Rückblick
20. Zschorlauer Dreieckrennen – Classic GP 2016

plakatZum 20. Mal richtete der 1. Auer MSC den Classic Grand Prix auf dem Zschorlauer Dreieck aus und bewies, dass ein Dreieck sehr wohl eine runde Sache sein kann – auch wenn es Mathematiker nicht glauben wollen. 260 Starter gingen in den verschiedenen Klassen an den Start. Hier begegnet man einem so seltenen Fahrzeug wie einer Scott TT mit 600 ccm und immerhin 28 PS aus dem Baujahr 1929 ebenso wie einer Aprilia RS von 1989. DKW, Simson, Adler, MZ, Kreidler – Zschorlau ist eine Hochburg historischer Zweitakter. Die meisten Fahrer begnügen sich mit wenig Hubraum; es gibt auch 750er, aber sie sind in Zschorlau eher selten. Offenkundig kennen viele Teilnehmer die Strecke und wissen, was hier Spaß macht. Auf dem Kurs wird der Pokal zum Zschorlauer Dreieck ausgetragen, man kann aber auch außerhalb der Wertung teilnehmen.

Meisterklasse mit Doppelweltmeister Carlos Lavado als Stargast

Wie schon gewohnt, waren viele prominente Fahrer vor Ort und hautnah zu erleben. Angefangen bei einem ausgesprochen gut aufgelegten Carlos Lavado, dem auch Sprachbarrieren offenkundig völlig egal sind. Carlos wurde 1983 und 1986 auf Yamaha 2016 Zschorlau 159Weltmeister in der Klasse bis 250 ccm und fuhr mit großartigen Fahrern wie Christian Sarron und Toni Mang um den Titel. In Zschorlau ging er mit einer Yamaha TZ 250 ccm auf die Strecke, die Matthias Weichelt zur Verfügung stellte.
Im Feld der Grand-Prix-Fahrer standen dort neben ihm natürlich Lokalmatador Heinz Rosner mit seiner MZ, die er immer noch souverän bewegt, Marcel Ankoné auf seiner Suzuki TR 500, Kurt Florin mit seiner seltenen 500er König und andere Zweiradartisten. Gespann-Weltmeister Rolf Steinhausen hat es im letzten Jahr wohl gut gefallen: Er ist wiedergekommen und fuhr mit Schmiermaxe Axel Kölsch – schöner Name übrigens – auf seinem Busch-König-Gespann.
Ralf Waldmann, Vizeweltmeister 1996 und 1997 auf Honda in der Klasse bis 250 ccm, startete auf seiner Tre Marce PF 02Kreidler Van Veen in der Parade der Rennmaschinen bis 50 ccm und stand hier neben Aalt Toersen, der seinerzeit mit Angel Nieto und Jan de Vries – auch er war vor Ort – um die Weltmeisterschaft in der 50-ccm-Klasse rang.
In der Klasse GP 1 ging es sehr gemischt zu. Die älteste Maschine im Feld war eine 125er-2-Takt-MV-Agusta Tre Marce aus dem Jahr 1947, die Martin Kott um den Kurs bewegte – es ist das Clubmotorrad. 40 Jahre jünger war die EGB-Suzuki von Uwe Wetzko mit 250 ccm. Aber auch richtige „Brocken“ gingen hier an den Start, so die Suzuki XR11 von Karl Hübben mit 115 PS und 750 ccm. Ich fand, die Tre Marce war die schönste im ganzen Land, aber ich bin nicht objektiv, denn Martin ist mein Mann und die Tre Marce steht bei uns zu Hause.


Bekannte Gesichter in den Klassen Renn- und Sportmotorräder

Auch in den anderen Klassen gab es wieder viel Sehens- und Hörenswertes. In den nunmehr 20 Jahren Zschorlauer Dreieck kommen viele Stammgäste und das macht Zschorlau auch zu etwas ganz Besonderem. So zeigte sich auch Walter Öxler, der als VFV-Fahrer viele Rennstrecken kennt, bisher aber noch nicht in Zschorlau war, beeindruckt. „Natürlich ist das ein kleiner Kurs“, sagte er, „aber ich habe mich gleich auf der Strecke sehr wohl gefühlt. Auch die Gemeinschaft hier ist schön – und ich hätte nicht gedacht, dass ich so viele Leute treffe, die ich kenne.“
Eben, für viele ist Zschorlau ein fester Termin im Kalender und auch „Rookie“ Peter Frohnmeyer, der hier zum ersten Mal fuhr, kommt sicher wieder. Wo ich von kleinem Kurs spreche: Ralf Waldmann habe ich gefragt, wie er denn die Strecke findet. Seine Antwort: Waldmann Ralf D01F3806„Für Präsentationen ist das ein super Kurs, man kann halt nur nicht schnell fahren.“ Nicht schnell? Offenkundig haben Waldi und ich andere Vorstellungen von Geschwindigkeit, er ist schon schnell unterwegs und zeigt mit seiner Van Veen, was in so einem kleinen Motorrad steckt – wenn man es denn beherrscht. Die Zuschauer waren natürlich begeistert und belagerten ihn, um Autogramme zu bekommen oder ein Foto zu machen – und Waldi machte das auch geduldig mit.

