Alte Hasen – junge Spunde
Nachwuchsprobleme in der Veteranenszene

2014-classic-nachwuchs 13Überall in unserer Szene beklagt man einen Mangel an Nachwuchs. Es sind in der Tat nur wenige Jugendliche, die sich zum Sport mit alten Rennmaschinen oder Enduros hingezogen fühlen und auch die Veranstalter von Veteranenrallies vermissen eine angemessene Zahl von jungen Leuten unter ihren Teilnehmern. Woran liegts? Was kann einen Neueinsteiger eigentlich dazu bringen, sich ausgerechnet mit alten Motorrädern und nicht mit neuen High-Tech Maschinen zu beschäftigen? Na ja, neues Material kann sich jeder kaufen, der über entsprechende finanzielle Mittel verfügt. Bei alten Maschinen braucht es darüber hinaus etwas mehr und genau dies kann der Oldtimerfan nach außen hin demonstrieren. Er genießt damit eine gewisse Anerkennung fachkundiger Mitstreiter, aber auch die Bewunderung eines weitläufigen und eher unwissenden Publikums. So etwas tut dem Ego gut und ist Antrieb für immer höher gesteckte Aufgaben, sowohl auf technischer und historischer Seite, als auch beim wettbewerbsmäßigen Einsatz der Motorräder. Im weiteren Verlauf der persönlichen Entwicklung entstehen so die großen Sammler und Akteure in unserer Szene. Wobei wir hier und im Folgenden nur von Privatleuten reden und diejenigen außen vor lassen, welche auf diesem Sektor Ihren Verdienstmöglichkeiten nachgehen. Die sind natürlich auch auf hohem Niveau aktiv, sind aber im Endeffekt Produkt der privaten Nachfrage und nur um eben diese Privatszene soll es hier gehen.

Neben diesem Streben um Anerkennung gibt es aber einen weiteren, noch stärkeren Beweggrund für unsere Beschäftigung mit historischen Fahrzeugen, nämlich die schöne Krankheit Nostalgie. Sozusagen ein Heimweh der in der zweiten Lebenshälfte Stehenden nach den selbst erlebten vergangenen Zeiten, als man noch jung war und voller Hoffnung auf eine glückliche Zukunft. Aber diese Zeiten sind längst dahin, unwiederbringlich, reine persönliche Historie also. Doch da gibt es die Möglichkeit, sich Linderung zu verschaffen und zwar mittels der Dinge, welche man damals für eine gewisse Zeit besessen hatte oder von denen man damals nur träumte, da sie unerreichbar waren. Mit dem nun möglichen Besitz dieser Dinge kann sich jeder in gewissem Maße gefühlsmäßig in jene Zeit zurückversetzen, das Rad der Zeit einfach kurz zurückdrehen. Das klingt nun sehr persönlich, von eigenen Erlebnissen geprägt und dem ist auch so, was sich natürlich in einem dementsprechenden Verhalten in der Szene dokumentiert.

2014-classic-nachwuchs 06Noch einen dritten Antrieb zur Beschäftigung mit alten fahrbaren Untersätzen gibt es, aber der ist ganz profaner Natur: Älteres Maschinenmaterial ist oftmals wesentlich günstiger zu bekommen als neuere Maschinen und Teileträger sind als Ersatzteilspender oft in Mengen vorhanden. So fuhren wir mitte der 60er Jahre Mäxe und Adlers, aber keineswegs aus historischem Bewusstsein heraus, denn geträumt haben wir von Honda CB 72 oder Yamaha DS 5. Aber die waren unerschwinglich teuer und die alten Motorräder standen halt überall herum und waren für kleines Geld zu haben. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir Jahre später, dann im Sattel einer RD oder CB, je den alten Eisen nachgetrauert hätten…..

Wenn wir also den Geldmangel beiseite lassen, bleiben eigentlich nur noch zwei Beweggründe – Genießen von Anerkennung und Nostalgie - als Aktivator für die Tätigkeit in der Veteranenszene übrig. Dabei ist das Ringen um Anerkennung der kleinere Posten, denn Aufwand und Erfolgserlebnis stehen da in keinem günstigen Verhältnis. Ganz anders verhält es sich beim nostalgisch begründeten Handeln, denn hier geht es rein um Gefühle und in Gefühle wird bekanntlich endlos Geld und Zeit investiert, ohne vorab nach dem Erfolg zu fragen. Nur so wird verständlich, warum ein normal intelligenter 50jähriger eine ebenso alte Rumi aufbaut, anachronistische 8 PS-Technik mit viel Geld einkauft, anstatt die wesentlich günstigere und um Welten bessere Yamaha AS 3 zu erstehen. Aber da hat mal ein kleiner Junge einstens im Katalog die Rumi „Junior“ gesehen und geträumt…..

Und, je nach Alter des Nostalgikers, sind da entsprechende Zeiträume angesagt. So träumt der Mittvierziger von der Suzuki Katana, welche dem rüstigen Rentner „viel zu neu“ ist, alldieweil der am liebsten ein R 69 Gespann mit Steib-Beiwagen hätte. Der Achtzigjährige mag von der Standard Rex träumen, wird diesen Traum aber wohl nicht mehr umsetzen können, womit auch erklärbar wird, warum die Nachfrage nach Vorkriegsmotorrädern immer stärker nachlässt: Es gibt fast niemanden mehr, der aus persönlich geprägter Nostalgie bereit ist, für solch ein altes Eisen unvernünftig viel Zeit und Geld zu investieren. Und eine gute Geldanlage ist solch ein altes Motorrad in den wenigsten Fällen.

