
Die
große Fritz W. Egli Story
Motorräder wie auf
Schienen
In
einer Zeit, als Fahrwerke wie Lämmerschwänze wackelten, baute
ein Schweizer einen Rahmen, der es zu Weltruhm brachte: Das Egli-Chassis.
Und da die Leistung
nie genug sein konnte, kümmerte
sich Fritz W. Egli auch um das Motortuning. Ein Perfektions-Mythos war
geboren.
Die Premiere
seiner beiden neuen Maschinen sollte standesgemäß stattfinden. Ohne wenn und aber! Und das konnte natürlich
nur bei der Züspa sein. Der größten und wichtigsten Schweizer Motorrad-Ausstellung (vergleichbar
mit unserer IFMA) im Frühjahr 1967 in Zürich.
Als aber Fritz W. Egli den
Preis für seinen geplanten Messestand erfuhr, verschlug es ihm die
Sprache. Diesen Betrag wollte und konnte er niemals bezahlen. Aus der
Traum. Doch schon wenig später kam ihm eine rettende Idee. Genau einen
Tag vor dem Eröffnungstermin telefonierte er mit der Messeleitung und
bot für Dekorationszwecke zwei außergewöhnliche Motorräder an.
Und da er für die Leihgabe auch nichts haben wollte, wurde das Angebot
selbstverständlich gerne angenommen.
Irgendwie hatten wir aber aneinander vorbeigeredet. Als ich nämlich
mit meinen Maschinen bei der Messehalle ankam und nach dem Weg fragte, hieß es, der Platz für die Dekorationsblumen wäre ganz hinten
in der Ecke. Doch ganz gleich, ob Blumen oder Motorräder, das war mir
in diesem Moment ziemlich egal. Wichtig war nur, meine Maschinen standen auf der Messe, erinnert sich der
Schweizer mit einem verschmitzten Schmunzeln an das damalige Missverständnis.
Dass sie die Hauptattraktion werden sollten, hatte sich der junge
Motorradhersteller in seinen kühnsten Träumen nicht auszumalen gewagt.
Ohne es gewollt zu haben, stahl die kleine Spezial Werkstatt für
Vincent-Motorräder aus Oberwil/Aargau, in der neben dem Chef nur
noch zwei weitere Mechaniker beschäftigt waren, allen etablierten
Herstellern die Show. Die beiden 1000er Egli-Vincent waren die Sensation
schlechthin.
Dabei war es längst nicht nur der Name Vincent, der für Aufregung
sorgte. Vincent Motorräder, einst die stärksten, schnellsten und
teuersten Maschinen der Welt, gab es ja schon seit 1955 nicht mehr.
Vergessen hatte sie aber keiner, und die British-bike verrückten
Schweizer schon ganz und gar nicht. Die beiden blinkenden und blitzenden
Bikes im letzten Winkel der Messe hatten allerdings nur noch wenig mit
den bekannten Vincents aus den ruhmreichen Fünfzigern zu tun - bis auf
das gewaltige 1000er V-Triebwerk der sagenumwobenen Black Shadow.
Das hatte Egli nach allen Regeln der Tuning-Kunst modifiziert und auf rund 75 PS gebracht. Der Rest
war so neu, dass den Messebesuchern der Atem stockte. Solche Motorräder
hatte die Welt noch nicht gesehen. Es waren reinrassige Sportmaschinen,
nichts für Anfänger, brave
Familienväter oder Leute, die gemütlich über die Chaussee bummeln
wollen. Genau wie echte Rennmaschinen hatten die Egli-Vincents
Stummellenker und hintenliegende Fußrasten,
GFK-Sporttank, Ein-Mann-Höcker, schmale Schutzbleche und
Speichenräder mit Hochschulterfelgen aus Aluminium. Im Vorderrad sorgte
eine Ø 210 mm Fontana Doppelduplex-Trommelbremse und hinten eine
Simplex-Trommelbremse für atemberaubende Verzögerungswerte. In der
zweiten Egli-Vincent, einer echten Rennmaschine, waren sogar moderne
Scheibenbremsen verbaut.