Es ist ein Alleinstellungsmerkmal von Zsc
2016 Zschorlau 342horlau: Die Zuschauer kommen unglaublich nah an die Strecke und begegnen den Stars ganz zwanglos im Fahrerlager. Natürlich gab es eine richtige Autogrammstunde, aber auch außerhalb dieser Zeit schrieben sie alle unermüdlich Autogramme und ließen sich fotografieren. Motorradrennsport ist hier ganz hautnah zu erleben.

Und der Funke springt über

IMG 1765Auffällig in Zschorlau sind die vielen relativ jungen Fahrer – also die ohne graue Haare. Ich habe mit Michel Deisinger (Jg. 1985) gesprochen, was denn für ihn die Faszination ausmacht, ein Motorrad zu fahren, das älter ist als er selbst. Die Antwort: „Sie sind halt da.“ Na, ganz so einfach ist es denn doch nicht. Erstmal braucht man einen motorsportbegeisterten Vater, hier: Walter Deisinger. Walter hat schon in den 1980er Jahren begonnen, MZ und MZ-Teile zu sammeln. In Sachen MZ kann er es durchaus mit den großen Sammlern anderer Marken aufnehmen – und das blieb auch Ferry Brouwer, der 1998 die großartige Centennial TT in Assen organisierte, nicht verborgen. Walter führte dort zum ersten Mal seine Schätze vor – und „leckte Benzin“.
War er bisher Sammler, Schrauber und natürlich Zuschauer bei den Rennen in Brünn, Most und auf dem Sachsenring, ging er in den folgenden Jahren mit seinen MZ auf Tournee: Lausitzring, Oschersleben und die Bikers Classic´s in Spa Francorchamps standen im Kalender. Wo der Benzinvirus in der Luft ist, herrscht höchste Ansteckungsgefahr. Michel hatte seinen Vater schon als kleiner Junge zu vielen Rennen begleitet und auch Werkstattluft geschnuppert. Jetzt konnte er endlich selbst aufs Krad, natürlich auf eine Simson – wie könnte es in Ostdeutschland anders sein. Auf der Straße fährt Michel heute eine Suzuki RGV oder eine Yamaha RD. Ich erkenne da ein Muster. Mit langweiligen Motorrädern von der Stange gibt er sich offenkundig nicht ab.


Erste Rennerfahrungen sammelte Michel bei Mofa-Rennen. An den Start ging er hier mit einer getunten 50-ccm-Simson SR2, die von 1957 bis 1964 gebaut wurde, übrigens vom Büromaschinenwerk Sömmerda. Läuft wie ein Uhrwerk kenne ich, aber läuft wie eine Schreibmaschine? Egal. Die SR2 ist natürlich ein Zweitakter, der in der Serienausführung ca. 1,5 KW leistet – bei 5.000/min. Ups, wie hört sich das wohl an?

2008 vertraute ihm dann Walter in Rothenburg das erste Mal eine 125er Werks-MZ an. Und seitdem lässt Michel der historische Motorradrennsport nicht mehr los. Hier in Zschorlau ist er gleich in drei Klassen am Start! Wenn ihr auf dieser Website in der Galerie seinen Namen eingebt, seht ihr, was er alles so treibt.

IMG 5994Seit 2013 ist er auch im Simson GP unterwegs – von dem ich noch nie gehört habe. Aber das ist eine richtige Rennserie, die auf insgesamt sechs Strecken ausgefahren wird, zum Beispiel auf dem Harzring oder auf anderen Outdoor-Kartstrecken. Michel startet in der Klasse Open 85. Und hier ist er sehr erfolgreich unterwegs. Genau zum 30. Geburtstag konnte er seinen ersten Sieg nach Hause fahren. „Hier habe ich richtig Motorradfahren gelernt“, sagt er. Der Funke ist also übergesprungen, und das nicht nur bei Michel, auch sein Bruder Roger hat Benzin im Blut. Für die Familie Deisinger heißt es also: Fortsetzung folgt.

