"Take it Easy"

 Anfang März ist Daytona Beach in Florida kaum wiederzuerkennen.  Das Urlauberparadies verwandelt sich bei der alljährlichen Bike Week zum weltgrößten Mekka für Harley-Davidson Fahrer,  Motorrad-Fans und meinen Oldie-Freund Gerd G.   

Früher waren sie Geheimtipps.  Kneipen und Restaurants, die nicht jeder kannte. Früher, das war noch vor ein paar Jahren. Da war die Bike Week  zwar auch schon gut besucht, aber eben noch nicht mit rund 600.000 Bikern  so rappelvoll. Da konnte man noch gemütlich  nach South Daytona zum "Lighthouse" fahren, im rustikalen Restaurant war gleich ein Tisch zu haben. Oder im  "Charlie Horse", einer urigen Kneipe an der Atlantic Ave, Richtung Norden  ein Stück hinter dem Bellair-Plaza.
Bei der diesjährigen 60. Bike Week ist alles anders, was jedenfalls die Geheimtipps angeht. Unter den Bikern haben sie sich längst rumgesprochen.  Es gibt kaum Parkplätze, überall stehen Motorräder. Bei 98 Prozent der skurrilen Bikes glänzt das Harley-Davidson Logo am Tank. Auch im Lokal ist es voll. Bis die  nächsten Plätze frei werden, kann es über  eine Stunde dauern.

Mein Freund Harry und ich  haben Glück. Harry kennt den Wirt vom "Charlie Horse",  er verschafft uns direkt am Tressen eine Anlaufstelle, wir bestellen unser Bier und  "Golden Wings and Shrims".  Mit Harry bin ich seit einer  Ewigkeit befreundet, er kommt aus dem Nachbarort, 1980 waren wir zum ersten Mal bei der Bike Week. Seit Mitte der 80er Jahre lebt er nun in Daytona B,  Harry gehören inzwischen fast zum "Bike Week-Inventar". Sein Hamburger-Trike, ein motorisierter Cheeseburger aus Plastik mit 1100er   Harley-Sportster Triebwerk, ist die Show schlechthin, da gucken selbst die Amis. Hamburger sind sein Hobby, allerdings nicht essbare, sondern aus Plastik, Keramik, Holz, Gips, Glas, Gummi und wer weiss aus was sonst noch. Seine  Hamburger-Collection umfasst inzwischen über 1000 Exponate, sie ist welteinmalig. Das ist eine Seite von der Bike Week.
Neben uns sitzt ein Biker. Er trägt Cowboy-Stiefel, schwarze Jeans, ein schwarzes  T-Shirt mit "Take it Easy Bike Week 2001"  Aufdruck und eine schwarze Lederjacke mit Totenkopf Pins. Die Sachen sind kaum acht Tage alt. Wir kommen ins Gespräch, stellen uns vor, er freut sich Deutsche kennenzulernen. Bill kommt aus New Hampshire, ist zum ersten Mal bei der Bike Week, er fährt eine Buell. Letztes Jahr war er auf der Isle of Man bei der "TT", erzählt er uns. Er interessiert sich für Moto Cross und die Superbike Rennen, zeigt uns ein Bild von seinen drei Töchtern und verrät, dass er  glücklich verheiratet sei. Was aber hier in Downtown und in der Main Street los ist, hat er nicht erwartet, das ist ja die Hölle, full crazy. Aber es gefällt ihm, er fühlt sich wohl, Biker sind eben eine große Familie. Der Abend wird lang, wir Lachen, haben  viel Spaß und verabreden uns. Er gibt uns seine Telefonnummer, er wohnt im Nobelhotel "Adam´s Mark", die Nacht für 350 Dollar. Das ist die neue Seite von der Bike Week.     
Über Langeweile braucht sich keiner zu beklagen. Eigentlich ist immer irgendwas und
irgendwo los.  Eben Halligalli von morgens bis spät in die Nacht. Ein Highlight jagt das andere, wer jammert, kann  gleich zu Hause bleiben. Bike Week bedeutet für die Daytonianer  Big Business. In der Main Street werden  die Souvenirläden an clevere Händler vermietet. Alles, was der echte Biker auf der Haut trägt oder tragen sollte, ist hier zu haben. Das große Geschäft sind T-Shirts, das Tragen fast schon Pflicht. Wer keins anhat, outet sich als schnöder Tourist oder einer, der keine Ahnung hat.