Der Oberknaller jedoch war der Rahmen. Eine Konstruktion, die nicht
durch ein aufwendiges Rohrgeflecht, sondern durch seine schlichte
Einfachheit bestach. Das Chassis bestand lediglich
aus einem 100 mm starken Zentralrohr aus Präzisionsstahl direkt
über dem V-Motor, das gleichzeitig als Öltank diente, und einem
Rohrdreieck für das Rahmenheck, diese Rohre hatten 30 mm Außendurchmesser.
Der Motor war mittragendes Teil, er war am vorderen Zylinder mit dem
Zentralrohr verschraubt und hinten
über stabile Halteplatten mit dem Rahmenheck verbunden. Die Führung
der Hinterradschwinge aus Profilstahlrohr mit zwei Ceriani-Federbeinen
erledigten Kegelrollenlager, die Ceriani-Telegabel war ebenfalls
in großzügig dimensionierten Schrägrollenlagern
gelagert. Für tadellosen Korrosionsschutz, aber auch für eine
bestechende Optik, hatte der rührige Konstrukteur das hartgelötete
Fahrwerk auf Hochglanz vernickeln lassen. Eine Maßnahme, die zum
Markenzeichen aller folgenden Egli-Rahmen werden sollte. Bis auf wenige
Ausnahmen, wie sich mit der in diesem Bericht gezeigten, originalgetreu
restaurierten, 1000er Egli-Vincent mit schwarz lackiertem Fahrwerk aus
dem Jahr 1969 von Bernd Stutz belegen lässt.
Und dann gab es noch etwas, was die Schaulustigen bei der Züspa vom
Hocker riss: der riesige Smith-Tacho mit einer Ziffereinteilung bis 250
Stundenkilometer! In einer Zeit, als die 42 PS starke BMW R 69 S als Maß
der Dinge galt, brachte die Egli-Vincent die Motorradwelt mächtig
durcheinander. Dabei stand der Schweizer Spezialmaschinenhersteller erst
am Anfang seiner Karriere, die er so eigentlich gar nicht gewollt hatte.
Sein Handwerk hat
Fritz W. Egli von der Pike auf gelernt, und schon früh begann er, sich für
Motorräder zu interessieren. Besonders beeindruckte ihn die schwere
Maschine eines älteren Arbeitskollegen.
Wie er richtig hieß, wusste eigentlich keiner, alle nannten ihn
nur Blacky: er fuhr nämlich eine 55 PS starke und 200 Stundenkilometer
schnelle 1000er Vincent Black Shadow. Immer wieder beobachtete der junge
Egli, wie Blacky beim Starten des mächtigen V-Motors Probleme hatte.
Handwerklich begabt wie er war, konnte er seinem Arbeitskollegen
helfen. Es dauerte nicht lange und zwischen dem alten und jungen
Motorradfan entstand eine Motorradfahrerfreundschaft. Und was nun
folgte, klingt zurückblickend fast wie ein modernes 1001-Nacht-Märchen.
Blacky bekam mit der Zeit ernsthafte gesundheitliche Probleme, was ein
Weiterfahren seiner Vincent unmöglich machte. Verkaufen wollte er das
Bike aber nicht, und so fragte er seinen jungen Freund eines Tages, ob
er die Black Shadow haben möchte. Bei ihm wüsste er sie in guten Händen,
und weil er seine Fahrerausrüstung nun auch nicht mehr brauchte,
verschenkte er sie gleich mit. Für den stolzen Nachbesitzer
war es viel mehr als nur ein Geschenk, es sollte seinen weiteren Lebensweg maßgeblich
beeinflussen. Dass Blacky kurz darauf verstarb, gab der Angelegenheit
eine Tragik, die den jungen Egli tief berührte und er beschloss, die
Black Shadow nie wieder herzugeben; er besitzt sie tatsächlich noch
heute.
