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Wetten
ist wie`s Ehrenwort geben. Und
wenn`s um die Ehre geht, verstehen
die Leute ganz oben in Deutschland keinen Spaß.
Schließlich behauptete Claus Mees das größte
Einzylinder-Motorrad der Welt zu bauen. Noch größer als Franz
Langers 2-Liter-Kübel. Der Wetteinsatz: eine Flasche Bier.
Nördlich
von Hamburg wird die Welt platt.
So flach, dass man bei schönem Wetter sogar Helgoland sehen kann.
Gleich links von Schleswig liegt Schuby. Eine 2500-Seelen-Gemeinde,
die kaum jemand kennt.
Das kann sich aber schon bald ändern, was jedenfalls die Motorradszene
betrifft. In Schuby wohnt nämlich Schmiedemeister Claus Mees,
und der hat das größte Einzylinder-Motorrad der Welt gebaut. Mit über
3 Liter Hubraum, und wenn er Bock
darauf hat, lässt er das Ungetüm auch noch nach Mitternacht laufen. Nicht immer, in letzter Zeit
aber immer öfter, nur so zur Gaudi versteht sich. So spektakulär
sich die ganze Sache nun auch anhören mag, die Idee für den
dicksten Einpott seit Erfindung des Maßkruges war zunächst nur ein Jux. Und das kam so.
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Die jährliche
Scheunenfete von Jörg Lausen hat Tradition, für die Schubyaner ist
sie längst Kult. An nichts fehlt`s, vor allem nicht an kistenweise
Flens, dem weltberühmten Flaschenbier mit Bügelverschluss. Kaum
einer lässt sich die Sause entgehen, man kennt sich, manche bereits
aus dem Kindergarten. Zu den ganz Harten gehören Claus, Uwe, Jörg,
Rüdiger, Holger und noch ein Jörg aus Schubys Motorrad-Clique. Ihnen kann man so leicht
nichts vormachen, sie wissen genau, was Sache ist.
Und
dann das. Als sich die Scheuer-Party gerade ihrem High Noon näherte, prahlte Uwe mit einer Eigenbau-NSU, die angeblich einen
Einzylinder-Motor mit fast 1000 ccm haben soll. So hatte er es jedenfalls im Guinness-Buch der Rekorde gelesen.
Sein Gag konnte kaum besser kommen.
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Die Einspurexperten hielten sich die Bäuche vor Lachen, manche krümmten sich
schier zusammen, andere wollten es einfach nicht glauben, und Claus rief:
"Alter, so ein Schnee von gestern" und "mit so einem
Pipkram braucht mir erst keiner zu kommen. Voll die Lachnummer, in
das Loch muss mindestens zwei
oder gleich drei volle Liter rein", forderte er. |
Die
Stimmung überschlug sich, alle schnackten durcheinander, jeder
hatte was Wichtiges zu sagen, zwei Liter, drei Liter, hö, hö,
Einylinder, hö, hö, was denn noch, hö, hö und das geht doch nie, hö, hö! Claus ließ sich aber nicht unterkriegen
und posaunte: "Dann baue ich
eben einen Einylinder mit mindestens 3000 Kubikzentimeter Hubraum! Wetten?"
Bingo! Nachbar Jörg
schlug ein, nahm die Wette an. Der Einsatz: eine
Flasche Bier. Und so wurde an diesem denkwürdigen 28. August 1998
ungefähr gegen Mitternacht, oder auch etwas später,
vereinbart, zur nächsten Scheunenfete, aber spätestens in
einem Jahr, muss das Hubraumwunder fertig sein. Alter prost, hö, hö,
geile Party, hö, hö.... und der Abend war noch lange nicht zu Ende...
Dass fast
zeitgleich Werners "Satte Literschüssel" vom Comic-Krad
zum leibhaftigen Asphalt-Dampfhammer mit beachtlichen 1440 ccm Hubraum zusammengeschraubt wurde,
konnten die Motorradfreunde nicht ahnen. Auch dass im tiefen Süden
bei Fulda ein gewisser Franz Langer, genau der rüstige Rentner, der bereits besagten NSU-Einliter-Single
gebaut hatte, über den Plan einer 2-Liter-Einzylinder-Maschine
sinnierte (
2-Liter-Story), war ihnen damals ebenfalls völlig unbekannt. Ehrlich, sie wussten von
alledem absolut nichts.
