|
Der
Sachsenring: Chronik einer legendären
Rennstrecke
|
|
In der Hitliste weltberühmter Rennstrecken steht
der Sachsenring ganz oben. Bereits am 26. Mai 1927 organisierte eine
Handvoll begeisterter Motorradfreunde aus Hohenstein-Ernstthal das
"1. Badberg-Viereck-Rennen". Eine Piste brauchten sie hierfür aber
nicht extra zu bauen. Für den Wettbewerb wurde kurzerhand eine 8,5
km lange Verbindungsstraße von Hohenstein-Ernstthal in Richtung
Waldenburg, dann nach Hermsdorf und zurück nach Hohenstein-Ernstthal
abgesperrt. Motorradrennen quer durch die Landschaft und mitten
durch Dörfer waren damals eine ganz normale Herausforderung. Trotz
desolater Straßenverhältnisse, eine asphaltierte Fahrbahn gab es
noch nicht, erreichte Max Wetzel mit seiner 500er BMW als
Tagesschnellster einen Schnitt von 90,18
km/h!
|
|

|
|
Angefeuert wurden die über
100 Rennteilnehmer von rund 130.000 Schlachtenbummlern. Niemand
hatte mit solch einem tollen Erfolg gerechnet, und keiner ahnte,
dass die gewählte Streckenführung sogar bis 1990 Gültigkeit haben
sollte. 1928 folgte mit etwa 80.000 Zuschauern das "2.
Badberg-Viereck-Rennen". Die anspruchsvolle Piste forderte jedoch
einen hohen Wegzoll. 41 Rennunfälle mit vielen Schwerverletzten
sorgten bereits nach der zweiten Auflage für das Aus der
Veranstaltung. |
|
 ...und mitten durch Hohenstein
Ernstthal...
|
 Rennsport zum Anfassen...
|
|
Doch die Sachsen hatten Rennluft geschnuppert. Es
musste unbedingt wieder ein Motorradrennen her. 1934 war es soweit.
Am 1. Juli stand der "Große Preis von Deutschland" auf dem Programm.
Das internationale Rennen war militärisch organisiert, die
Sportfunktionäre des "Dritten Reiches" wollten sich schließlich
keine Blöße geben. Man hatte die Strecke fast durchgehend
asphaltiert, es gab rund um den Kurs Lautsprecheranlagen, und für
die Journalisten aus aller Welt waren Arbeitsräume eingerichtet
worden. Das Starterfeld setzte sich aus 16 Nationen zusammen, am
Renntag wurden um die 100.000 Zuschauer gezählt. Beim nächsten
"Großen Preis von Deutschland" im folgenden Jahr waren es rund
200.000 Rennfans, und 1936 bekam die Veranstaltung sogar das
Prädikat "Großer Preis von Europa", eine Motorradweltmeisterschaft
gab es damals noch nicht. Ab 1937 trug die Rennstrecke bei
Hohenstein-Ernstthal offiziell den Namen "Sachsenring". Den letzten
"Großen Preis von Deutschland" vor Kriegsausbruch erlebten 1939
sensationelle 320.000 Zuschauer.
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben die heimischen
Vollgaspiloten zunächst unter sich. Internationale Rennen durften
weder am Sachsenring noch sonst wo in Deutschland ausgetragen
werden. Dafür waren die Motorsportfreunde um so rennhungriger. 1949
kamen 380.000 und 1950 sogar 480.000 Schlachtenbummler! 1951 zählt
das Sachsenringrennen erstmalig zur DDR-Meisterschaft. Bis 1961
waren es erst internationale Motorradrennen, dann der "Große Preis
der DDR" sowie der "Große Preis von Deutschland", die weiterhin wie
ein gewaltiger Publikumsmagnet wirkten. Zwischen 200.000 und 300.000
Rennfans waren jedesmal mit von der Partie. Erwähnenswert ist das
Jahr 1959: Erstmals taucht in der Siegerliste ein gewisser Jim
Redman auf. Hinter seinem Landsmann Gary Hocking belegt der
Rhodesier auf einer 500er Norton den zweiten Platz. 1960 gewann
Norton-Privatfahrer Jim Redman sogar das 350er Rennen. Bis Mitte der
60er Jahre sollte Redman mit sechs WM-Titeln der bis heute
erfolgreichste Honda-Werksfahrer werden.