Die Ausbildung zum Feinmechaniker schloss Egli in seinem Jahrgang als
Bester in der ganzen Schweiz ab und als Lohn für diese herausragende Leistung durfte er für drei Jahre zu einem Montageaufenthalt auf die Baja California. Neben vielen Eindrücken
und Erfahrungen hatte der Eidgenosse eine schöne Stange Fränkli
zusammen gespart, die es ihm ermöglichte, eine kleine
Motorrad-Schrauberbude einzurichten. Tagsüber arbeitete er weiterhin
als Mechaniker in seiner ehemaligen Lehrfirma, nach Feierabend und am
Wochenende wurde an seiner Vincent und anderen eigenen Maschinen sowie
den Motorrädern von Freunden gewerkelt. Fast alle fuhren englische
Bikes und da gab es schließlich immer etwas zu reparieren, zu
verbessern oder umzubauen. Es war eine eingeschworene Clique, das
gemeinsame Motorradhobby verband zu einer festen Freundschaft, bezahlen
ließ sich Egli für seine Arbeit nicht. Es war eine wunderschöne
Zeit. Wir hatten viel Spaß zusammen, und wenn wir nicht irgendwo
unterwegs waren, wurde an den Motorrädern geschraubt, erzählt der
Schweizer von früher. Im Prinzip hätte es bis ans Ende der Welt so
weitergehen können. Beruflich stand ihm eine gesicherte Karriere bevor,
die genügend Zeit für die feierabendliche Motorradfahrerei und natürlich
die Motorradbastelei ließ. Doch längst hatte er sich andere Ziele
gesteckt: eine Motorradwerkstatt. Er wollte sich selbst die Arbeit
einteilen und sich von niemanden mehr sagen lassen, was und wie es zu
machen war. Wenn es um Motorradsachen ging, entwickelte Fritz W. Egli
seinen eigenen Kopf. Geht nicht, gab es für den zum Perfektionismus
strebenden Techniker nicht und wenn ein Problem zu lösen war, sinnierte
er so lange, bis er es gelöst hatte. In seiner Welt drehte sich alles
um Motorräder, er war Techniker, Tüftler und
Konstrukteur in einer Person, der Geschäftsmann stand
hintenan.
In einer Zeit, als auch in der Schweiz bald keiner mehr etwas vom
Motorrad wissen wollte, setzte er Mitte der Sechziger diese Vorhaben in
die Tat um. Schlecht
standen seine Aktien nicht.
Im Mikrokosmos der Vincent-Motorradwelt hatte er sich in der Schweiz längst
einen guten Ruf erworben. Als Black Shadow Besitzer und Fahrer kannte er
alle Stärken, aber auch die Schwächen des legendären Bikes. Mit
geschlossenen Augen konnte er das Triebwerk auseinander- und wieder
zusammenbauen. Und weil man die Ersatzteile nicht an jeder Ecke bekam,
war im Laufe der Zeit ein gut sortiertes Lager angewachsen. Bei
der Pflege, Wartung und Reparatur von Vincent blieb es natürlich nicht.
Was die Kunden brachten, wurde instandgesetzt. Und als einige Freunde
anfingen,
Moto Cross und
Grasbahnrennen zu fahren, sprang der Rennbazillus auch auf den
Jungunternehmer über. Für ihn kamen aber nur die in der Schweiz
typischen Bergrennen in Frage. Die Black Shadow war längst mit
Leistungsteilen der Black Lightning-Rennmaschine auf gut 80 PS getunt
und ging, wie er noch heute versichert,
wie die Hölle. Doch über den dritten Rang kam er nicht
hinaus. Schuld daran war das veraltete Fahrwerk, das Philip C. Vincent
bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg konstruiert hatte. Die
Vorderradführung erledigte eine Girdraulic-Trapezgabel, der Rahmen
bestand im Prinzip nur aus einem kurzen Vierkantrohr über dem Motor,
und lange bevor Yamaha die Erfindung der Cantilever-Hinterradfederung für
sich in Anspruch nahm, sorgte bei der Vincent exakt solch ein System für
Fahrkomfort. Im kommoden Straßenbetrieb mochte das Fahrwerk seiner
Aufgabe ja nachkommen, doch im scharfen Renneinsatz war es hoffnungslos
überfordert.
Um auch weiterhin Spaß
an der Rennerei zu haben,
musste etwas passieren und das konnte nur ein neues Fahrwerk sein. Da es aber so etwas nirgends zu kaufen
gab, blieb keine
andere Wahl, als es selbst zu bauen. Doch leichter gesagt als getan. Ein
Vorbild für ein gutes Chassis war nicht das Problem, und sich
ausgerechnet am Rahmenlayout des berühmten Norton Manx-Rahmens zu
orientieren, kam Egli erst gar nicht in den Sinn. Da blieb er lieber
beim Vincent-Vorbild.