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Zündverteiler
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Kontrollturm
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Wer
nun aber glaubt, dass nach der feuchtfröhlichen Scheunenfete am nächsten
Morgen alles vergessen war, hat sich gewaltig geschnitten. Meister
Mees hatte schließlich gewettet und das ist wie ein Schwur oder
sein Ehrenwort geben. Ein Sprung ins kalte Wasser war es für den
wackeren Dorfschmied jedoch nicht. Mit Motorrädern kannte er sich
schließlich aus. Seine BMW R50 von 1962 hatte er generalüberholt,
verschiedene Maschinen von Horex, NSU, Zündapp und BMW für Freunde und Bekannte restauriert. "Also, was
soll da schon bei sein", original Zitat Mees. Und genau mit
dieser Einstellung ging er ans Werk. Konstruktionszeichnungen oder gar Betriebsfestigkeitsberechnungen, Fehlanzeige. Was zählte,
waren handwerkliche Grundwerte,
langjährige Berufserfahrung und ein gutes Gefühl im Bauch.
Muster, Vorbilder oder Fachliteratur
über solch einen Pott gab es sowieso nicht. Gefordert waren
Pioniergeist, Einfallsreichtum und Erfindergabe. Im Geiste stand
sein XXL-Supersingle jedenfalls schon schnaufend und böllernd vor
ihm. Dass er es schaffen würde, war sich der Schmiedemeister 100%ig sicher. Allen Schul- und Universitätsweisheiten zum
Trotz, machte sich der
Feierabend- und Wochenend-Konstrukteur an die Herausforderung, die tägliche
Arbeit in seinem Handwerksbetrieb musste schliesslich ja auch
irgendwie weiter gehen.
Die wichtigsten Werkzeuge waren seine Hände, dazu natürlich die
Werkzeugmaschinen in seiner Schmiede. Er hatte aber auch vielfach
das Glück, immer genau das, was er gerade brauchte, irgendwo zu
finden. Denn außer den drei 10 cm großen Kugellagern für den
Kurbeltrieb, einem Schlauch fürs 17-Zoll-Seitenwagenrad und 5 Liter
Motoröl kaufte Claus Mees, um es hier gleich vorweg zu nehmen, kein
einziges Teil neu. Schwermetallbrocken, gewaltige Eisenplatten,
dicke und dünne Kupferrohre, Züge, Leitungen, Bleche, Hebel,
Stangen, Schrauben, Muttern und wer weiß was sonst noch, ließen
sich im Lager der
bereits seit 1806 im Familienenbesitz befindlichen Dorfschmiede
finden. Alle anderen Sachen konnte er von Freunden, Bekannten,
Nachbarn und von Schrottplätzen organisieren. Auf solch einem
Entsorgungslager fand er auch den gewaltigen 16,5 cm dicken Kolben
samt Pleuel, Gewicht 13,5 kg. Die Herkunft dieser Teile, so wollte
man ihn überzeugen, sei ein 830 PS starker Leo-Bergepanzer. Den
Wahrheitsgehalt dieser Information, so gibt Meister Mees allerdings
zu, hätte er bis auf den heutigen Tag nicht
überprüft und es sei ihm auch ziemlich Schnuppe.
Ein als Zylinder taugliches Stahlrohr entdeckte er gleich
nebenan im Altmetall-Container. Damit war der Anfang gemacht.
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Kurbelwelle
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mächtige Kolben |
Als
nächstes musste eine Kurbelwelle her. Den Hub legte unser
"Herr Ingenör" auf 142,5 mm fest, woraus sich exakt 3034
ccm Hubraum ergaben. "Viel mehr, als in der Wette vereinbart war", erinnert sich Claus Mees an die ersten
Stunden. Der Schalk steht ihm dabei im Gesicht geschrieben.
Kurbelwellenwangen, Zapfen und Schwungscheibe mit Zahnkranz für den
Anlasser fertigte er
aus massiven Stahlblöcken. Große Sorgfalt ließ der Motorenbauer
beim Auswuchten walten. Letztlich drückte die Welle aber doch
noch satte 38,5 kg auf die Waage. Übertroffen wurde das Trumm
nur noch von der 42 kg schweren Schwungscheibe.
