken,
Kreisen, Vierecken und Sternen. Mama muss mithelfen, ein großes Stück
Pappe zu bemalen, Mama Renate macht das, klar doch. Aber vorher muss
Vroni noch ihren Babba küssen, damit auch jeder in der Runde weiß, dass
das ihr Babba ist und er von den Besuchern ja nicht so lange in Beschlag
genommen wird. Und fortgehen soll er auch net, der Babba wird gebraucht
in der Familie Mang. Eine Idylle zum neidisch werden.
Anton "Toni" Mang wird heuer 52
Jahre alt, man sieht es vielleicht am grauer werdenden Haupthaar, aber
sonst scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, er hat noch Kraft in
der Gashand, ist fast so fit wie früher in seiner aktiven Zeit. Die
dauerte fast zwei Jahrzehnte; von 1968 bis 1987 fuhr er Motorradrennen
in allen Klassen, also von 50 bis 500 ccm und sogar auf
Viertakt-Superbikes. Mang holte WM-Punkte in der 125er, 250er, 350er und
500er Klasse; fünfmal wurde er Weltmeister, viermal davon auf Kawasaki,
einmal auf Honda.
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Toni Mang 1981 in Daytona
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Toni Mang + Sepp Schlögel 1981 in Daytona
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Mangs erfolgreichste Rennmaschinen, die
Kawasaki KR Modelle, gab es als 250er und 350er. Es waren echte
Werksrennmaschinen, in Handarbeit hergestellt. Ihre Konstruktion war
einmalig: Zwei Zylinder standen auf einem Motorgehäuse, jeder Zylinder
hatte seine eigene Kurbelwelle, die über Zahnräder gekoppelt waren.
Zwischen Vergaser und Kurbelgehäuse steuerten jeweils ein Drehschieber
die exakten Einlasszeiten des Frischgases. Als diese Werks-Kawasakis
1976 auf den Rennstrecken der Welt auftauchten, waren sie den anderen
Maschinen auf Anhieb überlegen. 1978 und '79 holte sich der Südafrikaner
Kork Ballington jeweils die 250 und 350er WM-Titel; Mang wurde damit
Weltmeister 1980, '81 und '82. Die Tandem-Anordnung der Zylinder
erlaubte einen schmalen Motor, die komplette Maschine war dank in der
Silhouette so zierlich wie eine 125er. Was wiederum einen besseren Luftwiderstand brachte und damit eine höhere Spitze.
Um der Historie Genüge zu tun, muss gesagt
werden, dass es einen ähnlichen Motor vor dem Auftauchen der Kawasakis
schon von MZ gab, der aber nie zum Einsatz kam und im Prototypenstadium
stecken blieb. Auch die ersten Rotax 250er Zweizylinder, die Ende der
70er, Anfang der 80er Jahre in Fahrwerke von Bakker eingebaut waren und
mit dem unter anderem Manfred Herweh einen Vize-WM-Titel einfuhr, waren
ähnlich Aber die Japaner
brachten ihn als erste auf die Siegerstraße - und deswegen war der
Kawasaki-Motor einmalig auf der Welt und ist es bis heute geblieben.
Heute käme eine solche Konstruktion nicht mehr in Frage, denn sie baut
zu lang und zu schwer. Heute haben alle 250er GP-Maschinen
V2-Triebwerke.
In Tonis Garagenschuppen steht eine originale Maschine von 1980, piekfein bis in die letzte Schraube
restauriert; mit den fast neuen Dunlop-Reifen sieht sie rennfertig aus.
"Mit einem solchen Motorrad bin ich zum ersten Mal 250er
Weltmeister geworden" erzählt er, während er sie liebevoll
abdeckt, "aber damals wäre meine kurze, seit 1978 dauernde
Karriere als Werksfahrer von Kawasaki Deutschland schon vor der 1980er
Saison beinahe zu Ende gewesen, weil Kawasaki Japan Ende der 79er Saison
alle 250er und 350er Werksmaschinen nach Japan zurückbeorderte. Sie
wollten sich nur noch auf die neuentwickelte 500er Vierzylinder
konzentrieren.“
Mang wird ein wenig nachdenklich, bevor der
fortfährt: „Zusammen mit meinem Förderer Michael Krauser, damals in
der Szene als Mr. Motorradkoffer bekannt, überzeugten wir den Präsidenten
von Kawasaki Deutschland, Sam Tanegashima, dass es gut sei, mir die
Maschinen zu lassen". Und es war gut, die Nichtbefolgung der
japanischen Anordnung hatte sich gelohnt, denn Toni schloss die Saison
1980 mit dem WM-Titel in der 250er Klasse und dem Vizetitel in der 350er
Klasse ab.