Harley Oldie Racer

Indian Treffen

Jeder, der in Amerika eine Harley besitzt, scheint hier zu sein, fährt mindestens zehnmal pro Tag die Main Street rauf und runter. Die, die einen Parkplatz gefunden haben, hatten Glück oder waren schon  um 7 Uhr a.m. da. Wer später kommt, hat Pech gehabt, die besten Plätze sind längst besetzt. Sehen und gesehen werden, das isses. Alle Milwaukee Stahlrösser sind gewienert, blinken und glitzern. Besonders das Zubehör, denn kein Bike ist  serienmässig, Customizing heißt das Zauberwort. Die Bikes sind grell und megalaut. Das vermittelt  Lebensfreude, Ausgelassenheit, Unabhängigkeit, Emanzipation  und Freiheit, kurz, das ist das berühmte "American way of life  Feeling". Erlaubt scheint alles, man ist ja schliesslich  "im Land der unbegrenzten Möglichkeiten". Nichts ist unmöglich und wen juckt da schon "Laut ist Out" oder gar eine  "Helmpflicht". Seit  Mitte 2000  dürfen in Florida Biker "oben ohne" fahren, vorausgesetzt ihr Feuerstuhl ist versichert.  Und mit  "Sicherheitskleidung" braucht  denen erst gar keiner zu kommen: "Born to be Wild"! Bis Mitte der Woche sprach man bereits von fünf Toten. Das ist die Schattenseite der Bike Week.

Ähnlich viel los wie in der Main Street ist in der North Beach Street bei der Harley-Davidson Vertretung von Daytona. Auf einer gigantischen „Biker-Meile“ zeigen  namhafte US-Customizer, was sich aus einer Harley-Davidson für viel, sehr viel  Geld alles machen lässt. Das Angebot ist überwältigend, Ideen, Kreativität und  Qualität können überzeugen. Es geht zu wie auf einem Jahrmarkt.  Man könnte es allerdings auch anders nennen: es ist  Hollywood, Disneyland und Kennedy Space Center und das  alles auf einmal. Es werden Prospekte gesammelt, Informationen eingeholt, Teile gekauft, Verträge unterschrieben.
Zwar mit nicht ganz soviel Rummel, dafür mit "Herz und Seele" geht es bei den verschiedenen Teilemärkten und Markentreffen zu. Wer sich für Oldtimer und Klassiker interessiert, ist hier genau richtig. Das ist die Bike Week fürs feeling.     

Flat Track Racing

                            Willies Museum

Und dann gibt es noch die Momente, die man so schnell nicht vergißt. Zum Beispiel wie Arlen Ness, Oberguru in der amerikanischen Custom-Szene,  Autogramme gibt, geduldig sich mit Bikern fotografieren lässt und wenig später an Kunden mickrige  Chromschrauben für 2,50 Dollar das Stück verkauft. Oder wie Harley-Davidson Superstar Willie  G. Davidson, Urenkel der Firmengründerfamilie,   Wolfgang Knitterscheidt aus Bad Nauheim persönlich zum Erfolg bei der weltberühmten „Rat´s Hole Custom Chopper Show“ gratuliert. Einer Sensation gleich kommt der Auftritt von Hollywood Megastar Peter Fonda. Für ein Autogramm stehen sich die Biker die Beine in den Bauch. Auch dreißig Jahre nach Easy Rider verehren sie "Captain America", für sie war und ist er auch heute noch ein Nationalheld.

Wolfgang Knitterscheidt + Willie G.Davidson

Captain America Peter Fonda

Alles wird wird geknipst und gefilmt. Schließlich muss man zu Hause ja zeigen, was in Daytona los war. Glauben würde es sonst eh keiner und das ist die schöne Seite an der Bike Week, man hat sie so das ganze Jahr im Wohnzimmer.  

Text&Fotos: Winni Scheibe


 
www.classic-motorrad.de

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