Den
Motorblock aus dem Vollen fräsen oder gar extra gießen lassen, kam
nicht in Frage, zu teuer, zu aufwendig. Die Lösung war ein
selbstgebauter Kasten, den er aus 10 mm dicken Stahlplatten zusammenschweißte und gleichzeitig
vorne und hinten mit massiven Lagerböcken für die längsliegende
Kurbelwelle versah. Für die ohv-Funktion lag dann das Augenmerk auf
der Ventilsteuerung und dem Drumherum. Hört sich einfach an, war es
aber nicht. Wohin mit der Nockenwelle
und Zündanlage, welche Verdichtung ist erforderlich und gibt es überhaupt
einen Vergaser, der ein brauchbares Gemisch liefern würde. Fragen
über Fragen.
Der
Zylinderkopf war das kleinste Übel. Er wurde von einem 15 PS Deutz-Schlepper besorgt, die gut und gerne 2 mm starke
Zylinderkopfdichtung aus einer Kupferplatte ausgesägt und anschließend
fachmännisch weichgeglüht. Überschlägig ergab dies ein
Verdichtungsverhältnis von ungefähr 1:2,68. Heimattreue bewies der
Pfiffikus beim Steuertrieb und Zündgeber. Eine VW
Passat-Nockenwelle musste Dreiviertel ihrer Länge lassen, und
das Gehäuse hierfür ist aus dem Vollem gearbeitet. Die gut 30 cm
langen Stößel sind Präzisionsarbeit aus Stahl, die Stößelhülsen
dagegen irgendwelche Reste von 18 mm Heizungsrohren. Den Zündverteiler
lieferte ein bereits verschrotteter VW Golf I. Der Clou des
modifizierten Funkenspenders mit automatischer Zündverstellung ist
die fehlende Verteilerkappe, sie wurde durch ein altes
Taschenlampenglas als Sichtfenster ersetzt. Als technischen Leckerbissen bezeichnet Claus Mees die
"halbhoch außen liegende Nockenwelle" links am Motor. Etwas Vergleichbares hat er noch nirgends woanders
gesehen.
Gut
vier Monate nach der Party und wenige Tage vor Silvester stand der
Rohbau auf der Werkbank. Ein gewaltiger Einzylinder-Motor, ein Meter zehn hoch und gut drei Zentner
schwer. Noch nie hatte die Menschheit so etwas gesehen und seine Kumpels schon ganz und gar nicht. Die Luft brannte.
"Und der Kübel läuft schon jetzt", verkündete selbstsicher der bodenständige Handwerker. Zwar fehlten noch Ölwanne
und Vergaser, dafür
waren Zündspule und VW Bulli-Anlasser provisorisch rangesteckt. Zu
den weiteren Hilfsmitteln gehörten eine Trecker-Batterie und eine
Dose Startpilot. Claus Mees konnte es kaum erwarten, mit einem Überbrückungskabel
gab er Saft auf den Anlasser. Die Kurbelwelle drehte sich, die Kerze funkte,
gleichzeitig sprühte er Startpilot
in den Ansaugkanal. Blop, blop, es fauchte, zischte und blitzte, plötzlich
ein ohrenbetäubender Schlag und dann: bong, bong, bong - der Motor lief! Gleichmäßig rund und mit mindestens 125
Dezibel Lautstärke.
"Äh
Alter, echt gewaltig", die Kumpels schlugen aus lauter Freude
Claus fast die Schultern grün und blau. "Gewaltig!" Das
wars, Meister Mees hatte endlich einen Namen für seine Wundertüte.
Und schon kam ihm die nächste Blitzidee: Die Römer glaubten auch
nicht, dass Hannibal der Karthager
mit seinen Elefanten es über die Alpen schaffen würde. Der
endgültige Name stand somit fest: "Hannibal der
Gewaltige", kurz "HG 3000".
Claus
Mees genehmigte sich einen verdienten und langen Schluck aus einer
Buddel Flens und murmelte zufrieden "eins zu Null für
mich". Das alte Eisengeraffel hatte er überlistet, seine
Kumpels in der ersten Runde geschlagen. Gewonnen war die Wette damit
allerdings noch lange
nicht. Eigentlich gings nun erst richtig los. Aus dem tonnenschweren
Stahlklotz sollte
schließlich ein fahrbereites Motorrad werden. Und dazu brauchte er ein Fahrwerk.
