Bunte Vielfalt – ein Versuch
Das Buch „101 Bikes and Faces, Glemseck 101 / Round 10“ wurde von
Franz Josef Schermer angesehen und gelesen. Hier sein Befund. 

Bild 101 Neu webHeute ist es schick, einen Bobber zu fahren, einen Cafe Racer, einen Scrambler, ein Naked Bike oder einen Classic Racer. Es wird als „Lebensgefühl“ verkauft, nicht als Notwendigkeit, um zweirädrig von A nach B zu kommen.
Seit 2005 ist es megaschick, dieses „sein“ Motorrad am ersten Septemberwochenende am Glemseck 101 auszufahren, auszustellen, vorzuzeigen.
Wer es (noch) nicht weiß: Am Glemseck treffen sich das ganze Jahr über Motorradfahrer, an manchen Tagen bis zu 5000, die einfach so da sind, um sich zu treffen, zu gucken, zu hören und gesehen zu werden. Das Glemseck ist der heute noch hyperaktive Zielgeraden- Linkskurve-Streckenteil der alten Solitude-Rennstrecke, malerisch gelegen zwischen Stuttgart und Leonberg, auf der bis 1965 internationale Motorrad- und Autorennen ausgetragen wurden.
In manchen Jahren zählten sie sogar zur Weltmeisterschaft und es kamen regelmäßig bis zu 400 000 Zuschauer an die rund elf Kilometer lange Rennstrecke.
Einmal im Jahr findet Glemseck 101 statt, immer im September. Dieser Event entwickelte sich binnen kürzester Zeit zu Europas größtem, markenunabhängigem Motorradtreffen, hier gewinnt die lockere Stimmung. Es ist längst nicht so verbissen wie bei den vielfältigen Veteranentreffen („ ... des isch aber ned original, du!“) oder bei einem Rennen („ ... hasch gsäh, den hab i ausbremst wie d’ Sau!“). Eine halbe Bier im Glas kostet nur den Inhalt und keine drei Euro extra als „Glaspfand“ und kein Besucher muss eine fette Protektorenkombi anhaben, um ernst genommen zu werden. Eine Jeans mit umgewickeltem Hosenumschlag genügt, dazu Hosenträger, ein großkariertes Hemd und eine möglichst speckige, fettige Jacke.
Echte „Barbour“ oder „Belastaff“ aus den 1960/70er-Jahren sind mega angesagt!
Alles gut also? Das vor kurzem erschienene Buch „101 Bikes and Faces, Glemseck 101 / Round 10“ versucht, von den mehr als 50 000 Menschen, die Jahr für Jahr zum Glemseck 101 kommen, einige zu porträtieren: FahrerInnen mit Bobber, Cafe Racer, Scrambler, Naked Bike, Classic Racer – ja, auch ein paar ernsthafte Motorräder sind dabei. 101 Maschinen sind auf den 216 Seiten dieses Buches abgebildet plus ihre Fahrer, Besitzer, Familienangehörige. Die Fotos wurden beim 2015er Event geschossen vor einem aufgespannten Bettlaken in der Kawasaki-Box.
Einem technisch angefressenen Motorradfachmann läuft es teilweise kalt den Buckel runter, wenn er das Buch durchblättert und sieht, was da abgebildet ist und irgendwie aus eigener Kraft zum Glemseck 101 gefahren und dort angekommen ist. TÜV-Prüfmensch oder gar Verkehrspolizist muss man gar nicht sein, um sich lebhaft vorzustellen, wie schlecht die alte Trommelbremse im Vorderrad einer 1000er Kawasaki bremst oder wie wabbelig und wenig zielgenau ein Motorrad fährt, dem ein überdickes Vorderrad eingebaut wurde.
Ich glaube, dass all diejenigen, die ihrer Maschine nur das vordere Schutzblech abgebaut haben, um ihr einen persönlichen Touch zu geben, noch nie ein paar hundert Kilometer in strömendem Regen nach Hause fahren mussten, sonst wüssten sie, was Nässe in der Elektrik unterm Tank anrichtet und am Fahrer sowieso. Umgehend kriecht sie in jeden Stecker und legt die Zündung lahm und sehen kannst schon weit vorher nix mehr, bei Nacht sowieso nicht.
Zu den erfreulichen Motorrädern im Buch zählen für mich Michael Schäfers Suzuki GSX-R 750 von 1986, Jörg Litzenburgers Kawasaki Z1 von 1972, Ralf Zeitlers Yamaha XS 650 von 1974 (die verwechselt wurde mit einer RD 250 ein paar Seiten weiter und dem Fahrer ebenso, schämt euch!) sowie Jochen Schmitz-Linkweilers Kawasaki Z 1000J „Sprint Fire“ von 1981.
Ganz spannend fand ich die mit Licht und Kickstarter (!) bestückte, zum zugelassenen Straßenmotorrad umgebaute Norton Manx 350 30M von 1962 (Christoph Ziegler), eine Replika der Hagon-Triumph 750 Kompressor aus den 1960er-Jahren (Josef Hasenhündl) und auch die gestrippte Güllepumpe Honda CX 500 von 1983 (Sven Graze) hat mir ein Grinsen abgerungen.
Heute unglaublich seltene, sehr schöne und emotionsgeladene Stücke sind für mich die NSU Quickly von 1958 (Heinz Reiter), der nahezu serienmäßige Dreizylinder-Zweitakter Kawasaki Mach3 500 (Michael Nagel) sowie die beiden italienischen 50er-Rennerle Moto Morini Corsarino von 1969 (Felix Scheiffele) und Peripoli Super Sport Giulietta von 1959 (Hermann Schuler).
Tja, Motorräder und Menschen sind im Buch zu finden, so vielfältig und unterschiedlich wie sie eben sind bei einem Motorradtreffen wie dem Glemseck 101. Es ist ein Buch zum Blättern und Gucken, man kann sich erstaunen bei diesem und jenem Motorrad oder nur den Kopf schütteln über die Ideen, die manche Leute haben, um ihr Motorrad zu ihrem zu machen, ihm eine ganz bestimmte persönliche Note zu geben.
Was ich sonst dazu noch zu sagen habe:

