| Lady Butterfly |
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Kawasaki W 1 |
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Wer heute von japanischen Motorrädern spricht, meint Honda, Yamaha,
Suzuki oder Kawasaki. Doch das war längst nicht immer so. Nach dem
Zweiten Weltkrieg, Japan lag genau wie Deutschland in Schutt und Asche
und der Wiederaufbau war gerade voll im Gang, gab es im Nipponland weit
über 100 Motorradhersteller. Sie hatten die für uns schier
unaussprechlichen Namen wie Asaki, Bridgestone, Cabton, Meihatsu,
Marusho, Meguro, Misima, Rikuo, Riruo, Lilac, Fuji und Gasuden, um hier
nur einige zu nennen. Im Prinzip durfte es den Motorradfans in der
restlichen Welt allerdings schnuppe sein. Man kannte die Maschinen weder
aus der Fachpresse noch von Prospekten, und zu kaufen gab es sie sowieso
nicht. An den Export ihrer Feuerstühle dachten die japanischen
Hersteller vorerst noch nicht.
Zunächst galt es, den eigenen Markt zu versorgen. Die Nachfrage war
gewaltig. Und so blieben die Motorräder mit 125, 250, 350 und 500 Kubik
im Land der aufgehenden Sonne. Bereits Mitte der fünfziger Jahre betrug
die Jahresproduktion über 200.000 Einheiten, Tendenz steigend. Welche Motorräder es allerdings in Amerika, England, Italien oder
Deutschland gab, war den Japaner dagegen sehr wohl bekannt. Doch zu
haben waren sie nicht. Damit die Bevölkerung treu und brav Produkte
Made in Japan kaufte, hatte die Regierung in Tokio ein Wirrwarr
von Gesetzen, Verordnungen, Einfuhrzöllen und strengen
Devisenbestimmungen erlassen. Diese kaum unüberwindbaren
Importbarrieren waren Schutz für die eigene Wirtschaft. Allerdings mit
einer Ausnahme. Benötigte ein heimischer Hersteller für
Studienzwecke dieses oder jenes Modell, entwickelte der Behördenapparat
plötzlich eine erstaunliche Aktivität. Nicht selten übernahm das
jeweils zuständige Ministerium sogar sämtliche Kosten für die
Beschaffung des Objektes.
Und das nicht nur optisch. Genau nach der britischen
Motorradbautradition war das Triebwerk aufgebaut. Sogar die technischen
Daten schienen abgeschrieben. Die Bohrung betrug 66 mm und der Hub 72,6
mm, woraus sich 497 ccm ergaben. Die Leistung wurde vom japanischen
Hersteller mit 33 PS bei 6000/min, das maximale Drehmoment mit 4,1 mkg
bei 4000/min und die Höchstgeschwindigkeit mit 155 km/h angegeben. Wie
beim BSA-Twin liefen die dicken Kolben im Grauguss-Zylinder parallel auf
und ab. Je zwei im Alu-Zylinderkopf hängende Ventile wurden über
Kipphebel, Stoßstangen, kurze Stößel und der hinter dem Zylinderblock
platzierten Nockenwelle in Bewegung gebracht. Die Steuerung der
Nockenwelle sowie der Antrieb für die Zündanlage und des Generators
erfolgte auf der rechten Motorseite. Versteckt waren die hierfür benötigten
Zahnräder und Lichtmaschinen-Antriebskette hinter einem blankpolierten
Steuerdeckel. Die linke Motorseite schmückte ein ebenfalls glänzender
Primärkasten aus Aluminium, in dem sich eine Duplexkette und die
Mehrscheiben-Kupplung drehte. Zur Minderung der Lastwechselreaktionen
war auf dem linken Kurbelwellenende ein federbelasteter Knaggendämpfer
installiert. Eine Trockensumpfschmierung versorgte das Triebwerk mit dem
lebenswichtigen Öl. Das Vierganggetriebe, wie könnte es anders sein,
fristete sein Dasein in einem separaten Gehäuse hinter dem Motorblock.
Benötigte die Primärkette einen Tick mehr Spannung, wurde die
Verschraubung kurzerhand etwas gelöst und die Schaltbox ein Stück
weiter nach hinten verschoben.
Stolz wie Oskar präsentierten die Firmenbosse ihr neues Topmodell im
Oktober 1965. Doch die westliche Fachwelt konnte sich das Schmunzeln
kaum verkneifen. Die Ähnlichkeit zur BSA A7 war immer noch zu
offensichtlich. Aber nicht nur das. Inzwischen hatte BSA die A7
Modellreihe längst gegen die A65 Generation mit dem neuen Blockmotor
ersetzt. Den Kawa Leuten war das aber egal. Ab 1966 stand die W1 erst
bei den japanischen und bald darauf bei den amerikanischen Händlern in
den Schaufenstern. In Japan wurde sie zum Knüller. Es gab nichts
Vergleichbares. Wer mit der W1 unterwegs war, war im wahrsten Sinne des
Wortes King of the Road. Das Motorrad genoss hohes Ansehen, nicht
zuletzt weil auch die Polizei mit der in schneeweiß lackierten W1P ihre
Dienstfahrten erledigte. Ganz anders die Situation auf dem US-Markt.
