In
ihrem Wesen sind Japaner höflich und harmoniebetont. Nein sagen, sich
beschweren oder diskutieren ist nicht ihr Ding. Am liebsten würde sie immer
mit "Ja" antworten, ganz wichtig für sie ist "ein gutes Gefühl
haben". Ist etwas schief gelaufen, sind nicht die Anderen schuld, man
entschuldigt sich selber. Erwartungen und Qualitätsansprüche an alle möglichen
Produkte sind allerdings sehr hoch. Steht "Made in Germany" drauf,
sind sie noch höher.
Viele Japaner meinen sogar, alles, was aus Deutschland kommt, sei erheblich
besser als die eigenen Sachen. Über unser Land weiß man sehr viel, man kennt
bedeutende Städte, Schlösser, Burgen, Dichter, Denker, Komponisten,
Ingenieure und Firmen. Und dazu gehört BMW, BMW verkörpert für sie nämlich
ein Stück deutsche Tradition.
Dass ausgerechnet wir so angesehen sind, hat seinen Grund. Vor 1868 war es Ausländern
bei Todesstrafe verboten das Land zu betreten, erst danach öffnete sich das
Inselreich dem Westen. Im damaligen Deutschen Kaiserreich fand die japanische
Monarchie viele Parallelen. Man übernahm kulturelle, wissenschaftliche und
technische Errungenschaften, und als Verbündete im Zweiten Weltkrieg wurde
der Kontakt weiter ausgeprägt. Japaner verehren und respektieren Deutschland,
und das ist bis auf den heutigen Tag so geblieben.
Mit einer BMW F 650 GS bin ich unterwegs, möchte Land und Leute und die
einheimische BMW-Szene kennen lernen. In Begleitung von Dr. Hans-Jörg Geduhn,
Chef von BMW Motorrad Japan, brauche ich mir um den richtigen Weg zum Glück
keine Gedanken machen. Schilder lesen, Orientieren, durchfragen und zurechtfinden wäre für mich mit immensem Zeitaufwand verbunden. Als
"Gaijin" (jap. für Fremder) ist man im Tages- und Verkehrsalltag
verloren.
Ganz gleich, ob man zum ersten Mal, oder wie ich, bereits zum vierten Mal in
Japan ist. Man fühlt sich wie ein I-Männchen am ersten Schultag, lesen,
schreiben, sprechen und verstehen: Fehlanzeige. Zwar sollte man ein paar Worte
wie "konnichi wa" (guten Tag), "sayonara" (auf
Wiedersehen), "hai" (ja), "iie" (nein) und vielleicht noch
"domo arigato" (vielen Dank) können, weit bringt es einen aber
nicht.
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Eine gepflegte BMW R69S kostet in Japan um die
60.000 Mark
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Welchen
Stellenwert "Made in Germany" im Land der "Big-Four" genießt,
erlebe ich bei der Boxer-Rally. Das BMW-Oldtimer-Meeting findet diesmal rund
50 km westlich von Hamamatsu nahe der Stadt Okazaki in der Präfektur Aichi
beim romantisch gelegenen Bergrestaurant Kuwaya Sansou statt. Schon die
Anfahrt zum Treffen ist ein Erlebnis. Verwinkelte kleine Straßen führen
durch eine Landschaft, die an den Schwarzwald erinnert. Nur auf wenigen geraden
Streckenabschnitten klettert die Tachonadel kurz bis zur 80 km/h-Marke. Aber
auch das ist schon schneller als die Polizei erlaubt. Das
generelle Tempolimit auf Landstraßen liegt bei 60 km/h, ist aber vielfach auf
50 oder sogar nur auf 40 km/h beschränkt. Nun aber gleich die gute Nachricht:
Es hält sich keiner dran. Aufmerksam und konzentriert muss man trotzdem
fahren, besonders als Ausländer - in Japan herrscht nämlich Linksverkehr.
