Den 10.
September 1967 wird Manfred Loth, Jahrgang 1943, so schnell nicht
vergessen. An diesem Sonntag wurde sein Sohn Matthias geboren. Aber noch
etwas passierte an diesem Tag. Mit einer 125er Bultaco gewann er das
Avus-Rennen. Es war sein erster Sieg überhaupt und gleichzeitig auch
sein bisher spektakulärster Erfolg. Rund 30.000 Schlachtenbummler
verfolgten das Rennen. Besonders den Berliner Fans ging Manfred Loths
Sieg wie Öl runter, schließlich war er der erste Berliner, der ein
Motorradrennen auf der Avus
gewonnen hatte. Und noch dazu auf
dem legendären Kurs mit der saugefährlichen
Klinkerstein-Steilwandkurve vor Start und Ziel. Einen Tag später ging sein Sieg ins Geschichtsbuch ein. Ab dem
11. September 1967 wurde die „Avus“-Steilwandkurve
abgerissen, der Streckenabschnitt entschärft und mit einer Asphaltdecke
versehen.
Trotz des Erfolges blieb „Manne“, wie er
meist im Fahrerlager genannt wurde,
weiterhin Privatfahrer. Mit dem
Motorradrennsport ließ sich damals noch nicht das große Geld verdienen. Da vertraute er lieber auf
seinen erlernten Beruf als Heizungs- und Sanitäts-Techniker. Den er, um
es hier gleich
vorwegzunehmen, ausnahmslos während seiner gesamten Motorsportlaufbahn ausgeübt hat. In seiner Freizeit beschäftigte sich der
Wahlberliner, ihn zog es 1963 vom schwäbischen Kirchheim-Teck in die
damals noch geteilte Metropole, allerdings mit seinem Hobby: Motorrädern.
Und das waren in der Regel Zweitakter. Der 125er Bultaco folgte 1968
eine 250er Bultaco-Rennmaschine. Ab 1971 fuhr er in der 250er und 350er
Klasse mit Produktionracern
von Yamaha.
Manne Loth 1973 auf 350er Yamaha
Als Doppelstarter beteiligte sich Manne in
der Deutschen Meisterschaft, startete bei
internationalen Rennen in Holland und England und fuhr im
Ostblock, vornehmlich in der Tschechei, Ungarn und Jugoslawien.
„Damals bin ich pro Jahr zu rund 30
Veranstaltungen quer durch Europa gefahren, wobei An- und Abreise jedes
Mal die gleiche Tortur bedeutete,“ erinnert sich Manne Loth. „Egal
wohin wir West-Berliner wollten, wir
mussten immer zwei Grenz-Kontrollstellen passieren und auf der
Transitautobahn durch die DDR durfte man niemals schneller als 100
Sachen fahren. Oft wurden
die Kontrollen an den Grenzübergängen
verzögert, sie dauerten
dann stundenlang.“
Von den willkürlichen Schikanen der
ostdeutschen Grenzer und der DDR-Volkspolizei auf der Autobahn möchte
er dagegen lieber nichts erzählen. Für ihn ist das Thema längst
abgehakt, aber nicht vergessen. Schließlich ist es ein Teil
deutsch-deutscher Geschichte. Aber deswegen zurück in den Westen
ziehen, kam für ihn damals nie in Frage. Ganz im Gegenteil. Längst war
er mit Herz und Seele Berliner geworden, und das Häuschen, das er sich
inzwischen gebaut hatte, stand so dicht an der Grenze, dass
zur Südseite kein Zaun gebraucht
wurde, das Grundstück reichte nämlich direkt bis an „die Mauer“.
Bis Mitte der siebziger Jahre war
Manne Loth in der 250er und 350er Klasse immer für
Top-Plazierungen gut. Viele
Rennen hat er gewonnen, oft stand er auf dem Siegerpodest und einmal
wurde er in der Deutschen Meisterschaft Dritter. Auch ein Sponsor
unterstützte ihn, der Berliner Motorradhändler Klaus Bischoff.
Trotzdem, in sein Hobby steckte der Privatfahrer Jahr für Jahr jede
Menge Geld. Soviel, wie er sich eben leisten konnte, um aber an das wirklich schnelle
Material zu kommen, war es meist
jedoch zu wenig. Und
da wo es fehlte, sorgte er durch fahrerischen Einsatz für den
Ausgleich. Talent und Mut waren vorhanden, dass es dabei aber oft bis
zum Limit, und auch manchmal darüber ging, blieb nicht aus. Narben von
Sturzverletzungen erinnern ihn noch heute an die draufgängerische
Rennerei. Mit 32 Jahren gab es für ihn 1975 kaum noch eine Chance, ein
Angebot als Werksfahrer zu bekommen. Und so war es eigentlich nur noch
eine Frage der Zeit, bis er Helm und Lederkombi an den Nagel hängen würde.
Mitte 1975 war es dann auch fast so weit.
Allerdings nur was den Motorradrennsport betraf. Vom Berliner
Bootsmotorenhersteller Dieter König bekam er die Gelegenheit ein
Rennboot, einen sogenannten „Proprider“,
zu testen.