Nur musste dieses Rahmenprinzip vollkommen neu überdacht und gemäß dem aktuellen Stand der Technik umgesetzt werden. Der Clou
des neuen Rahmens war seine Einfachheit und die möglichst verdrehsteife
Verbindung zwischen Lenkkopf und Hinterradschwinge. Aus dieser Idee
entstand der bis heute legendäre Egli-Zentralrohrrahmen.
Da es Mitte der Sechziger allerdings noch kein brauchbares
Federbein gab, das für den Einsatz einer Centilever-Schwinge geeignet
gewesen wäre, entschied
ich mich zunächst für eine konventionelle Hinterradschwinge mit
zwei Federbeinen, verrät Fritz Egli. Alles weitere war handwerkliche
Meisterarbeit, wobei er jedoch nichts dem Zufall überließ. Bauteile,
die nicht selbst gefertigt wurden, bezog er ausschließlich
von renommierten Zulieferfirmen. Perfektionist wie er war, wurde
aber kein Bauteil einfach nur angebaut, sondern penibel überarbeitet
und exakt in das System eingepasst. Die Flut von sündhaft teuren und
passgenauen Zubehörteilen, die man heute von jedem
Motorrad-Versandhandel bekommen kann, gab es vor 30 Jahren nämlich noch
nicht.
Anfang 1968 stand die erste 1000er Egli-Vincent Rennmaschine für die
Schweizer Bergmeisterschaft startbereit. Acht Läufe waren
ausgeschrieben, sieben Mal wurde Fritz W. Egli Erster, einmal Dritter.
Der Name Egli-Vincent war in der Rennszene bald nicht mehr
wegzudenken, am Ende der Saison war der Konstrukteur und Rennfahrer Egli
Schweizer Bergmeister!
Dass Fritz W.
Egli ein talentierter Rennfahrer war, hatte er nachhaltig bewiesen, doch
seine wirkliche Stärke war die des Motorradkonstrukteurs, Tuners und
Mechanikers. Und so überließ er im folgenden Jahr seinem Freund Fritz
Peyer die Rennerei. Auch hier das gleiche Bild, die Kombination Egli/Vincent/Peyer
war 1969 unschlagbar. Peyer wurde Schweizer Bergmeister, darüber hinaus
brach er alle Rekorde und erzielte etliche Achtungserfolge bei
internationalen Rennen in England. Unsere damaligen Einsätze lassen
sich mit dem heutigen
Motorradrennsport nicht mehr
vergleichen. Der Fritz Peyer und ich haben uns alles geteilt, Essen,
Benzin und Reisekosten. Rennsport war noch Idealismus, außer ein paar
Fränkli Preisgeld war kein Geld damit zu verdienen. Dafür war die
Kameradschaft im Fahrerlager um so besser, oft waren wir bei englischen
Rennkollegen zum Tee eingeladen, plaudert Fritz Egli von früher.
Unsere Renn-Vincent hat damals sehr viel Aufmerksamkeit erregt. Oft
konnten wir sogar so bekannten Werksfahrern wie Phil Read und Giagcomo
Agostini mächtig einheizen. Rennfertig brachte die Vincent knapp 160 kg
auf die Waage, und je nach Abstimmung leistete das Triebwerk zwischen 80
und 85 PS bei 7000 Touren.
Fast immer Zweiter in der damaligen Schweizer-Meisterschaft wurde
Florian Bürki auf einer Triumph-Métisse. Fritz Egli erinnerte sich
eines Tages an die Geschichte mit seinem alten Arbeitskollegen Blacky
und fragte Bürki, ob er mal Lust hätte die Ersatz-Vincent
auszuprobieren. Es kam wie erwartet: im Ziel trennten die beiden Egli-Werksfahrer
nur Zehntelsekunden voneinander. Fritz Peyer wurde 1971, Florian Bürki
1972 und 1973 Schweizer Bergmeister auf Egli-Vincent.
In seinem Betrieb
hatte sich Fritz W. Egli längst auf die Herstellung von Rahmen-Kits und
kompletten Egli-Motorrädern spezialisiert. Zwischen 1968 und 1972
entstanden etwa 50 Egli-Vincent mit dem 500er Einzylindermotor und rund
200 Egli-Vincent mit dem 1000er V-Triebwerk. Von einer Serienfertigung
konnte dabei allerdings keine Rede sein. Jede Maschine wurde exakt nach
Absprache mit dem Kunden in
Handarbeit aufgebaut. Wobei bei den Zubehörkomponenten grundsätzlich
nur Spitzenerzeugnisse von Ceriani, Grimeca, Campagnolo,
Lockheed, Brembo, Orlandi, Fontana, Lucas, Kröber, Dellorto und Borrani
zum Einsatz kamen.