Von 1961 bis 1972 zählte der "Große Preis der DDR"
zur Motorradweltmeisterschaft. Viele Starfahrer, die die
DDR-Rennfans bislang nur vom Namen kannten, konnten sie nun live
miterleben. Eine Sensation ereignete sich beim WM-Lauf 1963. Die
MZ-Leute verpflichteten für die 250er Klasse den englischen
Superstar und MV-Werksfahrer Mike Hailwood. Das 350er und 500er
Rennen gewann er souverän auf den MV-Werksmaschinen. Als letztes
standen die 250er im Programm. Und auch diesen GP-Lauf gewann "Mike
the Bike", nun aber auf der MZ-RE 250. Das ging natürlich runter wie
Öl.
|
|
 Held des Tages am 11. Juli 1971
beim "Großen Preis der DDR": Der westdeutsche Yamaha-Pilot
Dieter Braun gewann vor 200.000 Rennfans das 250er
Rennen
|
|
Deutsche, die einen WM-Lauf auf dem Sachsenring
gewannen, sind schnell aufgezählt. 1961 war es in der 125er Klasse
MZ-Werksfahrer Ernst Degner, und 1971 brachte Dieter Braun seine
250er Yamaha als erster ins Ziel. Das Publikum war schier aus dem
Häuschen, die DDR-Politfunktionäre schäumten dagegen über vor Wut.
Man unterstellte dem westdeutschen Sieger, er habe eine weiße Linie
überfahren und verlangte seine Disqualifizierung. Doch Rennleiter
Zacharias ignorierte die Anordnung, für den Sportgeist und seine
Zivilcourage wurde er jedoch später gefeuert. Bei der Siegerehrung
erklang das Deutschlandlied nur im Start-Ziel-Bereich, alle anderen
Lautsprecher wurden schnell ausgeschaltet. Mitten im Kalten Krieg
zwischen Ost und West brachte der Sieg des Klassenfeindes Dieter
Braun das Fass zum Überlaufen, und das Ende der WM-Läufe auf dem
Sachsenring war jetzt nur noch eine Frage der Zeit. Zwar gab es 1972
noch einmal ein WM-Gastspiel, doch danach war endgültig Schluss. Im
Osten blieb man lieber unter sich und veranstaltete Motorradrennen
um den "Pokal für Frieden und Freundschaft".
|
|
 Beim ersten internationalen Motorradrennen nach
Grenzöffnung 1990 waren 60.000 Zuschauer am Sachsenring...
|
 ...und 1998 beim ersten GP auf
der neuen Strecke war das Haus schon wieder brechend
voll. Heimgastspiel: Eskil Suter auf der 500er
MuZ...
|
|
 ...und Ralf Waldmann auf der KR
500
|
Nach der Grenzöffnung 1990 und der Wiedervereinigung glaubten und
hofften viele Sportfreunde in Sachsen an die Wiederbelebung des
Sachsenringes. Doch der gefährliche Straßenkurs passte längst nicht mehr
in die Zeit. Drei tödliche Unfälle beim internationalen Motorradrennen am
8. Juli 1990 waren drei Tote zu viel. Nie wieder sollte es ein Rennen auf
dem legendären Stadt-Land-Kurs geben. Seit 1996 gibt es zum Glück den
neuen Kurs und seit 1998 gastiert der "GP-Zirkus" auf dem Sachsenring. Die
Strecke ist Rennstrecke und Verkehrssicherheitszentrum in einem, natürlich
mit Sicherheitszonen und ausreichend Sturzräumen. Der alte Kurs ist nun
wieder das, was er schon immer war, öffentliche Landstraße. Ihren Namen
hat die neue Piste allerdings geerbt: "Sachsenring".
|
Text: Winni Scheibe,
Fotos: Scheibe,
Archiv
| |