Womit wir direkt zu unseren Nachwuchsproblemen überwechseln können. Wie bringt man einen heute 18-jährigen dazu, eine Liebe zur AJS Springtwin zu entwickeln? Der bringt die eher in Verbindung mit Schwarzweißfernsehen und Plumpsklo und was ein nostalgisches Gefühl ist, kennt der höchstens vom Hörensagen. Ist für einen 18-jährigen ja auch völlig normal, was haben wir denn damals im Kopf gehabt? Wir wollten uns mit Gleichgesinnten messen, schneller, schräger und auf jeden Fall immer ganz vorne dabei sein. Alte Werte waren in dieser Zeit nicht angesagt, das vorhandene Material wurde gnadenlos zersägt und verbogen, immer auf der Suche nach dem Optimum. Rudge und Velocette kannten wir irgendwie von Tragatschs Beiträgen, richtig beschäftigt haben wir uns mit solchen Themenkreisen aber nie. Ne alte Horex Regina? Da war die Gabel interessant, die Bremse, eventuell noch der Vergaser, der Rest wurde zum Schrott gegeben. Wir haben eben alle nach vorne gedacht, niemals aber zurück, so ist das mit der Jugend halt immer gewesen. Einige haben dann ihren Weg im Motorsport gemacht, andere blieben auf der Strecke und wurden fortan nur noch mit der Gießkanne besucht, aber so war nun mal die Zeit. Und heute? Heute sind es nicht wenige aus der alten Clique, die den Veteranensport am Laufen halten, die sich die alten Geräte von einst aufwendig wieder aufgebaut haben und die immer noch alten Träumen nachhängen und die auch zu verwirklichen gedenken. Das war der Kreislauf unserer Generation, so läuft es auch heute und genauso werden es auch künftige Generationen handhaben.

2014-classic-nachwuchs 05Wobei wir wieder bei der heutigen Jugend wären. Glaubt denn wirklich jemand ernsthaft, er könne einen 18-jährigen, dessen Vater ihm eine japanische 600er Supersport hingestellt hat, für eine zu restaurierende Suzuki Katana interessieren? Wohl kaum. Und der 14-jährige Jugendcrosser auf seiner High-Tech Yamaha wird dankend den Kopf schütteln, wenn er sich nur so zum Spaß mit einer dreißig Jahre alten KTM GS beschäftigen soll. Ist ja auch verständlich und vernünftig. Was bleibt, ist einzig die Möglichkeit, junge Leute über die Sportschiene zu älteren Motorrädern zu bringen. Wobei „Sport“ nicht bedeutet, mit einer Maschine möglichst gleichmäßig in irgendeiner Serie Runden zu fahren oder bei einer Veteranenrallye exakt einige Abstände zu schätzen, das ist nämlich nichts, womit man einen Jungen begeistern kann. Der will nämlich nicht spielen, sonder ganz einfach der Schnellste sein, der erste im Ziel. Und auch das funktioniert nur, wenn es viele Jungens sind die darum ringen, denn nur den langsamen älteren Herren um die Ohren zu fahren bringt den jungen Fahrern auf Dauer auch keine Befriedigung. Das ganze ist aber ein zweischneidiges Schwert, denn Rennen mit alten Maschinen zu bestreiten, macht aus den jungen Fahrern noch lange keine Liebhaber historischer Motorräder. Eine Rennszene genau dieses Zuschnitts haben wir heute in England, wo ein junger Racer Dienstags bei der TT auf einer aktuellen japanischen Rennmaschine startet und zwei Tage später mit optimierten Replica-Maschinen ein Classicrennen bestreitet. Im Prinzip ist dem Jungstar völlig egal auf welch einem Gerät er an den Start geht, nur siegfähig muss es eben sein. Sind das unsere Zukunftshoffnungen für die Veteranenszene? Wohl kaum. Vielleicht werden einige davon mal zu uns stoßen, wenn sie viele Jahre später alles gut überstanden haben und etwas wehmütig ihrer erfolgreichen alten Zeit gedenken – aber genau diese Situation haben wir ja überall da, wo sich Jugendliche in irgendeiner Form mit aktuellen Motorrädern beschäftigen. Rennen zu fahren muss da nicht zwangsläufiger auf die historische Schiene führen. Und wenn aus diesem großen Pool der Motorradbegeisterten einige zu uns Historikern überwechseln, sind es gerade nicht die 18-jährigen.

2014-classic-nachwuchs 08Lasst die jungen Leute sich auf ihre Art und Weise austoben, Rollerrennen fahren, Motocross oder auch nur Straßenmotorrad und unterstützt sie da soweit ihr könnt und sie es zulassen. Dann heißt es warten und hoffen. Die Uhr dreht sich langsam. Aber sie dreht sich und eines schönen Tages werden sich einige dieser ehemals jungen Leute an die schöne Zeit mit zwei Rädern erinnern und womöglich beginnen, sich für die damaligen Motorräder aufs neue zu interessieren.

Dann gibt es wieder Nachwuchs für uns, Nachwuchs bei dem nicht die 1 oder 2 vor der Altersangabe steht, allenfalls mal die 3, aber eher noch von der 4 an aufwärts. Womit der Begriff „Nachwuchs“ bei uns Oldieliebhabern eine ganz andere Altersgruppe meint, als sonst üblich. Das sollten wir akzeptieren, die Jugend in ihren Aktivitäten auf dem Motorrad unterstützen, aber keinesfalls versuchen aus Jugendlichen etwas zu machen, was sie gar nicht sein können.

 
 Text: Manfred Woll, Fotos: Ad Berger, Frohnmeyer
 
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