Hier holte sich der Copy-Rider Plattfüße. Die amerikanischen
Biker waren aufgeweckt genug, um sich kein X für ein U vormachen zu
lassen. Nicht nur, dass die 650er Kawa wie ein altes englisches Bike
aussah, sie fuhr sich auch so. Der Motor produzierte kräftige
Vibrationen, das Fahrwerk war knüppelhart abgestimmt, und hinsichtlich
des Handlings waren die echten englischen Maschinen spürbar einfacher
zu bewegen. Obendrein war jede aktuelle BSA oder Triumph schneller. Aber
das war nicht der wirkliche Ausschlag für den Misserfolg in den
Staaten. Die Ansprüche an ein modernes Bike hatten sich hier
grundlegend gewandelt. Die echte Männermaschine war nicht mehr
der beinharte Donnerbolzen, der sich ausschließlich nur via Kickstarter
in Gang bringen ließ und an jeder Ecke repariert werden musste; Was
neuerdings zählte, war Komfort, Zuverlässigkeit, seidenweicher
Motorlauf und spritzige Beschleunigung. Verantwortlich für diesen
Sinneswandel war die Honda CB 72 und CB 450, aber auch die agilen 250er
Zweizylinder-Zweitakt-Geschosse von Yamaha und Suzuki. Gegen diese
Maschinen wirkte die W1, bei aller Liebe zur Klassik, wie ein Rauhbein. Kawasaki erkannte die fatale Fehleinschätzung des US-Marktes und
reagierte umgehend. Noch im gleichen Jahr brachte das Werk die A1
Samurai, ein 31 PS starker 250er Zweizylinder-Zweitakt, unters
sportbegeisterte Bikervolk. Ihr folgte die 350er Avenger mit 42 PS und
Ende 1968 die berühmt-berüchtigte H1 Mach III mit dem 60 PS
starken Dreizylinder-Zweitakt- Triebwerk. Auf einmal war der Name Kawasaki in aller Munde. Der junge japanische Motorradhersteller wurde
zum Inbegriff agiler Zweitaktmaschinen. Die Samurai, Avenger und Mach
III waren fantastische Sportler, mit denen sich locker jeder dicke Hobel
verblasen ließ. Es waren rassige "Rennmaschinen mit Straßenzulassung",
die haargenau die Träume damaliger Motorradfahrer erfüllten... Doch zurück zum 650er Poltergeist. Bei uns war der Hamburger Motorradhändler
Detlev Louis für den Import zuständig. 1967 bestellte er fünf
Maschinen, die sich jedoch nur mit Müh und Not verkaufen ließen. Kein
Wunder. Louis wollte für das Nippon-Bike 4830 Mark haben, eine 650er
BSA Spitfire mit satten 55 PS kostete aber nur 4650 Mark. Bei der Lady
wussten die deutschen Motorradfahrer genau, was auf sie zukommt, von der
Kawa hatten sie aber keinen blassen Schimmer. Es gab weder ein
organisiertes Händlernetz noch Testberichte in DAS
MOTORRAD. In Japan lief das Geschäft mit der W1 dagegen ganz
gut. Auch aus Australien trudelten Bestellungen ein. Bis Ende 1966 ließen
sich von der W1 insgesamt 2499 Maschinen an den Mann bringen.
Für das nächste Jahr erhielt sie ihre erste Modellpflege und die
Modellbezeichnung W1SS. Die Kawa-Techniker bestückten den Zylinderkopf
mit zwei Mikuni-Vergasern vom Typ VM 28, erhöhten die Verdichtung von
8,7 auf 9:1 und spendierten ihr kurze Auspuffrohre. Diese Maßnahmen ließ
die Motorleistung des Donnerbolzens auf 53 PS bei 7000/min klettern.
Weitere Merkmale der neuen W1SS waren eine quergesteppte Sitzbank und
die geänderte hintere Schutzblechhalterung. Im gleichen Zeitraum kam die W2SS Commander und ab 1968 die W2TT
auf den Markt. Diese Maschinen waren sogenannte Exportmaschinen, bei
denen die Motorleistung ebenfalls mit 53 PS angegeben wurde. Hier war
der Tank nicht mehr seitlich verchromt, sondern zweifarbig lackiert und
mit großen Lettern stand der Firmenname Kawasaki auf dem 15 Liter
Spritfass. In modernem Design zeigte sich der Lampentopf, direkt darüber
waren die beiden Rundinstrumente, Tacho und Drehzahlmesser befestigt.
Die Auspuffanlage der W2TT sollte den Geschmack der US-Biker ansprechen.
Im wunderschönen Bogen verliefen die beiden Krümmer zur linken
Motorseite, führten knapp über dem Primärkasten entlang und mündeten
in einen gemeinsamen Schalldämpfer. Diese Bauart hatte man scheinbar
von der 1967 vorgestellten Honda CL 450 Scrambler abgespickt. Mit
der hochverlegten Anlage wollte Honda und jetzt auch Kawasaki der
Kundschaft zeigen, dass man mit einem "Scrambler" auf der Straße
und im Gelände fahren könne. Heute werden diese Alleskönner als
Enduro bezeichnet.
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Text&Fotos: Winni Scheibe |
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