2014-Retro-Classics-FJS 65Retro Classics 2014 in Stuttgart
Ich wollte alte Motorräder sehen
und landete bei den Nutzfahrzeugen
von Franz Josef Schermer

Eigentlich wollte ich ein paar Teile kaufen für meine fast fertige 1979er BMW R 100/7 und die im Projektstadium befindliche Laverda 1000 3-C. Dazu ein wenig altes Benzin schnuppern, ganz wichtiges Zeug von früher bereden und das eine oder andere sehen, was ich noch nicht kenne. Stattdessen landete ich in der Halle 8 „Nutzfahrzeuge / Motorräder / Clubs / Private Fahrzeugverkaufsbörse“.

Bei der Stuttgarter Fühjahresmesse „Retro Classics“ ist der Name Programm: Die Retrowelle kennzeichnet eine Modewelle, deren Inhalt eine rückwärts orientierte Mode ist. Der lateinische Ausdruck „Retro“ steht für kennzeichnet in vielen Bereichen „sich an ältere Traditionen o
der Merkmale anknüpfende Erscheinungen“, wie Wikipedia zu erklären weiß. Und „Classics“ meint automatisch Klassiker, die meistens vier Räder haben - und entsprechend teuer sind. „Die ganze Welt automobiler Klassiker“ sagt die Landesmesse Stuttgart dazu. Modewelle eben.

2014-Retro-ClassicsWarum also da hingehen, wenn’s nur „Automobile Klassiker“ sind? Na, man darf ja die Hoffnung nicht aufgeben, nie und nimmer. Und da es im Stuttgarter Raum keine g’scheite Motorradmesse gibt und die Retro Classics seit ihrer ersten Veranstaltung im Jahre 2001 immer wieder versucht, auch zwei- und dreirädrige Fahrzeuge zu präsentieren.

Und in den von der Messe herausgegebenen „Angebotsschwerpunkten 2014“ spielen Motorräder eine gewisse Rolle – und die Neuzeit, wo Yountimer beliebter sind denn je, wo BMW Zweiventiler, Ducati Königswelle, Honda CB 750/500/350 Four, Kawasaki 900, Laverda 750/1000, Moto Guzzi V7 und Le Mans, Suzuki GT- und GS-Modelle sowie die vielfältigen Yamaha Zwei- und Viertaktern der 1970er- und 80er-Jahre Interesse finden bei Alt (jaja, klar) und Jung (wirklich wahr!), weil sie echte Werte verkörpern, man Stahl und Alu und Chrom und Vergaser und Auspuffe sieht - und diese auch anfassen kann, ohne dass ein Plastikteil bricht. Maschinen wie diese müssten doch eigentlich leicht herbeizubekommen sein, um dem interessierten Zweirad-Messebesucher einen Überblick zu geben, was heute Sache ist im Rückblick auf die „Gute Alte Young- und Oldtimer-Zeit“. Man darf die Hoffnung nie aufgeben...

2014-Retro-Classics-FJS 67Zugegeben, es gab einige Klassiker aus der Vorkriegs- und Nachkriegszeit, wie DKW oder Heinkel und auch die verblichene Stuttgarter Motorradmarke UT wurde mit einer Sonderschau gewürdigt. Es gab dann auch tatsächlich einige wenige Motorräder, die Geschichte geschrieben haben, allen voran eine (eine einzige!) Honda CB 750 Four und zwei Kawasaki Z 900. Beide wurden zu exorbitant überhöhten Preisen angeboten, knapp 16.000 Euro waren angesagt – damals, also Mitte der 1970er Jahre, kostete die Honda CB 750 gerade mal 6900 D-Mark (heute ca. 3500 Euro) und die Kawa 900 lag mit 7800 D-Mark nur unwesentlich höher.

2014-Retro-Classics-FJS 75Die paar stark umgebauten Harleys, frei nach dem Motto „flacher, tiefer, länger, breiterer Reifen, großer Vergaser, offener Auspuff“, lagen mit Preisen bis zu 115.000 Euro knapp neben den echten finanziellen Möglichkeiten der meisten Besucher. Und eine Benelli Sei 900 für knapp 14.000 Euro machte zusammen mit einigen wenigen Eglis, Guzzis oder Kawasaki Estrella 250 den Kohl nicht wirklich interessant. Das ließ sich auch durch einige angegammelte und viele ganz vergammelte alte Vespas nicht retten, die, wie üblich auf allen Veteranenmessen, zu himmelhochüberhöhten Preisen angeboten wurden.

Zum Glück gab es die Halle 9, in ihr gab es echte alte Teile, zwar mehr oder weniger für Autos, also nix für meine Zweiventil-BMW und schon garnix für die Laverda, aber es war schön durchzuschlenden und am einen oder anderen Stand zu stöbern. Am Schraubenstand von Möser kaufte ich einige rostfreie Becherschrauben (4 Stück 2 Euro) und ein Sortiment selbstsichernde Sechskantmuttern von M3 bis M10 (9 Euro).

Somit war der Messebesuch gerettet. Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben: Vielleicht kapiert die Messeleitung irgendwann einmal, dass auch ältere und Motorräder aus den 1970er/80er/90er-Jahren ein großes Interesse finden. Wenn es in diesem Jahr 80.000 Besucher an vier Messetagen waren, könnten es mit prominenter Motorrad-Beteiligung doch leicht 100.000 werden? Man sollte die Hoffnung nie aufgeben ...

Anmerkung: Wenn Sie eine echte Zweirad-Veteranen- und Teilemesse besuchen wollen, dann empfehlen wir die Veterama Mannheim, die im Frühjahr auf dem Hockenheimring stattfindet, und im Herbst in Mannheim und Ulm. Die „Klassikwelt Bodensee“ vom 23. bis 25. Mai 2014 hat‘s auch kapiert, dass „früher alles oder zumindest vieles besser war.“ Echte Geheimtipps sind die vielen regionalen Veteranen- und Teilemessen in Italien, die fast im Wochentakt landauf, landab stattfinden, sie heißen „Mostra Mercato Auto e Moto d‘ Epoca“. Schauen Sie mal im Internet nach Terminen, sicher lässt sich einer oder zwei mit dem diesjährigen (Motorrad-)Urlaub verbinden. Historie-Erlebnis ist garantiert und exorbitant guten Espresso gibt’s dort auch.


Text und Fotos: Franz Josef Schermer

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