Die Drei von der Technischen Abnahme

Zu den bRolf Kreidlerekannten Gesichtern in Zschorlau gehören die Männer und Frauen der technischen Abnahme. Federführend ist dabei das „TK-Team Schleiz“ mit Swen Meier, seinem Vater Rolf und Steffen Müller. Swen ist früher auch in Zschorlau gefahren, aber das geht jetzt natürlich nicht mehr – Interessenkonflikt. Die technische Abnahme ist so etwas wie der Rennstrecken-TÜV und vielen wie der Straßen-TÜV eine höchstens lästige Pflichtübung. Da müssen alle durch, auch Vizeweltmeister Ralf Waldmann mit seiner Kreidler Van Veen.
Dabei steckt hinter dem kleinen Pepper, den man bekommt, wenn alles in Ordnung ist, eine ganze Menge. Das fängt bei der Ausbildung an. Der verantwortliche technische Kommissar, hier ist es Swen, hat eine mehrstufige Ausbildung beim DMSB absolviert. Er ist dafür verantwortlich, dass nur Fahrzeuge auf die Strecke gehen, die sicher sind und den DMSB-Normen entsprechen. Das wird dann wirklich wichtig, wenn es um Versicherungsfragen geht – nach einem schlimmen Sturz mit Verletzten oder womöglich sogar Toten ist es Swen, der die Berichte schreibt, die dem Teilnehmer helfen, seine Ansprüche bei der Versicherung durchzusetzen.
Aber man muss ja nicht immer gleich vom Schlimmsten ausgehen. „Das Wichtigste ist, dass die Teilnehmer nicht sich und andere gefährden“, sagt Swen über seine Arbeit. Der häufigste Fehler sei ein nicht gesichertes Ölsystem. Manchmal sind es auch „Holzreifen“ oder Bremsdefekte. Die meisten Fahrer bringen ihre Motorräder in technisch einwandfreiem Zustand an die Strecke, aber bei einigen muss Swen eben doch etwas beanstanden. „Manchmal ist der Fahrer etwas betriebsblind geworden, weil er dauernd mit dem Fahrzeug umgeht und dann einfach nicht merkt, wenn etwas nicht stimmt. Diese Fahrer sind dann meistens schnell einsichtig und beheben den Mangel“, beschreibt Swen die Reaktion seiner „Kunden“.
Bei manchen Fahrzeugen muss man einen Kompromiss finden zwischen Originalität und Sicherheit, auch das ist für beide Seiten nicht immer einfach. „Aber manche meckern eben auch ‚nur so‘ oder fühlen sich gar in ihrer Freiheit eingeschränkt, das sind meist die, die ihr Fahrzeug wieder so an die Strecke bringen, wie sie es nach der letzten Veranstaltung in den Transporter geschoben haben.“ Dass jemand gar nicht fahren darf, kommt nur in den seltensten Fällen vor. „Wir helfen auch, wenn wir können“, meint dazu Rolf Meier. „Aber wir müssen kontrollieren – auch noch einmal am Vorstart, weil eben nicht alle umsetzen, was vielleicht beanstandet wurde.“ „Viele unterschätzen die Gefahr völlig, die zum Beispiel von einem nicht gesicherten Seitenständer ausgeht. Das kann zu schlimmen Stürzen führen“, so Swen weiter.
Rolf QuizfrageFür ihre Arbeit bringt das TK-Team eine stattliche Ausrüstung mit, angefangen bei einem Schwung Hefter bis hin zu Phonmessgeräten oder Endoskopen. Vieles davon ist selbst angefertigt. Preisfrage: Was macht Rolf auf dem Foto mit der Rolle? Er führt sie unter das Boot eines Seitenwagens und prüft damit, ob die Bodenfreiheit dem Reglement entspricht. Rollen in verschiedenen Durchmessern hat er selbst hergestellt.
Zur Abnahme gehört übrigens auch eine zuverlässige Archivierung – Nennpapiere müssen ein Jahr aufgehoben werden. Die „Drei von der Abnahme“ machen ihre Arbeit natürlich im Ehrenamt und tragen auch die Kosten für die Ausstattung. Aber im Gespräch merke ich, dass sie ihr Amt mit viel Herzblut ausüben. „Wir sind hier und anderswo ‚arbeitende Gäste‘“, fasst Rolf zusammen. „Wenn die Veranstaltung zu Ende ist und alle steigen wieder unversehrt in ihre Transporter, dann war unsere Arbeit erfolgreich“, meint Swen dazu. Recht hat er.