Ob er ab und zu auf Veteranenrennen fährt,
fragen wir Toni. Sein Blick wird finster: "Ich bin noch net alt
genug dazu!" gibt er scharf zur Antwort. Aber dort seien doch viele
Fans aus seiner aktiven Zeit, viele Leute, die ihn kennen von seinen 42
Grand Prix Siegen, seinen Weltmeistertiteln, seinen Fernsehauftritten.
Er war ein Star bis weit nach dem verletzungsbedingten Ende der Karriere
mitten in der Saison 1987, er hat doch noch tausende von Fans überall
im Land, in Europa, auf der ganzen Welt? "Vor drei Jahren bin ich
mal aufgetreten im Vorprogramm vom GP auf dem Nürburgring, da waren
auch einige ältere Weltmeister wie der Jim Redman, Luigi Taveri und
Giacomo Agostini. Einer davon hat sich beim Anziehen seines Lederkombis
auf den Boden gelegt und gymnastische Übungen gemacht. Das sah so lächerlich
aus, da möcht ich nicht dabei sein".
Er überlegt einen kurzen Moment und erzählt
weiter: "Damit du nun aber keinen schlechten Eindruck von mir
bekommst und denkst, der Mang ist jetzt arrogant geworden, sage ich
dir, dass ich mich sehr gerne bei Fahrerlehrgängen zeige, dabei bin,
wenn junge Leute auf schnellen Motorrädern auf der Rennstrecke
versuchen, eine gute Linie zu finden. Ich mache es gerne, dass ich
voraus fahre und ihnen zeige, wie man schnell und sicher unterwegs ist,
wie man sein Motorrad besser kennen und damit auch beherrschen lernt.
Nicht das schnell in die Kurve fahren ist wichtig, sondern schnell
herauskommen. Und dass es im Umgang mit Motorrädern für viele Leute
sehr viel zu lernen gibt, das wissen wir alte Hasen nur zu gut!"
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Toni Mang + F.J.Schermer
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Toni Mang und seine Harley
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Fotograf Winni und ich geben ihm Recht. Toni
ist bei vielen Fahrerlehrgängen aktiv dabei, es gibt sieben Stück pro
Jahr unter seinem Namen, vor Ort bewegt er eine Kawasaki ZX-9R gekonnt
und schnell. Er gibt den Teilnehmern Tipps, wie man ein Motorrad richtig
abstimmt in der Federung und Dämpfung, wie man richtig sitzt, richtig
bremst, sich in die Kurve legt - und wie man sich im Pulk auf der Rennstrecke benimmt. "Es fehlt heute an so vielen Dingen, die kaufen
sich ein schnelles Motorrad und haben wenig praktische Erfahrung. Meine
gebe ich gerne weiter - das ist mir ein paar Mal im Jahr an
Trainingswochenenden wichtiger als mich wie ein Zirkuspferd bei
Veteranenveranstaltungen vorzeigen zu lassen".
Tonis Erfahrungen sind vielseitig und
umfassend. Denn er ist einer der Rennfahrer, die von ganz unten kamen:
Geboren und aufgewachsen in der Nachkriegszeit, wo es nur das
Notwendigste des täglichen Lebens gab und Luxus ein Fremdwort war;
Werkzeugmacher gelernt in den 60er Jahren, also einer Zeit, wo Lehrlinge
noch Ohrfeigen bekamen, wenn sie gemurkst hatten und ohne zu Murren am
Freitag die Werkstatt putzen mussten. Das Motorrad war Ausdruck des
Protests gegen die Wohlstandsbäuche des beginnenden Wirtschaftswunders,
und Rennfahrer zu sein, das war die Spitze des Protests gegen das
Etablissement. Motorradrennfahrer wurden für total verrückt gehalten,
denn es war gefährlich. Meldungen über Motorradrennen gab es in Presse,
Funk und Fernsehen nur dann, wenn sich einer zu Tode gefahren hatte. Das
gab es oft in diesen Jahren.
