“Zeit-Maschine“



Den Sprung  in die Vergangenheit gibt es ab 4700 Euro. Dafür bekommt man die 500er Enfield Bullet. Seit rund 60 Jahren wird der Dampfhammer fast unverändert gebaut.  

Das Motorrad wirkt rustikal und antik. Auch kein Wunder. So wie die funkelnagelneue 500er Enfield Bullet dasteht, rollte sie bereits vor gut 60 Jahren aus der englischen Werkshalle.  


 Royal Enfield

Damals allerdings noch aus der Royal Enfield Fabrik in Redditch. Nach der großen Pleite der britischen Motorradindustrie, Ende der 60er Jahre, schlitterte auch Royal Enfield in den Konkurs, und man verscherbelte die gesamte Fertigungseinrichtung samt der Firmenrechte ins ehemalige Kolonialland nach Madras/Indien.  
Nach altbewährtem Muster wurde dort dann weiter produziert. Stück für Stück, alles in Handarbeit. Zubehörteile wie zum Beispiel Vergaser oder Batterie stammen aus dem Lizenzbau. Und so wundert es nicht, dass die Nachkriegstechnik einfach stehen geblieben ist. Nach echter britischer Bauart wird die Enfield Bullet 500 bis heute immer noch so gebaut, als uriger 500er Einzylinder-Langhuber mit 90 mm Hub und 84 mm Bohrung, außenliegender Ölleitung, separatem Primärkasten und Getriebegehäuse, polierten Gehäusedeckeln, bauchigem Tank, breiten Schutzblechen, Trommelbremsen  und klassischen Speichenrädern. Ein Bike, das die Herzen der Oldtimerfreaks höher schlagen lässt - ein echter Klassiker frisch vom Werk. Wo gibt es so etwas noch heute?
Wer mit  dem exotischen Orient-Dampfhammer englischer Abstammung unterwegs ist, fühlt sich tatsächlich in die Zeit von damals zurückversetzt. Als Motorradfahren eben noch "Männersache" war und die "Windgesichter" was vom Schlossern verstanden. Bereits das Losfahren will gelernt sein. Benzinhahn öffnen, Choke ziehen, Zündung einschalten, mit dem Kickstarter den dicken Kolben über OT bringen, dann Schwung nehmen und beherzt auf den Hebel dotzen - einen elektrischen Anlasser sucht man vergeblich. Ist das Ritual vorschriftsmäßig erfolgt, blubbert der langhubige Motor kernig los. Der Schalthebel liegt, wie es früher allgemein üblich war, auf der rechten Seite, der erste Gang wird nach oben, alle weiteren drei nach unten geschaltet. Entsprechend dieser Bauart wird mit dem linken Fuß die Hinterradbremse betätigt.
Ist die Bullet in Schwung und der vierte Gang eingelegt, braucht sich der Maschinist kaum noch Gedanken machen. Kraftvoll schiebt das 500er Triebwerk die Fuhre auf 110 Sachen.   

Nervöses Herumgefummele mit dem Schalthebel oder Drehzahlorgien sind dem Bike fremd und sogar ein Gräuel. Motorvibrationen, heute vielfach verpönt, waren in vergangenen Tagen und sind bei dieser Maschine immer noch das untrüglichste Zeichen, dass es vorwärts geht. Mit jeder Drehung der Kurbelwelle rückt man bedächtig seinem Ziel ein Stück näher. Gemütlich und bewusst lässt man die Maschine dahinrollen, genießt die Landschaft und achtet auf die nächsten Kurven, denn auch das Bremsen will gelernt sein. Die Trommelbremsen kommen ihrer Aufgabe zwar nach, doch im direkten Vergleich zu modernen Scheibenbremsen schneiden sie schlechter ab. Ein weiterer Grund, vorausschauend zu fahren.
Schnell findet man mit dem englisch/orientalischen Bike einen ruhigen, ausgeglichenen Fahrrhythmus. Vor der Kurve wird früh genug das Gas weggenommen, man rollt durch den Streckenabschnitt, und nach der Krümmung wird wieder Gas gegeben. Begleitet wird die Bewegung vom kernigen "buff-buff-buff" aus dem Auspufftopf und hin und wieder vom "klack-klack" beim Schalten des Getriebes. Die Enfield ist nicht perfekt, sie hat aber Charakter. 90-Millimeter Hub gehören eben nicht nur zur Weltanschauung der Puristen oder Chopperfahrer.  Royal Enfield gehört zu den ganz frühen englischen Motorradherstellern. Die Bullet-Modellreihe kam 1937 auf den Markt. Das kernige Einzylinder-Bike gab es mit 350 und 500 ccm.
Ohne nennenswerte Modifikationen blieb der Dampfhammer bis 1962 im Programm. Ab 1954 begann in Indien die Produktion von Militärmotorrädern und nach der Firmenpleite 1970 wurden sämtliche Produktionseinrichtungen  ins ehemalige Kolonialland verkauft. Seit dieser Zeit wird die Bullet "Made in India" in Madras gebaut.  

" Enfield"  auf  Reisen

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Technische Daten:               Enfield Bullet 500

Motor:

Einzylinder-OHV-Viertakt-Motor;

Hubraum: 499 ccm, 

Bohrung x Hub: 84 x 90 mm; 

Leistung: 16 kW bei 4600/min;

Vierganggetriebe,

Kettenantrieb

Fahrwerk:

Einrohrrahmen, Telegabel, Schwinge mit  zwei Federbeinen; 

Bereifung: vorn 3.25 x 19,  hinten 3,50 x 19; 

vorn Duplex-Trommelbremse Ø 178 mm, 

hinten Simplex-Trommelbremse  Ø 153 mm; 

Gewicht: 180 kg; 

Tankinhalt: 14,5 Liter, 

Benzinverbrauch: 3,5 l/100 km

Wem die 22 PS zu lasch sind, kann von Fritz W. Egli  und Jochen Sommer verschiedene Tuning- Sachen bekommen. 

*  Zylinderkopftuning 27 PS
*  Big-Bore-Kit 535 ccm, 30 PS    
*  Motortuning "Superbullet" 624 ccm, 40 bis 44 PS
*  Performance-Zündung
*  Drehzahlmesser
*  High-Volume-Ölpumpensystem
*  Ölkühler
*  Performance-Kupplung
*  Performance-Vierganggetriebe

" Vom Biedermann zum Brandstifter “  

Was sich aus der behäbigen Bullet machen lässt, zeigt die „Egli-Enfield 624 Scrambler“. Technik und Optik hat der Eidgenosse Fritz W. Egli radikal verändert. Das modifizierte und getunte 624 ccm-Triebwerk leistet nun 43 PS und verfügt über “mächtig Dampf aus dem Keller“. Damit die Power problemlos ans Getriebe kommt, wurde vom Tuning-Guru Egli der Primärantrieb auf Zahnriemen-Antrieb und die Ölbadkupplung auf eine Racing-Trockenkupplung umgebaut. Ein 7 Liter Alutank, Alu-Schutzbleche und Felgen, sowie “das Reduzieren aufs Wesentliche“ bringen die Egli-Scrambler“ auf nur 155 kg.  

Kontaktadressen:  

Schweiz  

Egli Motorradtechnik AG

Hauptstraße 14/15

CH-5618 Bettwil  

www.egli-racing.ch

Deutschland

Jochen Sommer

Hauptstraße 85

D-65817 Eppstein  

www.royal-enfield.de

Royal Enfield Classic Racing

Royal Enfield Motorcycle Racing

Text: Winni Scheibe
Fotos: Scheibe, Frohnmeyer 

 
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