Rückzug aus all deinen Arbeitsbereichen beim VFV
classic-motorrad.de befragte Manfred Woll

Der Rückzug aus all deinen Arbeitsbereichen beim VFV zum Jahresende kam für viele überraschend. Warum gerade jetzt?

Woll Vorstart 2012Es war der passende Zeitpunkt, da mit dem Wechsel in der GL-Leitung neue und jüngere Leute diese GL-Szene des VFV den aktuellen Anforderungen entsprechend neu aufbauen können. Ein von einem Historikerteam und mir erarbeitetes neues Modell der Zuständigkeitsverteilung hätte mich für ein Jahr des Übergangs noch in historisch maßgeblicher Verantwortung gesehen, fand aber letzten Endes keine Mehrheit. Im Nachhinein war es auch besser so, damit der Neuanfang unbeeinflusst von den alten Vordenkern erfolgen kann. Dabei werde ich historisch beratend weiterhin tätig sein, ohne auf die Art der Umsetzung Einfluss zu nehmen. Die alte GL-Leitung war schon länger über diesen Schritt informiert, nachdem es vor einiger Zeit ernsthafte Unstimmigkeiten bezüglich der Auslegung des Technischen Reglements und der Art der korrektesten GL-Wertung gegeben hatte.

Wo lagen die Probleme bei der Auslegung des Technischen Reglements?

Abnahme in Hockenheim (Clubsport-Yamaha)Der überwiegende Teil der GL-Fahrer möchte einen Wettbewerb nach einfachen, festgeschriebenen technischen Regeln, nach denen Sie ihre Motorräder um- oder auch komplett neu aufbauen können. Damit wären aber echte historische Konstruktionen, welche in Details vom Regelwerk abweichen, von der Zulassung ausgeschlossen. Ein Reglement welches der Historie gerecht wird, kann darum nur eine Rasterfunktion haben und muss für solche Konstruktionen durchlässig sein. Damit wird die Zuordnung solcher Motorräder aber schwierig und die letztendliche Entscheidung müsste dem Historiker überlassen werden. Ein solcher Vorrang der Historie ist vielen Fahren und Funktionären aber suspekt, da für sie nicht nachvollziehbar und die Umsetzung in solchen Einzelfällen machte viel Ärger.

Und wo traten beim GL-Wertungssystem Probleme auf?

Für mich war und ist die GL-Wertung ein Beiwerk, welchem ich keine große Bedeutung zumesse, denn für mich stehen die alten Rennmotorräder im Vordergrund. Seit der Einführung der Klassen übergreifenden DHM-Wertung gab es aber stets Probleme mit der Ermittlung des Meisters, was auch mir nicht unbemerkt bleiben konnte. Darum habe ich für 2011 ein Wertungssystem erarbeitet, welches ein korrektes Klassen übergreifendes Ergebnis liefert und welches auch umgehend eingeführt wurde. Natürlich waren dann noch kleine Korrekturen erforderlich, welche aus den Erfahrungen der ersten Saison resultierten und das Wertungssystem perfektionierten. Sich in ein solch neues System hinein zudenken, war aber einer großen Zahl der Fahrer zuviel der Mühe. Es gab endlosen Ärger, bis die GL-Leitung schließlich einknickte und bei der Klassenwertung wieder das alte, GL-ungerechtere Punktesystem einführte. Bei der DHM-Wertung gab es freilich keine Alternative, hier wurde das neue System beibehalten. Ich wurde damals aufs heftigste angegriffen, was in mir den Entschluss reifen ließ, dieser Szene in absehbarer Zeit lebe wohl zu sagen.

Du hattest doch große Verdienste erworben mit den Fahrzeugpässen und mit dem neuen Technischen Reglement ab dem Jahr 2000. Gab es da nicht erheblichen Rückhalt für dich in der Fahrerschaft?

Das wäre schön, wohl auch verständlich, aber die Fahrerschaft ist eine sich ständig ändernde Größe. Von den Fahrern welche 1982 neben mir am Start waren wirst Du keinen mehr finden und auch die Kollegen aus den 90er Jahren sind zu einer Minderheit zusammengeschrumpft. Der Großteil des heutigen Fahrerfeldes ist erst seit wenigen Jahren dabei und kennt weder die alten Zeiten noch die Verdienste der alten Mitarbeiter. Meine Arbeit in den letzten Jahren war vom Fachlichen geprägt, sehr zeitintensiv, aber sie spielte sich mehr hinter den Kulissen ab. In der Szene findest Du aber nur Beifall und Beachtung, wenn Du nach vorne trittst und lauthals Deine Meinung kund tust. Das sehen die Fahrer und das wird honoriert - wenn das Gesagte ihren Vorstellungen entspricht.

Ist diese VFV-GL-Szene aus Deiner Sicht überhaupt noch eine historische Szene?