Zum BMW Klassiker-Jahrestreffen sind über fünfzig Teilnehmer mit picobello
restaurierten Schwingenmodellen gekommen. Die meisten Fahrer tragen
Wachscotton-Jacken und Cromwell Halbschalenhelme. Sie sind per Achse
angerollt, einer von ihnen hat sogar über 400 km Fahrstrecke hinter sich
gebracht. Viele Maschinen stehen wie neu da, die besten Exemplare haben einen
Wert von 60.000 Mark. Wimpel, Aufkleber und Plaketten zeigen die Liebe zum
Detail. Wir reden Benzin, beantworten Fragen über Deutschland und wie man bei
uns Motorrad fährt. Sanada Terufumi zeigt uns ein Bild von seinem BMW-Gespann
und erzählt, dass in der PS-Ausgabe 5/1978 genau über diese Maschine ein
Bericht erschienen ist. Terufumi-san (san jap. Herr) sammelt alles, was er über
BMW bekommen kann, nur ausgerechnet diese Zeitung fehlt noch in seinem Archiv.
Oldtimerfans sind rund um die Welt doch eigentlich alle gleich, geht mir durch
den Kopf. Fachkundig, auf "ihre Marke" eingeschworen, kennen und
wissen sie alles, reden über ihre Maschine, erklären, wie etwas
funktioniert, tauschen Reparaturtipps aus, geben ihre Erfahrungen gerne
weiter.
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Dr. Hans-Jörg Geduhn mit zwei eingefleischten
japanischen Boxer-Fan
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BMW-Motorradboss Dr. Hans-Jörg Geduhn, Franz Josef
Schermer, Winni Scheibe, Kuninori Zhinguuji
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Dank
meines Dolmetschers Hans-Jörg Geduhn, er spricht fließend Japanisch, lässt
sich tief in die Zweiradmaterie abtauchen. Einen interessanten Einblick in die
japanische Motorradgeschichte erhalte ich vom Initiator der Boxer-Rally
Kuninori Zhinguji und erfahre, dass bereits 1908 Torao Yamaba (nicht zu
verwechseln mit Yamaha!) einen gewaltigen 500 ccm Einzylinder-Viertakt-Motor
an ein Fahrrad gebastelt hatte. Ob es tatsächlich das erste japanische
Motorrad war, weiß heute aber so genau keiner mehr. Fest steht nur, genau wie
in der westlichen Welt beschäftigten sich um die Jahrhundertwende auch im
Nipponland pfiffige Handwerker mit der Herstellung von Motorrädern. Geschlossert wurde in winzigen Werkstätten, von einer
Massenproduktion konnte jedoch noch lange keine Rede sein. An dieser Situation
sollte sich bis Anfang der fünfziger Jahre nichts ändern.
Bis auf eine Ausnahme: Harley-Davidson erlaubte via Lizenzvertrag den
Nachbau der 750er V2-Maschinen. Mit amerikanischem Know-how entstand 1934 in Shinagawa bei Tokio so das erste japanische Motorradwerk mit
dem Markennamen "Rikuo". Hauptabnehmer waren Armee und Behörden.
Bis 1945 wurden rund 18.000 Harley-Kopien produziert. Die Firma genoss hohes
Ansehen, die Maschinen waren haltbar und zuverlässig. Keines der anderen
einheimischen Motorräder kam an die Qualität und Exklusivität der
Rikuo heran. Privatleute, die sich eine bekannte Marken-Maschine aus den USA
oder Europa zulegen wollten, mussten tief in die Tasche greifen. Denn die
kaiserliche Administration sah Motorfahrzeuge von den "Langnasen" im
Inselreich überhaupt nicht gern. Anfang der dreißiger Jahre beschloss das
Kabinett ein Gesetz, das den Zolltarif für Import-Motorräder auf 700 Prozent
festsetzte.