Die Sonderwünsche beschränkten sich allerdings nicht nur auf das
Chassis, auch Motortuning war in der nach oben offenen Leistungsskala
grundsätzlich möglich. Vom ursprünglichen Vincent-Motor war außer
den Gehäusen sowieso kaum noch ein Teil original. Die durchgeführten
Modifikationen und Veränderungen begannen beim Kurbeltrieb und dessen
Lagerung, es gab unterschiedlich scharfe Nockenwellen, verbesserte
Kolben, komplett überarbeitete Zylinderköpfe, Stoßstangen aus Alu und
eine modifizierte Kupplung. Bei allen Tuningarbeiten wurde größter
Wert auf Zuverlässigkeit und Langlebigkeit gelegt. Egli-Motorräder
waren durch die Bank weg alltagstauglich und wer wollte, konnte damit
sogar ans Nordkap oder nach Sizilien fahren.
Aus heutiger Sicht ist diese Vielfalt für Restaurateure und Egli-Kenner
allerdings ein schwieriges Unterfangen, wenn es darum geht, genau zu
beurteilen, was nun original ist und was nicht. Hinzu kommt, dass im
Laufe der Zeit viele Eglis um- oder nachgerüstet worden sind. Denn
genau hierauf legte Fritz
W. Egli immer großen Wert. Modifikationen, Weiterentwicklungen sowie
hochwertigere Anbauteile ließen sich problemlos nachrüsten -
so dass eine Egli immer auf dem neuesten Stand der Technik war.
Das
Rennsportengagement machte die Egli-Schmiede weit über die
Schweizer Grenzen bekannt. Von überall aus Europa, aber auch aus Übersee
trudelten Aufträge ein. Dieser Erfolg brachte es mit sich, dass Fritz
W. Egli 1971 nun schon zum zweiten Mal mit seinem Betrieb umziehen musste.
Um ein für allemal Ruhe zu haben, kaufte er in Bettwil/Aggrau ein
altes Bauernhaus und baute den Hof nach und nach für seine Bedürfnisse
um. Die Zeit, in der man sich überwiegend mit dem Aufbau von
Egli-Vincents
beschäftigte, ging im Wechsel der Sechziger zu den Siebzigern
langsam aber sicher dem Ende entgegen. Die Kundschaft fuhr mittlerweile
Triumph Bonneville, Honda CB 450, Kawasaki Mach III oder Mach IV oder
Laverda 750 SF. Auch für diese Maschinen bot Egli Fahrwerke an, wobei
an große Stückzahlen nicht zu denken war. Je nach Modell wurden nur
zwischen 10 und 25 Rahmen-Kits hergestellt.
Eine Revolution auf dem Motorradmarkt löste die ab 1970 in Europa verkaufte Honda CB
750 Four aus. Hondas Meilenstein in der Motorradgeschichte läutete
eine neue Generation ein, mit der Schlosserei vor der Ausfahrt war nun
endgültig Schluss. Das 750er Vierzylinder-Triebwerk war leistungsstark,
zuverlässig und langlebig. Nur
die japanische Fahrwerkstechnik steckte damals noch in den
Kinderschuhen. Bei Egli reagierte man sofort. Bereits
Anfang 1971 stand
die erste Egli-Honda CB 750 fahrbereit auf den Rädern. Das
Rahmenprinzip hatte sich, abgesehen von den zwei zusätzlichen
Motorhaltestreben vor dem Zylinderblock, nicht geändert. Neu dagegen
waren die Egli-Gussräder aus Magnesium. Nach Friedel Münch war Fritz
W. Egli der zweite Motorradhersteller, der solche Räder im Serienbau
einsetzte. Diese neuen Laufräder waren nicht nur leicht, sondern auch
enorm stabil. Im Vergleich zu einem normalen Speichenrad, das sich
bereits bei 3.03 Tonnen Belastung verformte, ertrug das Egli-Gussrad
7,45 Tonnen Druckbelastung - so stellte die Eidgenössische Materialprüfungsanstalt
bei der statischen Festigkeitsprüfung beeindruckend fest.
