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Geschichte
der japanischen Motorradindustrie
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Von
der Reisschale zum Mega-Star
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Als
bei uns in den sechziger Jahren die ersten japanischen Transistorradios
auf den Markt kamen, hatten sie zunächst den Ruf eines billigen
Wegwerfproduktes. Auch die ersten japanischen Motorräder wurden
in diese Schublade gesteckt. Allerdings
nicht lange. Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger, stellten Honda,
Yamaha, Suzuki und Kawasaki mit außergewöhnlichen Maschinen den
Motorradmarkt weltweit auf den Kopf.
Diskutieren
Motorradfans über japanische Bikes, sprechen sie meist
von Honda, Yamaha, Suzuki und Kawasaki. Diese Marken kennt
eigentlich jeder. Unbekannt oder vergessen sind dagegen die weit über
hundert Firmen, die es nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die sechziger
Jahre im Land der aufgehenden Sonne gab. Sie hatten die für uns schier unaussprechlichen Namen wie
Asaki, Bridgestone, Cabton, Meihatsu, Marusho, Meguro, Misima, Mikuni,
Rikuo, Riruo, Nakajima, Mitsubishi, Kawanishi, Lilac, Fuji, Toyo-Kogyo,
Miyata, Murata, Meiwa, Tohatsu, Pointer und Gasuden, um hier nur einige
zu nennen.
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Rikuo-Prospekt
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Im
Prinzip durfte es den Leuten außerhalb Japans aber auch egal sein. Zu kaufen gab es die Feuerstühle nicht, die Fachpresse
berichtete mit keiner Zeile über sie, und selbst Insider wussten kaum etwas vom fernöstlichen Markt. An ein Exportgeschäft
dachte man in Japan nämlich noch lange nicht.
Dabei
konnte Nippons Motorradindustrie auf eine lange Tradition zurückblicken.
Bereits Anno 1908 bastelte ein gewisser Torao Yamaba (nicht zu
verwechseln mit Yamaha!) einen gewaltigen 500 ccm
Einzylinder-Viertakt-Motor an ein Fahrrad. Genau wie in der westlichen
Welt beschäftigen sich um die Jahrhundertwende auch in Japan
einfallsreiche Handwerker, Techniker und Konstrukteure mit der
Herstellung von motorisierten Zweirädern. Es waren stinkende und
qualmende Vehikel, die allerdings mehr einem Fahrrad als einem Motorrad
ähnelten. Geschlossert wurde in winzigen Werkstätten, von Großserienbau
oder gar Massenproduktion konnte überhaupt noch keine Rede sein. An
dieser Situation sollte sich bis Anfang der fünfziger Jahre auch nichts
ändern.
Bis
auf eine Ausnahme: 1912 orderte das japanische Kriegsministerium eine
Harley-Davidson. Ein folgenschwerer Kauf, wie sich bald herausstellen
sollte. Der amerikanische Hersteller witterte ein großes Geschäft und
vergab 1916 an den japanischen Unternehmer Nihon Yidosha einen Händlervertrag.
In den nächsten acht Jahren ließen
sich die verkauften US-Bikes jedoch an zwei Händen abzählen.
Ein schlechtes Geschäft, und so entschloss sich der Konzern aus Milwaukee/Wisconsin, die Sache selbst zu
organisieren. HD-Exportmanager Alfred-Rich Child gründete 1924 eine
Werksniederlassung und baute innerhalb von nur 40 Tagen (!) ein flächendeckendes
Händlernetz auf. Zu den besten Kunden gehörten das Militär und
zahlreiche Behörden. Rund zehn Jahre lief der Handel bombig. Anfang der
dreißiger Jahre machte aber der rapide Kursverfall des Yen die
amerikanischen Maschinen um das Vierfache teurer, und sie wurden schier unverkäuflich. Um jedoch weiterhin in den
Genuss
der noblen US-Motorräder zu kommen, bemühten sich die Japaner um einen
Lizenzvertrag zum Nachbau der 750er V2-Maschinen. Harley-Davidson
willigte ein, machte allerdings zur Auflage, dass keines dieser Bikes außerhalb
des Inselreiches verkauft werden durfte.
Mit
amerikanischem Know-how entstand 1934 in Shinagawa bei Tokio so das
erste japanische Motorradwerk mit dem Markennamen Rikuo.
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Rikuo-Gespann
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Schon
ein Jahr später rollten
die brandneuen Rikuos, alias Harley-Davidson, vom Werksgelände.
Hauptabnehmer waren weiterhin
die japanische Armee sowie etliche Staats- und Provinzbehörden. Bis
1945 bezifferte sich der Produktionsausstoß auf immerhin 18.000 (!)