Was er heute denn so macht, wenn er kein
Motorrad bei einem "Toni Mang Training"
fährt, wenn er keine
Tipps gibt, wollen wir wissen. Er wird sich doch nicht den ganzen Tag
als Babba und Hausmann betätigen? Toni grinst, winkt uns wortlos in den
Keller. Dort steht eine Werkstatt vom Feinsten, mit Dreh- und Fräsbank,
mit Bohrmaschine und Schweißgerät, mit Zeichenbrett und Computer.
"Hier, habe ich entwickelt, ist ein Patent drauf!". Er zeigt
uns kleine aufklappbare Plastikschachteln, manche nur so groß wie eine
Streichholzschachtel, manche fast so groß wie eine Zigarillokiste.
"Das sind Schutzhauben für Knöpfe, die denen übergestülpt
werden, wenn das Kleidungsteil in der Reinigung ist". Wir blicken
ein wenig verständnislos, aber Toni erklärt: "Kleider, die in die
Reinigung gehen, sind meist sehr teuer. Teuere Kleider haben auch teuere
Knöpfe, aus Hirschhorn geschnitzt zum Beispiel, oder denkt nur mal an
große Gürtelschnallen. Die Reinigungstrommeln sind meist einen Meter
und zwanzig im Durchmesser und wenn sie sich drehen und das Kleidungsstück
von oben runterfällt direkt auf Knopf oder Gürtelschnalle, dann sind
die kaputt. Werden aber meine Knopfschoner benutzt, dann bleiben sie
heile".
Man merkt, dass da der Werkszeugmacher im
Ex-Rennfahrer spricht, der immer darüber nachgedacht hat, wie er die
Technik seines Motorrads verbessern kann. Der immer wusste, dass Technik
von Menschen geschaffen wurde und dass alles besser gemacht werden kann.
Dass man sich nicht damit abfinden muss, was man kaufen kann (oder vom
Werk hingestellt bekommt), sondern dass es angepasst werden muss an den
Menschen, der es benutzt. Toni Mangs Rennmaschinen waren immer berühmt
dafür, dass sie ein wenig besser waren als andere, dass sie deswegen
ein wenig schneller waren, ein wenig bessere Straßenlage hatten. Das
sicherte ihm einen Vorsprung gegenüber den Konkurrenten, die ja damals
auch keine Nasenbohrer waren.
Neben seinem Projekt der Knopf-Schützer,
das bis auf die immer wiederkehrende Frage des richtigen
Kunststoffmaterials eigentlich abgeschlossen ist, arbeitet Toni an
weiteren Entwicklungen. Da ist eine Prüfvorrichtung für Abwasserkanäle
kurz vor der Fertigstellung, mit der die heute noch sehr teuren und jährlich
durchzuführenden Prüfungen industrieller und kommunaler
Abwasseranlagen nicht nur viel preiswerter, sondern auch ungleich
schneller durchgeführt werden können. Und da ist noch eine Idee, echte
Motorräder als Modelle herzustellen, aber nicht aus Plastik, sondern
voll aus Metall. Wenn's denn fertig ist, wird das Motorradmodell rund 20
Zentimeter lang, aber mit einem Motor, der läuft, mit Rädern, die sich
drehen. Voll eingespeichte Räder, selbstgemachte Speichen und Felgen
und mit Gummireifen drauf, bei denen sogar das Profil stimmt.
Aber das ist wieder eine andere Geschichte,
denn die Tochter Vroni ruft nach dem Babba, er muss ihr unbedingt und
jetzt und sofort etwas helfen, es sei wahnsinnig wichtig. Winni und ich
verstehen, verabschieden uns langsam aber sicher. Wichtig war für uns
zu sehen, dass Toni keiner von den Sportlern ist, die aufgrund ihrer
Erfolge vergessen haben, so sie herkamen, wo ihre Wurzeln sind. Oder
einer von denen, die nach Ende ihrer Karriere krank werden, weil ihnen
die Droge Erfolg fehlt, der Beifall der Massen. Anton "Toni"
Mang steht mitten im Leben, der Mang steht ganz deutlich seinen Mann.
Fast wie in einer echten Idylle.
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