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Kunststoffe
- im Wandel der Zeit Plastikbomber
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Das
Material, aus dem die Sachen
gefertigt sind, ist teuflisch gut. Es ist kostengünstig, haltbar und
rostet nicht. Gemeint sind Bauteile aus
Plastik. Ein Ausdruck, den Fachleute allerdings überhaupt nicht
gerne hören. Doch welcher Biker ist schon Kunststoffexperte? Anfang
der 70er Jahre war die Motorradindustrie mächtig stolz. Erstmals im Großserienbau waren Radabdeckungen, Seitendeckel,
Scheinwerfergehäuse und Instrumentenhalterungen aus Plastik. So wurde
jedenfalls dieser neumoderne thermoplastische Kunststoff
umgangssprachlich genannt. Ein Werkstoff, der bald nicht mehr
wegzudenken war und immer häufiger Verwendung fand als
Blinklichtschalter, Luftfilterkasten, Kettenschutz, Sitzbank und zu
guter letzt sogar als Touren- und Sportverkleidungen.
Und
weil vom Motorrad nun plötzlich kaum mehr etwas zu erkennen war und man
nur noch auf Plastik guckte,
erhielten diese Flitzer schnell den Spitznamen Joghurtbecher".
Joghurtbecher deswegen, weil die Verkleidungen eben aus dem gleichen
Werkstoff wie besagte Quarkbottiche waren. Duroplastischer
Kunststoff" Anno
1907 hatte Leo Hendrik Baekeland durch Kondensation von Formaldehyd und
Phenol das Phenolharz (PF) erfunden. 1910 gründete er die Bakelite
Gesellschaft mbH in Erkner bei Berlin, und damit war das Unternehmen
weltweit der erste Hersteller vollsynthetischer Kunststoffe. Der
Handelsname war Bakelit, gleichzeitig bürgerte sich
im Sprachgebrauch der Name Bakelit aber auch als Bezeichnung
für andere Kunststoffe ein. Dieses duroplastische Kunstharz war
transparent oder gelb-braun gefärbt, dunkelte aber mit der Zeit nach und
hatte einen langanhaltenden stinkenden Geruch, war hart und spröde, verfügte
dafür aber über gute Isolationsfähigkeit. Darüber hinaus war er
als Pressmischung bestens zur Produktion von Massengütern
geeignet. Und somit wurde es ein
ideales Herstellungsmaterial für Bauteile in der Elektrotechnik,
z. B Gehäuse, Schalter und Trägerplatten. Beim Hantieren dieser
relativ leichten Bauteile bedurfte es allerdings gewisser Sorgfalt. Das
spröde Material zerbrach bei unsachgemäßer Behandlung
und war für eine Reparatur nicht schweißbar. Ein weiterer
Nachteil war die geringe Temperaturbeständigkeit. Wurde der Kunststoff über
längere Zeit hoher Temperatur ausgesetzt, verkohlte er.
Ab
dieser Zeit gab es den legendären Cromwell-Halbschalenhelm aus diesem
glasfaserverstärkten Polyesterharz, kurz GFK. Das Außenmaterial bestand
aus mehreren Schichten Glasfasergewebematten, die mit Kunstharz getränkt
waren. Die GFK-Schale wurde handlaminiert und zeigte hervorragende
Eigenschaften. Sie war außergewöhnlich stabil, unempfindlich gegen
Witterungseinflüsse und Lösungsmittel, ließ sich individuell lackieren
und nach Lust und Laune mit Aufklebern dekorieren. Heute hat die Knalltüte
Kultstatus.
Voraussetzung
für die einwandfreie Ausführung dieser
Leichtbauteile ist penible Sauberkeit, sorgfältige Arbeitsweise und das
entsprechende Know-how. Ohne handwerkliches Geschick und hinreichende
Erfahrungen geht hier nichts. Thermoplastischer
Kunststoff Ebenfalls
Plastik", aber von einem ganz anderem Schlag, ist der
thermoplastische Kunststoff. Zu dieser Gruppe gehören zum Beispiel die
Polycarbonate. Der Boom dieses Werkstoffs begann Mitte der
sechziger Jahre.