Nach Kriegsende lag Japan - genau wie Deutschland - in Schutt und Asche, an
allen Ecken und Enden wurden preisgünstige Transportfahrzeuge gebraucht. Die
zerstörte Industrie, so makaber es klingen mag, wurde Japans wirtschaftliches
Glück. Man investierte auf "Teufel komm raus", überall
entstanden neue Fabriken. Allein in der Moped- und Motorradbrache gab es bald
weit über hundert Firmchen und Firmen. Die Nachfrage nach
"Feuerstühlen" war gewaltig und so blieben Mopeds und Motorräder
zunächst im Land, bei der starken Inlandsnachfrage dachte noch niemand ans
Exportgeschäft.
An ein ausländisches Motorrad war dagegen kaum zu denken. Damit die Bevölkerung
treu und brav Produkte "made in Japan" kaufte, hatte die Regierung
in Tokio, ähnlich wie bereits in den dreißiger Jahren, ein Wirrwarr von
Gesetzen, Verordnungen, Einfuhrzöllen und strengen Devisenbestimmungen
erlassen. Diese kaum überwindbaren Importbarrieren waren zum Schutz für die
eigene Wirtschaft verhängt worden. Allerdings mit einer Ausnahme: Benötigte
ein heimischer Hersteller für "Studienzwecke" dieses oder jenes
Modell, entwickelte der Behördenapparat urplötzlich eine erstaunliche
Aktivität. Nicht selten übernahm das jeweils zuständige Ministerium sogar
einen Teil der Kosten für die Beschaffung des Objektes. Beste Beispiele für
diese "Kopien" war DSK und Marusho. Im eins-zu-eins Maßstab
fertigten die beiden Firmen Replicas von BMW 250er Einzylinder- und 500er
Boxer-Maschinen.
Für
den Import der ausländischen Nobelmarken BMW, Horex, BSA und Triumph war die
Firma Yamada Rinseikan bis Ende der 50er Jahre zuständig. Danach übernahm
die Balcom Trading, die gleichzeitig für Harley-Davidson
zuständig war, als Generalimporteur das Geschäft. Balcom Trading war von fünf Motorrad verrückten
amerikanischen Offizieren gegründet worden, die ursprünglich als
Besatzungssoldaten nach Japan gekommen waren. Ähnlich wie auch bei Yamada
kamen unter ihrer Regie nur wenige BMWs ins Land. Die strikten
Einfuhrbestimmungen erlaubten das Geschäft nur mit ausgewählter Kundschaft,
und die musste nicht nur viel Geld sondern auch viel Geduld mitbringen.
Lieferzeiten von über sechs Monaten waren die Regel, ein Händlerlager gab es
nicht. Jährlich kamen so kaum mehr als zwanzig Boxer-BMWs ins Land.
Erst im Oktober 1981 wurde die BMW Japan Corp. in Tokio gegründet und übernahm
ab dann die Aktivitäten von Balcom Trading. Seitdem gibt es ein reguläres
Motorradgeschäft mit Maschinen- und Ersatzteillagerhaltung und dem dazu gehörigen
Service.
Doch zurück zur Boxer-Rally. Ein Großteil der R 50, R 50 S, R 60 und R 69 S
Schwingen-Modelle sind erst in den 80er Jahren aus den USA oder Deutschland
nach Japan gekommen. Damals, in der Zeit der Bubble Economy, hatten viele
Geschäftsleute zum ersten Mal richtig Geld, um sich ihre Jugendträume
verwirklichen zu können. Entweder erfolgte der Import durch die BMW-Fans
selbst oder über Zhinguji-san. Der rührige Boxer-Spezialist beschäftigt
sich seit 1973 professionell mit den Schwingen- und anderen Modellen aus den
Baujahren von 1950 bis 1969. Er hat eine picobello eingerichtete Werkstatt und
ein gewaltiges Ersatzteillager, wo es bestimmt sehr viel gibt, wonach man in
Deutschland lange suchen muss. Allerdings alles zu gesalzenen japanischen
Preisen. Zhinguji-san ist auch offizieller Händler für die Produkte der
mobilen Tradition der BMW AG.