Viele Hände machen aller Arbeit rasch ein Ende …

… sagt der Volksmund. Und für das Zschorlauer Dreieck werden viele helfende Hände benötigt. Im Programmheft ist eine lange Liste: Fahrtleiter, Veranstaltungssekretär, Streckensicherung, Streckenaufbau, Start und Ziel, technische Abnahme, Kasse, Ordnungsdienst, Org.-Büro, Beschallung, Zeitnahme, Bühnentechnik, medizinische Absicherung und Rennarzt, Logistik, Energieversorgung, Umweltbeauftragter. Nicht zu vergessen den unermüdlichen Lutz Weidlich als Streckensprecher, der im Jawanske-Truck sitzt und jeden Lauf kenntnisreich kommentiert, ob nun 5.000 Zuschauer an der Strecke stehen oder nur fünf.
2016 Zschorlau 394Es war gut und richtig, dass Kurt Florin Rainer Pommer einen eingesammelten Betrag übergeben hat, damit die vielen Helfer mal auf Kosten der Teilnehmer einen schönen Abend verbringen können, wenn sie sonst immer für die Teilnehmer ackern. Wäre er durch das gesamte Fahrerlager gegangen, ich bin sicher, die meisten hätten ihn unterstützt. Es dürfte auch jedem klar sein, dass die Arbeit nicht nur am Rennwochenende anfällt. „Wir fangen schon im Februar/März mit den Vorbereitungen an“, meint Helga Pommer dazu. "Glücklicherweise unterstützt uns die Gemeinde in vielen Dingen und auch vom ADAC bekommen wir Hilfe.“ Aber es bleibt viel zu tun, auch für ein eingespieltes Team wie den 1. Auer MSC. Die Strohballen müssen aus dem Lager geholt werden, also auf- und natürlich wieder abgeladen werden. Das macht bei mehr als 250 Stück auch schon Arbeit.


„Für die Absperrung brauchen wir 600 Meter Bauzaun und 10 große Rollen Trassierband, für deren Befestigung müssen ca. 150 Holzpfähle in den Boden geschlagen werden. Auch für Sanitäranlagen muss gesorgt werden“, erzählt Helga Pommer. Insgesamt brauchen wir für den Streckenaufbau ungefähr 80 Personen, Vereinsmitglieder, die Eltern der Kartkinder und Freunde – alle packen mit an.

Und natürlich trägt man alles, was gebraucht wird, nicht in der Einkaufstüte an die Strecke: Der Kartchef des 1. Auer MSC, Frank Jawanske, organisiert die Logistik. Sprecher-Truck, Lumpensammler und zwei Sattelschlepper stellt er zur Verfügung und macht damit natürlich auch ordentlich Kilometer. Ortsansässige Firmen kümmern sich um den Strom im Fahrerlager oder übernehmen die Müllentsorgung.

Um die Strecke herum sichern fast 20 Feuerwehrleute und 28 extra ausgebildete Streckenposten den Kurs.

Die runde Sache

2016 Zschorlau 252Rund wird das Zschorlauer Dreieck durch ein Rahmenprogramm, das sich sehen lassen kann. Ein Motorradgottesdienst am Freitagabend ist der Auftakt, die Motorräder, die ihn einläuteten, waren im ganzen Fahrerlager zu hören. Es folgte eine wirklich beeindruckende Lasershow mit visualisierten Motorrädern und auf die Lasershow abgestimmtem Feuerwerk. Großartig. Am Samstagabend dann die Vorstellung der Ehrengäste und die Vorführung eines Films über das Zschorlauer Dreieck in den letzten 20 Jahren, aber auch mit historischen Filmaufnahmen aus den 1960er Jahren. Unschlagbar. Der anschließende DJ hat viele Gäste begeistert, nur den meisten Rennfahrern war es einfach zu laut – wobei ich es sehr spaßig finde, dass gerade Besitzer historischer Rennmotorräder derart geräuschempfindlich sind. Aber auch Martin und ich haben uns verkrümelt, schlicht, weil wir uns mit den anderen Teilnehmern unterhalten wollten. Denn in Zschorlau sind viele, die man nur ein Mal im Jahr sieht, und tagsüber ist tatsächlich wenig Zeit für ein ausgiebiges Benzingespräch. Sonntag dann noch die Siegerehrung. Nach drei erfüllten Tagen – mit nur einem Regenschauer – hieß es dann einpacken und ab nach Hause.


Text: Birgit Siekmann,
Fotos: Nicole Richter, Archiv Deisinger, Hilmar Bruch, Birgit Siekmann, Sieglinde Zerwer

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