Es war einmal im Odenwald.
Ein kleines, aber feines Motorradmuseum in Hammelbach
erzählt die große Geschichte des Motorradimporteurs Fritz Röth.

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In den 60er Jahren kamen sie auf die Straße und ließen alle 16-Jährigen atemlos werden: die Kleinkrafträder. Richtige Motorräder ohne Tretkurbel, aber mit einem von der Motorleistung unlimitierten 50 ccm Motor. Mit über 5 PS, entsprechendes Fahrkönnen vorausgesetzt, flitzte man auf kurvigem Terrain jedem Auto davon. Kreidler RS, Zündapp KS 50 und die Herkules K 50 von Sachs beherrschten mit ihren leistungsstarken Zweitaktmotoren den Markt.

Eigentlich wollte ich 1969 einen Motorroller, ein Freund aber überzeugte mich, dass solcherlei Gefährt ja „nur was für Mädchen“ sei. Nach einer Probefahrt auf dem Sozius seiner Zündapp KS 50 war ich überzeugt. hondahaendler roethMein Budget indes war beschränkt und so stieß ich auf eine interessante Alternative. Tief im Odenwald, im malerischen Hammelbach importierte Fritz Röth als Erster die Marke Honda. In deren Portfolio befand sich mit der Super Sport 50 ein Kleinkraftrad, zu dessen Besonderheit ein liegender Viertaktmotor mit obenliegender Nockenwelle zählte. Mit 5,1 PS bei 9960 U/min reichte sie fast an die Spitzenleistung der Zweitaktkonkurrenz heran, röhrte überdies einen betörenden Ton aus dem elegant hochgezogenen Auspuff, ganz wie die großen Motorräder und dies für unter 1200 DM. Die im Prospekt mit 80 km/h angegebene Spitze ließ sich zusammengekauert im engen Lederdress deutlich übertreffen.

So kam ich, dank Fritz Röth, zu meinem ersten Motorrad japanischer Provenienz. Betreut von den Motorradmechanikern Peter Strauss und Hans de Rath. Deren Herz schlug aber für die italienischen Marken im Portfolio der Firma Zweirrad Röth, als da waren Aermacchi, Benelli, Bimota, Ducati, Moto Guzzi, um nur einige zu nennen, die über ein deutschlandweites Händlernetz vertrieben wurden, so dass ich mir manche spöttische Bemerkung, wie z.B. „gesinterter Reis“ anhören musste. Aber: die perfekt funktionierenden Zweiräder aus dem Land der aufgehenden Sonne läuteten ein neues Zweiradzeitalter ein.

Was 1873 als Gemischtwarenladen in Hammelbach begonnen hatte und später dann in eine NSU Fahrrad- und Motorradhandlung mündete, baute Fritz Röth (Jahrgang 1939) zu einem Motorrad-Import Imperium aus. Kamen die ersten NSU Motorräder noch per Bahn nach Wahlen/Odw., wo sie vom damals noch kleinen Fritz, seinerzeit noch ohne Führerschein, nach Hammelbach geschoben wurden, ersetzten dies später Transporte in Eigenregie per Lkw. Mehr als einmal fuhr Röth in der Folge kurzentschlossen nach Mandello am Comer See, um Ersatzteile für die Moto Guzzi zu holen. Diese guzz importeur roethMarke lag ihm besonders am Herzen und bis heute hält der ehemalige Geländesportler, der auf einer NSU Max einst die hessische Geländemeisterschaft gewann, den Rekord mit einem Moto Guzzi V 7 Gespann mit knapp über 100 km/h auf der Fernfahrtstrecke Hamburg – Wien. An der Entwicklung des V 2 Motors war Röth ebenfalls beteiligt. Als er 1969 in Japan Kontakte zu Suzuki knüpfen konnte, verschaffte ihm dies die Stellung des Generalimporteurs für die Marke. Bedenken der Japaner hinsichtlich der Lage Heppenheims als möglichem neuen Standort entkräftete er mit einer jeweils 30-minütigen Fahrt hin und zurück zum Frankfurter Flughafen im BMW 528 mit einer für Japaner ungewöhnlichen, deutlich über 200 km/h liegenden Geschwindigkeit. Technischer Leiter war kein Geringerer als der 50 ccm Weltmeister des Jahre 1962 Ernst Degner.
Das Suzuki Intermezzo lief bis 1976, als man sich in aller Freundschaft trennte. Nun wurde wieder Hammelbach der Mittelpunkt. Vor allem die italienische Marke Ducati rückte in den Fokus. Neben vielen sportliche Aktivitäten unterstützte Röth Egid Schwemmer, der auf einer ZR Ducati 900 SS in den Jahren 1978/79 Deutscher Meister werden konnte. Die Maschine ist zu sehen. Zu seinen Hochzeiten war Röth Importeur für 40 Motorradmarken, die er an 800 Händler vertrieb. Viele Geschichten folgten. So der Kauf der Traditionsmarke Horex von Friedel Münch und der Bau eines eigenen Motorrads plus einem Markenpokal für die 80er Horex-Rebell. Eine Idee, die er auch beim Vertrieb von Motorrollern einsetzte. Martin Röth tat es dem Vater gleich und importierte die exklusive französische Motorradmarke Voxan. Ein handgefertigtes Motorrad mit V2 Motor. Leider kommt der Hersteller aber nicht in die Puschen und so ist im Jahre 2006, auch mangels Nachfolger Schluss. Zeit also für die Retrospektive.

  Das kleine Museum ist voll von Anekdoten, Erinnerungsstücken und jenen Motorrädern, die Fritz Röth über 50 Jahre begleitet haben. Sohn Martin (Geschäftsführer bei InterGest Hong Kong und für einige Zeit in Deutschland), führte charmant und eloquent durch die Dekaden der importierten Zweiradseligkeit. Sein Bruder Matthias, im Hauptberuf Stadtarchivar in München, hat zudem die Sammlung um Artefakte aus der ehemaligen DDR ergänzt, war man doch seit 1986 auch Importeur von MZ und Simson-Mopeds. Wann immer er den Vater begleiten konnte, begann er Orden, Ehrenzeichen, aber auch Alltagsgegenstände zu sammeln. Ein Highlight ist z.B. die Original-Telefonanlage von Erich Honecker aus dem Palast der Republik.


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1976 Dieter Braun Fritz Röth Suzuki RG500

Dieter Braun und Fritz Röth 1976


Am 25. Jfritz roethanuar 2020 ist Fritz Röth
im Alter von 80 Jahren in Hammelbach verstorben.

Das Museum ist weiterhin einen Besuch wert. Wer nun Interesse bekommen hat, sich selbst ein Bild zu machen, kann unter der Telefonnummer 06253-4673 oder 0160-6295111 einen Besuchstermin in der Schulstraße 6 vereinbaren.

 Fotos: Dr. Harry Nieman, Archiv Fritz Röth, Archiv Frohnmeyer, Text: Dr. Harry Niemann