Da
für jedes Bauteil aber ein entsprechendes Formwerkzeug gebaut werden muss,
rentiert sich ihre Herstellung nur in großer Menge. Thermoplastische
Bauteile sind daher immer
Massenprodukte. Als Basismaterial dienen Granulate, die in
computergesteuerten Fertigungsmaschinen zu einer breiigen Kunststoffmasse
erhitzt und anschließend in die geschlossene Form unter Zufuhr von hohem
Druck (mehrere Tonnen) eingespritzt werden. Vom Lichtschalter bis zur mächtigen
Tourenverkleidung, vom Motorradhelm bis zum Topcase werden Gegenstände
aus Thermoplasten hergestellt. In den meisten Fällen kommen die Bauteile,
abgesehen von benötigten Bohrlöchern und Dekors, fix und fertig aus den
Fertigungsmaschinen. Das
Kunststoff Ein-Mal-Eins Duroplastische
Kunststoffe Glasfaserverstärkter
Kunststoff (GFK) Bauteile
aus GFK lassen sich in Einzelanfertigung oder Kleinserie herstellen. Die
Preise für diese Bauteile werden
maßgeblich von der aufgewendeten Arbeitszeit bestimmt. Die Materialkosten
sind nicht so teuer. GFK-Bauteile werden handlaminiert, sind einfach
weiterzuverarbeiten und lassen sich in jeder Farbe lackieren. Anwendungsbeispiele: Radabdeckungen,
Verkleidungen, Sitzbänke, Abdeckungen, Tanks und Motorradhelme.
GFK-Bauteile lassen sich problemlos
(aus Sicherheitsgründen keine Helme!) reparieren.
Aramidgewebeverstärkter
Kunststoff (AFK)
Bauteile
aus Aramid, auch Kevlar genannt (Kevlar ist ein Markenname der Firma De
Pont), sind gegenüber GFK leichter, bruchfester und
schlagzäher. Die Herstellung erfolgt in der gleichen Arbeitsweise
wie GFK. Aramidbauteile lassen sich in jeder Farbe lackieren. Anwendungsbeispiele: Airbox,
Verkleidungen und Radabdeckungen, Aramidgewebe dient auch als
Schleifschutz unter den Protektoren in der Lederkombi oder als
Kombi-Obermaterial. Hybrid-Gewebe (Aramid-Kohlenstoff-Fasern) Dieses
Gewebe ist eine Mischung aus Aramid und C-Faser. Je nach Verwendung ist
die Zusammensetzung der beiden Faseranteile unterschiedlich. Kohlefaser
ist superleicht, hochzugfest und besitzt eine hohe Steifigkeit, hat aber
eine geringe Bruchdehnung und ist
spröde. Dieses Manko fängt des Aramidgewebe auf,
es ist schlagzäh und schleiffest. Anwendungsbeispiele: Radabdeckungen,
Verkleidungen, Sitzbänke, Airbox und Felgen. Kohlenstofffaserverstärkter
Kunststoff (CFK)
Neben
Glasfaser, Aramid und Hybrid-Gewebe hat die C-Faser inzwischen einen hohen
Stellenwert eingenommen. Sie ist das High-Tech Material
unter den Kunststoffen und entsprechend teuer. Der große Vorteil ist
das geringe Gewicht. Die Elastizität von C-Faser-Bauteilen wird durch die
Faserrichtung bestimmt. Bauteile aus diesem Material
können in Faserrichtung hoch belastet werden. Quer zur
Faserrichtung besteht allerdings
Bruchgefahr. Aufgrund dieser Eigenschaft müssen die Kräfte, die auf das
Bauteil wirken, unbedingt bekannt sein. Anwendungsbeispiele: Radabdeckungen,
Verkleidungen, Räder, Tanks, Sitzbänke, Hinterradschwingen und Rahmen.
C-Faserteile lassen sich reparieren.
Thermoplastischer
Kunststoff Thermoplastische
Kunststoffprodukte werden immer unter Temperatur und hohem Druck maschinell hergestellt. Für jedes Bauteil ist eine
kostspielige Stahlform erforderlich. Thermoplastische Bauteile lassen sich
individuell einfärben oder nachträglich lackieren, sind gegenüber
Bauteilen aus Stahl um ein
Vielfaches leichter, Temperatur- und
UV-Licht-beständig, beidseitig glatt, 100prozentig baugleich sowie passgenau,
sie sind pflege- und wartungsfrei. Aufgrund der Massenfertigung lassen
sich selbst hochkomplizierte Bauteile kostengünstig herstellen. Anwendungsbeispiele: Scheinwerfergehäuse,
Lichtschalter, Radabdeckungen, Spiegelgehäuse, Seitendeckel,
Verkleidungen, Sitzbänke, Heckbürzel, Luftfilterkasten, Kettenschutz,
Sicherungskasten, Topcase, Motorradhelme, Packtaschen und vieles mehr.
Zerbrochene Bauteile lassen sich nur mit einem speziellen Schweißverfahren
(aus Sicherheitsgründen keine Helme!) reparieren.
Text:
Winni Scheibe |
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