Wertgutachten für 
kostbare Motorräder  


  „Wert-Schöpfung“  

 

Die Schrauberszene brummt. Es wird aufgerüstet, bis die Heide wackelt. In manchen Fällen übersteigen die Umbau- oder Restaurierungskosten sogar den Fahrzeugneupreis. Damit aber auch die Versicherung weiß, dass es sich jetzt um ein kostbares Stück handelt, sollte man sich unbedingt mit ihr „kurzschließen“ und gegebenenfalls ein Wertgutachten vorlegen.  
S
ie sind weder verwandt noch verschwägert: Oldtimer-, Chopper- oder Edel-Bike-Besitzer. Und doch haben sie eins gemeinsam, jeder ist verdammt stolz auf die eigene Maschine. Und das zu Recht. Schließlich kennen sie ihr Bike in- und auswendig, haben unendlich viel Zeit, Mühe und Bares investiert, womit sich nicht nur die Optik, sondern auch der Fahrzeugwert erheblich gesteigert hat. Mit einem Motorrad von der Stange haben diese Schmuckstücke kaum noch etwas zu tun. Es sind individuelle Einzelstücke, vielfach für ihre Besitzer die Traummaschinen. Und damit der Spaß nicht irgendwann einmal zum Alptraum wird, möchte man natürlich eine anständige Kaskoversicherung abschließen. 
Hier liegt allerdings der Hase im Pfeffer. Längst nicht mehr jede Versicherungsgesellschaft übernimmt das Risiko, solch eine teure oder ausgefallene Maschine Teil- oder Vollkasko zu versichern. Bevor man zum Schraubenschlüssel greift und loslegt, sollte man sich daher unbedingt mit seiner Versicherungsgesellschaft auseinandersetzen und genau abklären, ob sie überhaupt Versicherungsschutz gewährleistet. Handelt es sich um einen Klassiker, bieten etliche Versicherungen sogenannte Oldtimerversicherungen an. Die genauen Bedingungen lassen sich jedoch nur von Fall zu Fall mit den Versicherungen besprechen. Für den Biker lohnt es sich allemal, Vergleichsangebote einzuholen. Hat man eine Gesellschaft gefunden, ist es durchaus üblich, dass ein Wertgutachten vorgelegt werden muss, nach dem sich die Prämie richtet. Billig sind diese Versicherungen aber nicht. Eine aufgemotzte Harley-Davidson kann gut und gerne ein paar tausend Mark Vollkasko per Anno kosten.
Das Gutachten-Zertifikat wird von einem anerkannten Sachverständigen ausgestellt und erfüllt gleich mehrere Aufgaben, von denen die Feststellung des Wiederbeschaffungswert mit Sicherheit die Wichtigste ist. Aber auch zur Schadensfeststellung bei einem Haftpflicht-Unfallschaden, zur Reparaturüberwachung sowie zur Kaufberatung kann solch eine Schätzerurkunde von großem Vorteil sein.       

Wie so ein Wertgutachten entsteht, erklärt Sachverständiger Harald Nordmeier aus Bad Arolsen. „Wertgutachten sind grundsätzlich individuelle Expertisen, die sich nur auf das bewertete Fahrzeug beziehen. Welche Bandbreite sich daraus ergibt, lässt sich an drei Beispielen erklären“, erläutert der Motorradexperte. „Bei der BSA-Métisse handelt es sich um einen einmaligen Klassiker von 1971, den sein Besitzer tadellos restauriert hat. Fehlende Teile mussten für viel Geld besorgt oder nach Abbildungen sogar nachgebaut werden. In diesem Fall sind für die kompetente Beurteilung enormer Sachverstand und detaillierte Kenntnis der Klassiker- und Oldtimerszene erforderlich. Kann der Besitzer eine Historie des Modells sowie Nachweise über alle Ausgaben vorlegen, die sich in diesem Fall ohne Arbeitszeit auf 36.000 Mark beziffern, ist das für die Erstellung des Gutachtens sehr hilfreich. Da es zu diesem englischen Café-Racer aber keine Vergleichsmaschine gibt, lässt sich ihr aktueller Marktwert nur schätzen, der allerdings in dieser Region liegen wird“, fasst Sachverständiger Nordmeier das erste Beispiel zusammen.
„Bei der Harley-Davidson Dyna Glide Custom ist die Bewertung dagegen um etliches einfacher. 1992 hat das Bike 27.500 Mark gekostet, Wertverluste sind bei Harley fremd. Im Laufe der Jahre hat der Besitzer die Maschine entsprechend seinen Vorstellungen und seinem Geschmack umgebaut, was sich durch Augenschein und anhand von Quittungen belegen lässt. Darüber hinaus wurden etliche Bauteile in Eigenanfertigung hergestellt. Die Harley hat so eine ganz eigene Note bekommen und erheblich an Wert gewonnen. Der Wiederbeschaffungswert liegt bei dieser Maschine bei 51.000 Mark“, wird von Harald Nordmeier das zweite Beispiel erklärt. 
„Das Gutachten für die Ducati 900 Monster ist schnell aufgezählt. Das Naked-Bike wurde mit Zubehörteilen zum Streetfighter umgebaut. Einen Pluspunkt bekommt der nachträglich vernickelte Rahmen. Diese Maschine stellt einen Wert von 28.000 Mark dar, der im Gutachten zum Ausdruck kommt. Je nach Objekt kann ein Wertgutachten bis zu zehn Seiten umfassen. Uns ist es wichtig, dass alle Baugruppen begutachtet, detailliert aufgelistet, in einem festen Bewertungsschema beschrieben und fotografiert werden. Je nach Aufwand muss der Kunde mit 200 bis sogar 1000 Mark rechnen“,  schließt Spezialist Nordmeier den kleinen Gutachter-Einführungskurs ab.   

In Deutschland gibt es rund 2500 freie Kfz-Sachverständige, doch echte Motorradspezis sind nur wenige darunter. Wer für sein Bike ein Wertgutachten braucht, sollte allerdings nicht in den „Gelben-Seiten“ suchen, sondern sich bei Motorradclubs oder Oldtimerliebhabern kundig machen. Gleich bei der richtigen Adresse ist man bei  Classic Data GmbH & Co KG, Rohringhauser Str. 23, 44575 Castrop Rauxel; in diesem Unternehmen haben sich bundesweit rund 140 freie Sachverständige zusammengeschlossen. Es sind geschulte Spezialisten, die nicht nur etwas von Oldtimern und Youngtimern, sondern allgemein von Motorrädern was verstehen.  

Harald Nordmeier

Von der Industrie- und Handelskammer Kassel öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für KFZ-Schäden und -bewertungen, insbesondere Krafträder.

Text&Fotos: Winni Scheibe

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www.classic-motorrad.de