Wenn "Fast" Winni Scheibe und ich (Peter F.) über alte Zeiten reden und überlegen, was uns am meisten beeindruckt hat, landen wir immer wieder bei unseren Touren mit Claus Pelling in den Alpen - den ganzen Tag schnell gefahrene, spektakuläre Alpenpässe und am Abend hochinteressante Gespräche über eine Welt, von der wir, ehrlich gesagt, keine Ahnung hatten. Durch Zufall habe ich diese Geschichte jetzt wieder entdeckt.

Schneller Akademiker
Ein Bericht über Dr. Claus Pelling aus dem Jahr 1981

claus-pelling--1Kann das zusammenpassen, ein Hochschul-Dozent und ein schnelles Motorrad? Das, was für viele zwei Welten bedeutet, sieht der Wissenschaftler Claus Pelling überhaupt nicht so eng. Sein Beruf und Motorradfahren gehören für ihn zusammen, und in beidem ist er Perfektionist.
Man kann unheimlich gut und humorvoll mit ihm diskutieren. Über Gott und die Welt und - übers Motorradfahren. Er verschlingt Proust, schwärmt für Furtwängler und hat einen Sarg in seinem Wohnzimmer stehen. Einen Sarg aus Ägypten, sorgfältig umhüllt von
einer Glasvitrine. Und unten, in der Garage, wartet eine Egli-Kawasaki. Sie wartet auf Dr. Claus Pelling, wissenschaftlicher Mit­arbeiter am Max Planck Institut für Biologie und Privatdozent an der Tübinger Universität.
Verwirrt wehrt er ab, als wir nach dem Gebiet seiner Dozentur fragen: „Oh, das ist schwierig, ich gucke lieber mal nach.“ Nach einigem Wühlen in Akten findet er schließlich, was er sucht: Privatdozent für Zellbiologie und Genetik.
Claus Pelling gehört zu den Motorradfahrern, denen ihr Hobby zur Passion geworden ist, Er zählt nicht zu den Fahrern, die sonntags "oben ohne" irgendwelche Promenaden runterbrausen, um Mädchen anzumachen, die Stunde um Stunde dieselbe Kurve durchfahren, um ein sportliches "Aufsetzen" zu provozieren, die aber wiederum kaum wissen, wie man Ventile einstellt. Claus Pelling kennt sei­ne Maschine in- und auswendig, lauscht auf jedes fremd klingen­de Geräusch, tüftelt mit der Per­fektion eines Forschers, wie er welche Kurve anfährt.
In Fachkreisen anerkannter Wissenschaftler und zugleich en­gagierter Motorradfan - wie paßt das zusammen? Muß man nicht mit Motorenöl an den Händen geboren sein, um ein guter Mo­torradfahrer werden zu können?
Claus Pelling ist Sprößling einer gutbürgerlichen Familie. Vater und Großvater waren Mediziner im kühlen Norden, die Hausmusik wurde eifrig gepflegt. Den Hang zur dickköpfigen Individualität und zum Abenteu­rertum hat er aber doch wohl ein bißchen geerbt. Sein Großvater betrieb noch mit 93 Jahren seine Landarztpraxis und trimmte sich bis ins hohe Alter hinein durch regelmäßige Bäder in der gar nicht so warmen Ostsee. Und die Patienten staunten.
Am Selbstverständlichen und Durchschnittlichen ist auch Enkel Claus nicht besonders interessiert. Er genoß zwar die Bildungsmöglichkeiten, die sich ihm zu Hause boten, er wurde dabei ein Verehrer von Mörike, Plato, Proust, Horaz, Shakespeare („Es gibt nur 30 Werke, die man wirklich lesen muß“), er schätzt besonders Bach, Mozart, Schubert, die Beatles, in Maßen sogar den „alten Krachmacher“ Beethoven, und er rennt furchtbar gerne in Museen, aber „man braucht schließlich auch was zum Austoben“.
Bevor Pelling verrät, wie er eigentlich zum Motorradfahren gekommen ist, winkt er ab. „Nichts überstürzen. Wir legen erst einmal ein Bläserkonzert auf. Zum Anheizen.“ Mal so geschwind über sein Hobby zwi­schen Tür und Angel plaudern, während die Zeit im Nacken sitzt, möchte er nicht. Klassische Musik gehört dazu, ein guter Wein, die Atmosphäre daheim im sorgfältig eingerichteten Wohnzimmer. Die Person Claus Pelling will nicht gespalten wer­den in einen Motorradfahrer ei­nerseits und einen Wissenschaft­ler und Schöngeist auf der ande­ren Seite.