Als BMW-Fan und Kenner vertraute er natürlich
auf bewährte Bayern-Technologie. Die, wie jeder weiß, aber seit
Ende der 60er Jahre aus Berlin kommt. Eine BMW R75/5 von 1971 musste
dafür ihr Dasein lassen. Ruckzuck war der Motor ausgebaut und der
Rahmen mit einer Flex zerschnitten. Der Vorderbau wurde
direkt mit dem Mees-Aggregat verschweißt, Achtern sollte das
BMW-Heck inklusive Kardanantrieb, Kupplung und Getriebe Verwendung
finden. Diesen Streich bewerkstelligte der Herr des Schwermetalls
mittels einer ziemlich
exakt gefertigten und gut 10 mm starken Glocke aus gewalztem Stahl,
die hinteren Rahmen-Rohrstummel wurden am eisernen Motorzylinder
verschraubt.
Der
Koloss stand nun auf den Rädern, die Reifen waren sicherheitshalber
mit über 3 bar aufgepumpt, damit sich das Gummi nicht bis auf die
Felgen platt drückte. Ebenfalls überfordert war die Telegabel, sie
war voll in die Knie gesackt. Kein Problem für unseren Aktivisten.
Anstelle der schwachen Federn schob der Improvisationskünstler gut
ein Meter lange Stahlstäbe in die Tauchrohre, zukünftiges
Einfedern war somit ein für allemal untersagt. Das Gröbste war nun geschafft, jetzt gings an die
Feinarbeiten.
Ein
ausgeklügelter Schmierplan sollte alle wichtigen Stellen mit Öl
versorgen. Hierfür setzte der Konstrukteur eine ausrangierte
Schlepper-Hydraulikpumpe nebst Ölfilter, gut zwei Meter
außen verlegte Ölleitungen sowie einen Öldruckmesser
vom Traktor ein. Die Ölwanne ließ sich vom BMW-Boxer-Motor
übernehmen.
Kopfzerbrechen bereitete dagegen die Vergaser-Wahl. Erste Versuche
mit den beiden Unterdruck-Vergasern der R75/5 schlugen voll
fehl. Der Motor nahm nur unwillig Gas an, wollte nicht richtig auf
Touren kommen. Zu mickrig für das riesige Loch im Zylinder, schätzte
Claus Mees und probierte Dreifach-Spritspender vom Porsche 911 aus. Was sich
allerdings auch als Niete erwies. Dritter und letzter Versuch war
ein stinknormaler Vergaser vom Opel 1900 und siehe da, Hannibal ließ
das Auspuffrohr glühen. Auf die Frage, wie hoch seine
"Hanni" überhaupt dreht, kann Claus Mees exakte Auskunft
geben: "In Leerlauf sind es höchstens 150, bei Vollgas maximal
800 Umdrehungen pro
Minute. Und das stimmt
ziemlich genau, man braucht ja nur mit zu zählen."
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Roll out |
Gruppenbild mit Flens,
Hanni, Porsche-Vergaser, Kolben und Zylinder |
Eigentlich
wäre die Geschichte hier fast
zu Ende. Pünktlich zu Lausens Scheunenfest am
28. August 1999 startete Wettkönig Mees das Roll-Out.
"Hannibal der Gewaltige" zeigte sich von seiner besten
Seite, spuckte Feuer, knallte und fauchte und hüpfte wie ein wild
gewordener Straßenbau-Stampfer
über die Hofeinfahrt. Das Volk tobte, Nachbar Lausen überreichte die Wettschuld.
"Prost Alter", Sieger Mees haute die Buddel in einem Zug
weg. Scheuer-Parties sind einfach geile Feten, prost Alter...
Und
dann passierte es wieder, "das Ding muß unbedingt ins
Guinness-Bock" rief Uwe in die Runde. "Jau Alter,
Weltrekord", antworteten die Kumpels wie aus einem Mund.
Und
schon ging die Schrauberei von vorne los. Bedingung für den Eintrag
war nämlich, das Vehikel muss mindestens ein paar Meter fahren. Im Solo-Trim allerdings unmöglich, zu hoher Schwerpunkt,
unkontrollierbares Handling, nicht beherrschbar. Also kam ein Stützrad
dran, gefunden beim Bauern Clausen. Die Rohre fürs Beiwagen-Chassis
waren schnell zusammengeschweißt, als Ballast dient eine 35 kg
schwere Trecker-Batterie.
Jetzt
war die Sache geritzt, nun steht "Hanni" im Rekord-Buch,
prost Alter!
Text:
Winni Scheibe
Fotos:
Scheibe, Mees
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