• Die Bilder könnten besser fotografiert sein, mit weniger Schatten in und hinter den Maschinen und Menschen, besser ausgeleuchtet müssten sie sein und weniger Spiegelungen („Spitzlichter“) haben auf Lack- und Chromflächen.

• Die Texte sind sehr mager und technisch wenig aussagekräftig: „Es gab kein anderes Bike. Rolf hat gesagt, ich muss das nehmen. Besser als nur in der Küche zu stehen und mich um Kinder und Hof zu kümmern, so komme ich mal an die frische Luft“, so Janine Brechtel zu ihrer umgebauten Yamaha XS 650 von 1976. Oder hat sie sich etwa selbst in frauenfeindlichem Ton auf die Schippe genommen?

• Total fehlen in diesem Buch einige Szenen unter freiem Himmel, weil Menschen und Maschinen beim Glemseck 101 zu einer einzigartigen Symbiose aus Seelen, Fleisch, Metall und Treibstoff verschmelzen. Und alle lächeln dazu irgendwie so frei wie sie sonst nicht sind und alles geht ganz ohne jede Aggressionen ab, die man(n) in Bierzelten auf Volksfesten (und auch Motorradtreffen) heute leider überall findet.

• Ja, und auch Musik gibt es beim Glemseck 101. Auf großer Bühne wird harter und lauter Rock ’n’ Roll gespielt aus den frühen Nachkriegsjahren bis in die 1970er-Jahre hinein, schmalzige Balladen, alles ist handgemacht. Die MusikerInnen tragen Schmalztolle, lange Koteletten, Locken und Petticoat. Fotomotive ohne Ende, alle mit Emotionen und viel Stil!

Fazit: Es muss bald ein weiteres Buch geben zum Thema Glemseck 101, eines mit einer ordentlichen Portion handfester Technik, das auch den Gedanken der Menschen zu ihrem eigenen Motorrad mehr Raum gibt und in dem nicht nur ein paar dürre Plapperfacts zu bunten Bildchen geschrieben stehen. Es ist genug Platz auf dem Markt der Coffee-Table-Bücher.
„101 Bikes and Faces, Glemseck 101 / Round 10“ kann nur der Anfang gewesen sein, ein Versuch, mehr leider nicht.



titel„101 Bikes and Faces, Glemseck 101 / Round 10“, von Holger Pfeifle (Design &  Publishing), Christian Mader (Photography), erschienen bei EasyRide.rocks, Tiefenbachstr. 58b, D-70329 Stuttgart

www.easyride.rocks; Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

216 Seiten mit 178 überwiegend großformatigen Farbbildern, Hardcover, Fadenbindung,
30 cm breit, 28,5 cm hoch, 2,4 cm dick und rund 1,7 kg schwer. ISBN 978-3-00-052660-2, 39,90 Euro.

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