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erstes Bootrennen noch in
Motorradkombi
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„Gleich nach diesem Erlebnis war mir klar,
dass ich eine neue Herausforderung gefunden hatte,“ lässt der
Zweitaktfan wissen und fügt mit einem verschmitzten Schmunzeln hinzu,
„zwar war es nur ein 250er Rennboot, doch wenn man zum ersten Mal in
einem Proprider liegt und so bei gut 150 Sachen mit der
Nasenspitze nur knapp über die
Wasseroberfläche rauscht, kann
von Langeweile keine Rede sein.“
Überzeugende Argumente kamen dem „Frontwechsel“
entgegen. König-Motoren
waren nicht nur auf dem Wasser außergewöhnlich erfolgreich,
seit Anfang der Siebziger engagierte man sich
mit dem 500er drehschiebergesteuerten
Vierzylinder-Zweitakt-Boxermotor auch in der Motorrad-WM. Versuchsingenieur und König-GP-Pilot Kim Newcombe wurde 1973 in
der 500er Klasse, hinter Phil Read auf MV Agusta, Vize-Weltmeister. Noch besser schnitten Steinhausen/Huber ab. Die Dreiradakrobaten gewannen mit ihrem König-Gespann 1975 und 1976 die Seitenwagen-WM.
Ähnlich wie im Straßensport war auch auf
dem Wasser die richtige Abstimmung des Zweitakt-Aggregates eine immens
wichtige Angelegenheit. Und
in dieser Materie kannte sich Manne Loth bestens aus. Schließlich war
er in seiner Zweiradkarriere Fahrer
und Cheftechniker in einer Person gewesen. Ebenfalls begeisterte
ihn die Fahrtechnik des Rennbootes. „Um mit einem Proprider richtig
schnell zu sein, ist enormes Fingerspitzengefühl und das richtige Set-up
erforderlich. Je nach Kurs, Austragungsort und Wasserbeschaffenheit
stehen bis zu 30 unterschiedliche Antriebspropeller zur Auswahl,“ verrät
Loth. „Bei Vollgas gleitet man auf dem Luftpolster zwischen Bootsrumpf
und Wasseroberfläche, nur Propeller und Stabilisierungsflosse sind noch im Wasser. Auch das Einlenken in
die Wende ist eine Kunst für sich. Um die Kurve optimal zu nehmen, muss
man auf dem flachen Wasser,
Anhaltspunkte gibt es hier nicht, genau wissen, wo man das Gas zudreht.
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im Proprider
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fast 200 Sachen schnell
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Man braucht ein gutes Gefühl für
Geschwindigkeit, Weg und Zeit und hierbei kam mir meine
Motorradrennerfahrung sehr zu Gute.“
Ab 1976 stieg der Berliner nicht mehr auf
seine Rennmaschinen, sondern legte sich „bäuchlings“ in den 250er
Proprider. Am Ende seiner ersten Saison auf dem Wasser war er in
der DM Dritter. Was in den nächsten Jahren folgte, wurde zum
sensationellen Aufstieg des erfolgreichsten Rennbootfahrers der Welt.
Bei manchen Veranstaltungen startete Manne Loth in der 250, 350 und
500er Klasse, bei anderen Rennen in der 350er und 700er Klasse.
Insgesamt fuhr er in vier Klassen, und immer mit umweltfreundlichen
Methanol betriebenen König-Zweitakt-Motoren.
Der 250er Proprider leistete 70 PS und war
160 km/h schnell, das 350er Boot hatte 95 PS und ging knapp 170 km/h,
die 500er und 700er Boote hatten rund 150 PS und kamen auf fast 200 Stundenkilometer. Seine
Erfolge gingen sogar ins Guinnessbuch ein: zwölfmal Deutscher Meister, fünfmal Europameister, dreimal Vize-Weltmeister, dreimal
Weltmeister, und „so
nebenher“ gewann der schnelle Berliner als Punktbester europäischer Fahrer viermal die „Trophae
Bussey“.
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in allen Klassen schnell
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Die Bootsrennerei brachte ihn rund um die
Welt, er lernte Land und Leute kennen,
schloss viele Freundschaften. Nach 28 Jahren Rennsport, 14 Jahre
mit Motorrädern und 14 mit Propridern, beendete der sympathische
Vollgaspilot 1989 seine Sportlerkarriere.
Langweilig ist es ihm bisher allerdings nicht geworden. Endlich kann sich der Berliner wieder seinem
Motorrad-Hobby widmen. Nach und nach kaufte er seine ehemaligen Rennmaschinen zurück, restaurierte sie und
stellte sie in das hierfür extra hergerichtete
Dachzimmer.
Auch die vielen Urkunden, Pokale und
Siegerkränze bekamen nun einen standesgemäßen Platz, immerhin sind es
über 2000 Trophäen!
Seiner Leidenschaft für Zweitakter ist er
treu geblieben, mit einer Aprilia
RS 250 Straßenmaschine düst er nach Most, nach Oschersleben und zum Sachsenring.
Am 7. November 1998 war Manne beim 23.
Rennsport-Meeting vom Fan-Club Sachsenring.
Hier traf der Berliner den achtfachen Weltmeister Phil Read und den sechsfachen Weltmeister Jim Redman, über was sich die drei Vollgaspiloten unterhalten haben, dürfte klar
sein...
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"17
WM-Titel"
Read 8x, Redman 6x und Loth 3x Weltmeister
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Text: Winni Scheibe
Fotos: Archiv Loth, Scheibe