Einheiten. Die neue Firma genoss hohes Ansehen, und für viele der
kleinen japanischen Motorradhersteller gehörte ein Werksbesuch bei
Rikuo zur Pflichtlektion. Aber das nutzte wenig. Die perfekten
Harley-Kopien waren das Maß der Dinge. Dank Massenproduktion waren
sie haltbar und zuverlässig. Keines
der anderen japanischen Motorräder kam an die Qualität und an die
Exklusivität der Rikuo heran.
Privatleute,
die sich dagegen ein Bike aus den USA oder gar aus dem fernen Europa
zulegen wollten, mussten tief in die Tasche greifen. Denn die
kaiserliche Administration sah Motorfahrzeuge von den Langnasen im
Inselreich überhaupt nicht gern. Anfang der dreißiger Jahre beschloss
das Kabinett ein Gesetz, das den Zolltarif für Import-Motorräder
immerhin auf 700 Prozent (!) festsetzte.
Doch
dann kam der Zweite Weltkrieg, und die Japaner hatten plötzlich ganz andere Sorgen. Was im Land an Motorrädern zu haben war,
wurde für die Mobilisierung konfisziert, landauf landab
wurden die Firmen mit der Produktion von Rüstungsgütern
beauftragt.
Nach
Kriegsende lag Japan - genau wie Deutschland - in Schutt und Asche. Der
Wiederaufbau kam ähnlich schnell in die Gänge, denn an allen Ecken und
Enden wurden dringend preisgünstige Transportfahrzeuge gebraucht. Zunächst
waren es kleine Hinterhof-Werkstätten, die Fahrzeuge jeder Art
zusammenbasteln. Es wurde
improvisiert, zusammengeschustert und getrickst: Ursprüngliche Motoren
für Stromaggregate und Hilfsantriebe, die in Militärfahrzeugen zum
Einsatz kamen, wurden zu Mopedtriebwerken umgemodelt. Als Rahmen dienten
in den meisten Fällen modifizierte Fahrradgestelle.
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38ccm Suzuki
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Aber
auch die Großindustrie stieg ins Moped- und Motorradgeschäft ein. Nach
dem Diktat der alliierten Siegermächte durften diese Firmen nämlich
keine Flugzeuge mehr bauen, und so nutzte man die verbliebenen
Produktionsstätten für die Fertigung von Mopeds, Rollern
und Leichtmotorrädern.
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Meihatsu 125 ccm - 1961
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Bei
Rikuo baute man bald wieder die Harley-Kopie, und Meguro ließ die
Vorkriegs-500er aufleben. Die
zerstörte Industrie, so makaber es auch klingen mag, wurde Japans
wirtschaftliches Glück. Man investierte auf Teufel komm raus,
überall entstanden neue Fabriken. Die erforderlichen Werkzeugmaschinen
wurden großteils in den USA oder Europa gekauft. Und so wunderte es
nicht, dass es allein in der Moped-
und Motorradbrache bald weit über hundert Firmchen und Firmen gab.
Zunächst
galt es allerdings, den eigenen Markt zu versorgen. Wer pünktlich zur
Arbeit, ins Büro oder zur Schule kommen wollte, musste nämlich mobil
sein. Die Infrastruktur war fast überall zerstört, dazu machten
verstopfte Straßen, Benzinknappheit und Geldmangel ein flottes Vorwärtskommen
von A nach B in vielen Fällen zur Tortur. Das einzig brauchbare und
erschwingliche motorisierte Fahrzeug war eben ein Fahrrad mit Hilfsmotor
oder ein preiswertes Leichtmotorrad.
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50 ccm Honda 1947
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Die
Nachfrage nach diesen Feuerstühlen war gewaltig und der Traum vom
eigenen Auto noch meilenweit entfernt. Und so bleiben Mopeds und Motorräder
zunächst im Land, denn bei dieser starken Inlandsnachfrage dachte noch
niemand ans Exportgeschäft. Bereits Mitte der fünfziger Jahre betrug
die Jahresproduktion über 200.000 Einheiten, Tendenz steigend.
An
ein ausländisches Motorrad war dagegen allerdings kaum zu denken. Damit
die Bevölkerung nämlich treu und brav Produkte made in Japan
kaufte, hatte die Regierung in Tokio, ähnlich wie bereits in den dreißiger
Jahren, ein Wirrwarr von Gesetzen, Verordnungen, Einfuhrzöllen und
strengen Devisenbestimmungen erlassen. Diese kaum überwindbaren
Importbarrieren waren zum Schutz für die eigene Wirtschaft verhängt
worden. Allerdings mit einer Ausnahme: Benötigte ein heimischer
Hersteller für Studienzwecke dieses oder jenes Modell,
entwickelte der Behördenapparat urplötzlich eine erstaunliche Aktivität.