Selbstverständlich gab es die Egli-Honda auch in getunter Ausführung mit
810 ccm, 75 PS und über 210 km/h schnell. Von allen je produzierten
Eglis etablierte sich dieses Modell zum Dauerbrenner. Von 1970 bis 1984 wurden 700 Egli-Hondas mit CB
750-Motor gebaut - in der Egli-Geschichte bis heute absoluter
Rekord;
lediglich die Egli-Kawasaki kommt mit 600 Einheiten an diese Zahl heran.
Womit wir schon beim nächsten wichtigen Egli-Kapitel sind: der
Kawa-Ära.
Als 1973 die Kawasaki 900 Z 1 auf den Markt kam, übertraf sie all
unsere Erwartungen, plaudert der Fahrwerks-Guru aus dem Nähkästchen,
zuerst dachen wir, jetzt können wir unser Geschäft zusperren, gegen
solch ein Motorrad können wir nie und nimmer ankommen. Doch als
wir mit der Z1 gefahren waren, wussten wir, genau das Gegenteil wird der
Fall sein. Damals wussten wir allerdings noch nicht, welch unerschöpfliches Potential in diesem Motor steckte.
Es dauerte nicht lange und es folgten Taten. Das Egli-Racing Team
beteiligte sich mit den französischen Starpiloten Godier/Genoud im
prestigeträchtigen Endurance-Langstreckenrennsport. 1974 gewann das
Team auf der Egli-Kawasaki im Prinzip alles, was zu gewinnen war und
stand am Ende der Saison als Champion fest.
Bitterer Beigeschmack an der Geschichte war, zeigt sich Egli noch
heute über das Engagement verärgert, dass Kawasaki überall mit
diesem Erfolg Werbung machte, der Namen Egli in der Reklame
aber nirgendwo auftauchte. Fritz W. Egli ging trotzdem seinen
Weg, 1975 wandelte er die Einzelfirma F.W. Egli in eine
Aktiengesellschaft um. Seiner Kawa-Aktivität
setzte er 1979 mit der MRD
1 die Krone auf. Gemäß dem selbst
gewählten Motto machen, was machbar ist
wurde die Egli MRD 1 als optimale Fahr-, Leistungs- und
Speed-Maschine auf die Räder gestellt. 20 Jahre bevor die aktuelle
Suzuki Hayabusa an der 300-km/h-Schwelle knabbert, schaffte die MRD 1
bereits Anfang 1979 echte 297 Stundenkilometer! Auch kein Wunder.
Der auf 1016 ccm aufgebohrte Z 900 Kawa-Motor war mit einem
ATP-Abgasturbolader bestückt und zusätzlich durch alle möglichen Tuningkunststücke auf beachtliche 180 PS bei
10000/min aufgepäppelt worden. Zeitgleich wurde erstmalig die patentierte Egli-Telegabel, mit zwei zusätzlichen
Verbindungsachsen, und die
Cantilever-Hinterradschwinge mit Monoshock-Federbein verwendet.
Am Egli-Zentralrohr-Rahmensystem, um es an dieser Stelle noch
einmal ausdrücklich zu betonen, hatte sich dagegen nichts verändert.
Im Laufe der Egli-Geschichte gab es eigentlich kaum einen Motor, der
nicht irgendwann einmal in das Schweizer Spezial-Chassis gebaut wurde.
Das waren Honda, Yamaha und Enfield Einzylinder-Triebwerke,
Ducati-Motoren, und sogar Aggregate von
BMW fanden sich im Zentralrohrrahmen wieder.
Seit Anfang der neunziger Jahre hat sich Fritz W. Egli neuen Aufgaben gewidmet: dem Import der Enfield
India, dem Chang-Jiang-Gespann, MZ und Sachs. Und weil gerade
die Enfield längst
nicht seinem Qualitätsstandard entspricht, gibt es natürlich diverse Tuningstufen für den Dampfhammer. Aber noch etwas ist interessant an
dieser Geschichte. Ausgerechnet die 350 Enfield Bullet war neben der
Vincent Black Shadow Fritz Eglis erstes Motorrad...
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Text: Winni Scheibe
Fotos: Archiv Egli / Scheibe
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