1982-VFV-Erster-StartNa ja, laut FIVA ist alles historisch, was älter als 30 Jahre ist und damit kommen wir auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen dem Gros der Fahrer und den Historikern. Heute wollen die meisten Fahrer einfach mit ihren umgebauten Serienmaschinen oder neu aufgebauten Rennmaschinen am Wochenende Spaß auf der Rennstrecke haben, sozusagen Altherrenrennsport ohne zu großes Risiko bei Kosten und Gesundheit. Damit stehen beim Maschinenmaterial drei Forderungen im Vordergrund: Billig, schnell und problemlos. Leider ist dabei das Know-How das der Historiker einbringen kann gar nicht erwünscht, denn die meisten Fahrer empfinden die historischen Regularien als ein Joch, das ihnen auferlegt wird und das die Bastelfreiheit einschränkt. So macht sich der Historiker zwangsläufig unbeliebt, da er für die Einhaltung dieser Regularien zuständig ist. Da sitzt Du zwischen allen Stühlen und fragst Dich, ob Deine Tätigkeit überhaupt noch Sinn macht!

Warum sind bei den DHM-Läufen keine interessanten alten Rennmaschinen mehr am Start?

2013-schotten-wollDas liegt in der Art der DHM. Eine starke Funktionärstruppe ist daran interessiert, dass hier „echter“ DMSB-Sport betrieben wird, mit einem richtigen Deutschen Historischen Meister und allem Drumherum was im richtigem Rennsport Gang und Gäbe ist. Dabei geht es vor allem um die Meisterschaftswertung, keinesfalls aber um die historische Qualität der Maschine. Mit einer komplizierten und anfälligen alten Rennmaschine stehst Du in der DHM auf verlorenem Posten, da brauchst Du ein problemloses Motorrad auf Basis einer Serienmaschine oder eine komplett neue Replika um zu punkten. Das wäre soweit okay, nur müsste der VFV neben seinen beiden Sonderläufen weitere Veranstaltungen für alte Rennmaschinen anbieten, um seiner gesamten Klientel gerecht zu werden und nicht nur den DHM-Fahrern.

Was wäre aus Deiner Sicht notwendig, damit der VFV für Besitzer alter Rennmaschinen wieder attraktiv wird?

Wie gesagt, da müsste neben der DHM und mit gleichem Aufwand wie dort, eine neue Szene aufgebaut werden. Dies ohne jeden Wettbewerbs- oder Wertungsgedanken, um den Besitzern alter Renn- und Sportmaschinen einfach zu ermöglichen, hie und da diese Geräte auf einer abgesperrten Strecke zu bewegen. Ohne Lizenz und Arztattest, ohne DMSB-Helmprüfung, Rückenprotektorkombi und all den Auflagen welche im Motorsport üblich und angebracht sind. Dann wäre auch den alten Kollegen wieder eine Fahrmöglichkeit geboten, welche aus Altersgründen nicht mehr in der schnellen DHM starten wollen. Die gesuchten alten Rennmaschinen haben nämlich die meisten von ihnen noch fahrfertig in der Garage stehen.

Wie siehst Du die jetzige Lage in der DHM und in welche Richtung könnte sich diese Serie weiterentwickeln?

Die schon angesprochene Entwicklung hin zum umgebauten Serienmotorrad war nicht zu vermeiden, da die DHM eine fixe und recht hohe Zahl von Startern braucht, um zu überleben. Und – anders als vor zwanzig Jahren – steht sie heute im Wettbewerb mit anderen Veranstaltern die ähnliche Fahrmöglichkeiten auf Rennstrecken anbieten. Dieser Wettbewerb ist es, welcher unseren Pressemann zu aufwendigen Werbemaßnahmen zwingt und die GL-Leitung zu Zugeständnissen bei der Maschinenqualität, einfach um so die Nachfrage nach unserer DHM auch für die Zukunft zu sichern. Letzten Endes ist es nun mal so, dass der teilnehmende Fahrer die Veranstaltung trägt, aber auch seine Vorstellung von der Art der Veranstaltung umgesetzt sehen will. Andernfalls wandert er ab. Das Buhlen um Teilnehmer bei gleichzeitigem Bestehen auf Mindestanforderungen bei der historischen Technik ist ein Spagat, welcher hoffentlich der neuen GL-Führung gelingen wird. Einen größeren Spielraum hin zu mehr Historie sehe ich nicht.

Ein kurzer Blick von Dir in die Zukunft?

Die DHM wird in dieser Form noch einige Zeit bestehen. Der VFV wäre aber gut beraten diese Zeit zu nutzen, um daneben eine neue, alle Besitzer von historischen Renn- und Sportmotorrädern ansprechende Szene aufzubauen. Sollte die DHM irgendwann mal auslaufen, wäre so ein Weiterleben der Rennmaschinenszene unter dem Dach des VFV gesichert.

Wie geht es nun für Dich persönlich weiter?

manfred-woll-mzDer Szene werde ich schon noch erhalten bleiben. Über Themen aus der Motorradhistorie werde ich auch zukünftig schreiben und daneben werde ich endlich Zeit haben, all die Restaurationsprojekte anzugehen, welche seit Jahren an der Seite warten. Und schließlich werde ich auch mal Gelegenheit haben, selbst bei der einen oder anderen Veranstaltung an den Start zu gehen. Darüber hinaus stehe ich mit meinem Archiv den historisch interessierten Kollegen aus der Szene weiterhin als Ansprechpartner zur Verfügung.

 
 Fotos: Archiv Woll, Frohnmeyer
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