Nicht selten übernahm das jeweils zuständige Ministerium sogar sämtliche
Kosten für die Beschaffung des Objektes. Beste Beispiele für diese
Kopien sind die Meguro 500-Twin K1 Stamina, als Vorbild
diente die BSA A7; die Lilac, hier stand die Victoria V 35 Bergmeister
Pate;
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Lilac-LS
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bei
der Cabton 500 bediente man sich des Indian-Twins zum Abkupfern; Yamahas
erster Zweitakthüpfer YA1 war eine haargenaue Nachbildung der DKW RT
125
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Yamaha YA1
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und
die 500er Marusho war im Prinzip eine japanische BMW R 51/3..
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Marusho
ST
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Aber
längst nicht bei allen
Firmen wurde frech kopiert. Bridgestone, bereits Anfang der fünfziger
Jahre zehntgrößter Reifenhersteller der Welt, entwickelte zum Beispiel 1958 ein modernes Leichtmotorrad mit 90
ccm Einzylinder-Zweitakt-Drehschieber-Motor. Auch die späteren 250er
und 350er Zweitakt-Twins wurden über Drehschieber gesteuert und hatten
bereits eine Getrenntschmierung.
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Bridgestone 175
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Der
mit Abstand erfolgreichste Mann in der japanischen Motorradindustrie
sollte Soichiro Honda werden. Schon Anfang der fünfziger Jahre
unternahm der agile Firmenboss Geschäftsreisen in die USA und nach
Europa. Dort kaufte er für rund eine Million US-Dollar die besten
Werkzeugmaschinen, die auf dem Markt zu haben waren. Bei diesen
Shoppingtouren besuchte Honda San auch die großen Motorradwerke
in den jeweiligen Ländern und ließ sich bis ins kleinste Detail die
technischen Finessen erklären. Besonders beeindruckt war der clevere
Unternehmer vom NSU-Werk in Neckarsulm, dem NSU-Rennstall und den
hochtourigen DOHC-Rennmotoren des in dieser Zeit weltgrößten
Zweiradproduzenten. Auch Soichiro Honda ließ sich bei einigen seiner
Modelle von NSU inspirieren. Hinter Honda war Meguro zweitgrößter japanischer Motorradhersteller. Dieses Werk
produzierte bereits in den dreißiger Jahren robuste und zuverlässige
Motorräder.
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500er Meguro K1
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Ende
1959 stellte Meguro den neuen 500-Twin K1 Stamina - besagte
BSA-Kopie - vor, es war, abgesehen von der Rikuo, immerhin das erste
eigene Big-Bike auf dem japanischen Markt!
In
den Fünfzigern gab es im
Nippon-Land fast an jeder Ecke eine Firma, die in oder für die
Motorradbranche tätig war. Viele Manufakturen bauten allerdings nur
Fahrgestelle. Den erforderlichen Motor und alle weiteren Teile bezog man
von Zulieferfirmen. Andere hatten sich auf die Fertigung von
Triebwerken, wiederum andere auf die Herstellung von Zubehör
spezialisiert. Das Geschäft brummte, Arbeit gab es ohne Ende. Doch so
schnell die vielen Motorradfirmen und Zubehörhersteller auf der Bildfläche
erschienen waren, so schnell waren sie auch wieder verschwunden. Auch in
Japan änderten sich mit wachsendem Wohlstand die Ansprüche an den
fahrbaren Untersatz. Motorräder waren nur solange interessant, solange
man sich eben noch kein Auto leisten konnte.
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Motorradproduktion in den 60er Jahren
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Lediglich
vier Marken haben den Sprung in die Neuzeit geschafft: Honda, Yamaha,
Suzuki und Kawasaki. Ohne sie wäre
allerdings der nächste weltweite Nachkriegs-Zweiradboom auch kaum möglich
gewesen. Nachdem die Kundschaft im eigenen Land versorgt war, eroberte
Nippon den amerikanischen Markt, wenig später war Europa an der Reihe.
Im Vergleich zu den westlichen Maschinen waren die japanischen Bikes
frech, pfiffig, schrill, schnell und stark.
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Meilensteine |
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Honda CB 750
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Kawasaki Z1
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Suzuki GS 750
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Yamaha XS 650
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Es
waren eben keine Brot-und-Butter-Motorräder, sondern Maschinen für
den Fahrspaß und für die
Freizeit.
Text:
Winni Scheibe
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