1981claus-pelling-2Und so stehen neben wertvol­len ägyptischen Figuren, die er in jahrelanger Suche zusammenge­tragen hat und einer Unmenge von Büchern Gegenstände, die so gar nicht dazwischen passen wollen: Sturzhelme, Lederhand­schuhe, Kolben, an der Wand ei­ne Fotokollage mit für Pelling wichtigen Motorradbildem aus dem Jahre 1977. Dominierend jedoch fällt immer wieder der kastenförmige, mit meergrünen Hieroglyphen eng beschriebene Sarg ins Auge, 4000 Jahre alt, ex­trem selten, aus Mittelägypten, der Sarg der Dame Tefj-Ib.
1958 zog Claus Pelling mit sei­nem Doktorvater nach Tübin­gen. Er hat sich das Schwabenländle nicht ausgesucht, sondern sein Beruf wollte es so. Irgend­wann lebte er sich ein im Univer­sitätsstädtchen, obwohl er die Schwaben gern mit etwas Ab­stand charakterisiert: „Ein Schwabe macht das, was andere Schwaben machen: samstags Autos putzen, daß die Fluten in den Dörfern anschwellen. Nicht unbedingt nach den eigenen Bedürfnissen leben.“ Pelling hat aber auch einige positive Seiten an den Häusles-Bauem entdeckt: „Das schönste an den Schwaben, find ich, ist das Ver­bohrte, Grüblerische, roman­tisch Schwermütige.“
Pelling widmete sich erst einmal mit Konzentration seinem Beruf. Er spezialisierte sich darauf, Riesenchromosomen (Chromosomen sind Strukturen, die die Erbanlagen in den Zellen enthalten) zu untersuchen, ein für Genetik und Molekularbiologie sehr wichtiges Material.
An ein eigenes Motorrad war noch nicht zu denken. Zwar hat­te Claus Pelling bereits „Blut ge­leckt“ - als 22jähriger Student durfte er einmal die NSU Max eines Freundes ausprobieren -, aber noch fuhr er sein Fahrrad. Erst 1973/74 wurde es dann richtig Ernst mit seiner neu erwachten Neigung. Claus Pelling klapperte Verleihfirmen ab und investierte so ein paar tausend Mark. Das reichte gerade aus zur Beurteilung der gefahrenen BMWs, Hondas und Kawasakis. Die Odyssee endete dann mit dem Kauf einer 900er Kawasaki - dies schon im Hinblick auf die zukünftige Egli. „Ich habe ge­dacht: Wenn in meinem Alter (damals immerhin schon über 40) noch eine eigene Maschine, dann aber auch eine richtige.“ Im Winter 75/76 erfolgte dann der Egli-Umbau.
Pelling wäre nicht Perfektio­nist, wollte er sich einfach so auf die neugekaufte Egli setzen und davonbrausen. Er wollte der Maschine ins Herz sehen, wollte sich sensibilisieren für ihre Ei­genarten, für ihren Charakter. „Die damalige Egli-Kawa war keineswegs die perfekte Traummaschine wie sie etwa von der Presse dargestellt wurde. Meine Egli heute steht meilenweit über der ersten Ausführung des Jahres 1976. Das ist natürlich das Ver­dienst von Herrn Egli, der jedes Jahr etwas anderes, Entschei­dendes am jeweils neuen Maschinen-Jahrgang verbessert (z. B. Stoßdämpfer, Egli-Racing-Gabel, weitere Rahmenverstei­fungen etc.). Wenn irgendetwas Ernsthaftes an meiner Maschine nicht stimmt, stehe ich gleich bei Herrn Egli vor der Tür.“
Beim Bauen und Basteln in Tübingen hilft ihm ein anderer Motorradfreund, Hartmuth Sit­ter aus Esslingen, stolzer Besitzer einer Egli-Honda - und „technisch sehr bewandert“.
claus-pelling--egli-kawa-1Doch nicht nur die Technik will Claus Pelling in den Griff be­kommen, auch an seiner Fahr­praxis feilt er ständig. Gleich, nachdem er die Maschine er­standen hatte, suchte er nach ei­nem „Lehrmeister“. Er fand ihn in Peter Frohnmeyer, Ex-Tübinger Motorrad-Rennfahrer. Auf dem Programm der beiden steht in diesem Jahr noch ein Ausflug zum Nürburgring und eine mehrtägige Alpenrundfahrt, da­ mit Pelling endlich seine Abnei­gung vor Spitzkehren verliert. Niemand soll ihm nachsagen können, er fahre nur so ein biß­chen rum, zum Zeitvertreib, weil ihm nichts Besseres einfallt. Claus Pelling hängt mit ebenso­ viel Liebe an seiner Egli wie an seinem Beruf. Und in beidem will er so gut wie möglich sein.


 Text (1981): Karin Frohnmeyer, Fotos: Wolfgang Fromm, Archiv Pelling
 
 
 
 
 
 
 
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