Bei einigen Maschine zeigt uns der Boxer-Experte, wie penibel in Japan die BMWs
restauriert werden. Lackteile sind grundsätzlich lackiert und nicht
Kunststoff beschichtet, anstelle von Edelstahlschrauben werden wie früher 8.8
Schrauben verwendet, und genau wie damals sind die Kronmuttern mit Splinten
gesichert. Kerzenstecker und Abblendlichtschalter sind original Bosch Zubehörteile.
Wie viele Schwingen-Modelle es inzwischen in Japan gibt, kann Zhinguji-san nicht
sagen. Nach seiner Erfahrung mit dem Ersatzteilhandel und durch Kundengespräche
sind viele Maschinen überhaupt nicht angemeldet, sie stehen irgendwo in den
Garagen oder in Wohnzimmern als Sammlerstücke. Es gibt viele wohlhabende
Japaner, die sich ein kleines Motorrad-Privatmuseum zugelegt haben, von dem
nur ihre Freunde und Verwandte etwas wissen. Seltene Stücke, wie zum Beispiel
die Kompressor-RS, sind in ausgezeichnetem Zustand anzutreffen. BMWs werden
gehegt und gepflegt. Ganz anders als die BMW Kopien von DSK oder Marusho,
diese Maschinen sind fast alle verschrottet worden, und im erlauchten
BMW-Boxer Kreis will von diesen Imitationen sowieso keiner etwas wissen.
Neben
Zhingujis Boxer-Shop gibt es noch einige weitere kleine Läden, die sich in
den letzten Jahren auf Schwingenmodelle spezialisiert haben. Der dienstälteste
BMW-Händler ist allerdings "Tairiku Motors", Inhaber und
Werkstattchef Ota-san wird auf weit über 70 Lenze geschätzt. Seit 1959 ist
Ota-san BMW-Händler, er kümmert sich inzwischen aber fast nur noch um neuere
Modelle. Dafür steht in seinem Schaufenster im Stadtteil Mita in Tokio das
original BMW RS-Gespann von Arsenius Butscher. Kunden mit Schwingenmodellen sind bei ihm aber auch gut aufgehoben, er kann die alten
Modelle mit geschlossenen Augen reparieren.
Bei der Boxer-Rally ging es ruhig und gesittet zu. Wer so etwas allerdings
noch nie miterlebt hat, könnte es fast als langweilig empfinden. Aber in
Japan ist das so, zur Begrüßung verbeugt man sich zigmal, Händeschütteln
oder sich aus Freude am Wiedersehen stürmisch umarmen, gibt es nicht,
Herzlichkeit ist etwas anderes.
Für die Rally-Teilnehmer war es eine große Ehre, dass der Chef von
BMW-Motorrad-Japan und ein deutscher Journalist bei ihrem Treffen waren. Wir
mussten Interviews geben, ein TV-Team hat uns gefilmt und einige
Boxer-Fahrer wollten sogar Autogramme. Wehe, wir hätten gelacht oder die Sache
nicht ernst genommen...
Es war ein langer Tag, tief beeindruckt über das enorme Wissen und die große
Begeisterung für die deutschen Maschinen fahren wir über die mautpflichtige und für Motorradfahrer auf 80 km/h
beschränkte (mittlerweile dürfen
Motorräder genau wie Autos auch 100 km/h fahren!) und nur solo zu befahrende Autobahn zurück nach Tokio. Aber auch hier achtet
kaum einer auf das Speedlimit. Immer wieder erleben wir Autofahrer, aber vor
allem Biker, die es richtig krachen lassen. Auch kein Wunder, geblitzt wird
von vorne und die Polizei drückt eh beide Augen zu.
Sayonara!
(auf Wiedersehen)
Text & Fotos: Winni Scheibe
Kontakt:
BOXER SHOP
Kuninori Zhinguuji
8-64, Tsuchihashi, Toyota
Japan 471-0842
Tel.: +81-565-29-6262
Fax: +81-565-24-6633