Moto-GL-Kaleidoskop
Beobachtungen und Notizen aus dem Fahrerlager und von der Strecke
Zu Gast bei der Sachsenring Classic

Ein Blick zurück in Freude
  Sachsenring2017Programm

Zum Programm und dem Drum und Dran: Nach dem großen Erfolg im Vorjahr wurde zum 90. Geburtstag des Sachsenrings das Gesamt-Konzept für dieses Jahr noch einmal erweitert; das erforderte einen dritten VeranL1110224staltungs-Tag (16. bis 18.Juni). Den Mittelpunkt für die Motorrad-Fahrer von DHM/VfV bildeten die Solo-Klassen E, H, L, J und K sowie die Gespanne N und P – also klassische Maschinen. Den von diesen Klassen ausgetragenen Gleichmäßigkeits-Läufen standen die Rennen gegenüber, die in drei Klassen und mit sehr starken Starter-Feldern von der Klassik Trophy ausgerichtet wurden – und das bedeutete im Durchschnitt sehr viel mehr Youngtimer. (Damit sind in etwa die Beiträge der beiden Verbände zu der Klassik-Veranstaltung umschrieben.) Hinzu kamen zahlreiche Sonder- und Präsentations-Läufe, teils sortiert nach Marken wie MV Agusta und MZ, teils nach der herausragenden Prominenz von Fahrern („Louis Classic Kings“: Agostini, Read, Spencer & Co).

L1110216 Ein gesonderter Punkt betraf „Kevin Schwantz on Track“ und sah vor, dass der Weltmeister von 1993 auf einer Serien-Maschine eine große Gruppe von Fahrern über die Piste geleitete, die in einer Art Preisausschreiben von Suzuki unter anderem dieses „Schmankerl“ gewonnen hatten. Schwantz auf einer leisen Serien-Maschine, die Blinklichter an und besseres Schritt-Tempo – das war freilich nicht unbedingt jedermanns Geschmack. (Zum Programm gehörten des weiteren noch zahlreiche Vierrad-Veranstaltungen, auf die hier nicht eingegangen zu werden braucht.)


L1110233Damit war ein riesiges Programm-Paket geschnürt worden, das ersichtlich hoch attraktiv war: Es sollen bei ganz überwiegend trockenem Wetter um die 50.000 Zuschauer gewesen sein, die während der drei Tage die Strecke säumten und das Fahrerlager bevölkerten. Gewiss fahren wir alle „aus Spaß an der Freud`“, aber es produziert zusätzlichen „Thrill“, vor voll besetzten Tribünen und einem begeisterten Publikum in langanhaltender Schräglage (wie in der Dreifach-Links nach dem Omega-Ausgang) die Stiefelspitzen am Boden schleifen zu lassen – und dieses auf einem derart faszinierenden Kurs wie dem Sachsenring.

A pro pos Fahrerlager: Die Veranstalter hatten einen differenzierten Plan ausgearbeitet, wie die zahlreichen Starter auf die drei Fahrerlager verteilt werden sollten. Es scheint jedoch so gewesen zu sein, dass die Ordner, die die Ankommenden in die Areale einwiesen, davon keine oder nur unzulängliche Kenntnisse erlangt hatten, denn in T7-T9 waren ersichtlich viele DHM-Leute, die eigentlich allesamt in Fahrerlager 3 gehört hätten. Das aber machte die Situation gerade dort besonders entspannt – gelassene Geräumigkeit, geringere L1110201Lärmbelästigung, gute sanitäre Anlagen, sogar etwas Schutz vor den böigen Winden, die hauptsächlich aus nördlicher Richtung wehten. Und: Gesondert für diesen Bereich war ein eigenes Zelt für die Abnahme aufgestellt worden, in der in nachgerade familiärer Atmosphäre der Helm, die Papiere und die Technik überprüft wurden. Damit nicht genug: Dankenswerter Weise wurden an diesem Zelt auch die Trainings-Zeiten und die Ergebnis-Listen ausgehängt, was den langen Weg zum „Turm“ oben in Fahrerlager 2 unnötig machte.

Die zeitliche Reihung der einzelnen Läufe war von den Organisatoren gegenüber den DHM/VfV- und auch den Trophy-Startern insofern freundlich gestaltet worden, als diese am Sonntag Mittag alle fertig waren und damit rechtzeitig die teilweise lange Heimreise antreten konnten. Der Nachmittag war den Wettbewerben unter den Freunden aus dem Osten unseres Landes vorbehalten.
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Umrahmt wurde das Geschehen auf der Rennstrecke von einer Kranz-Niederlegung am Guthrie-Stein im Wald an der B180, einer Festveranstaltung am Freitag Abend in einer Halle im Ort und insbesondere einem Treffen von Fahrern und Besuchern am Samstag Abend auf dem Marktplatz in Hohenstein-Ernsttal, zu dem nicht weniger als ca. 5.000 Menschen kamen; Timo Neumann und Uli Schmidt moderierten dieses Treffen wie gewohnt sachkundig und informativ, u.a. durch vorstellende Interviews mit einigen der Fahrern. Viele von ihnen hatten in einem Corso ihre Maschinen mitgebracht, die auf diese Weise noch einmal „zum Anfassen“ präsent waren. Eine Anregung: Ein Shuttle-Bus, der vom Fahrerlager in die Stadt führt, würde es auch jenen Interessenten erlauben, an diesem Event teilzunehmen, die über keine geeignete Fahrgelegenheit verfügen, weil etwa ihr Wohnmobil am Stand fix eingerichtet und damit schlecht bewegt werden kann. Das müsste sich doch machen lassen…

Bei der Siegerehrung verkündete Uli Schmidt u.a. die gute Nachricht, dass der Veranstalter jeweils gesonderte Pokale für die einzelnen Klassen bereitgestellt habe, also z.B. solche für E und weitere für H usw. Sehr erfreulich und zur Nachahmung empfohlen!

Zum Gastronomischen: Nach einer langen Anreise stellen sich Hunger und Durst ein. Beide Bedürfnisse zu befriedigen stellte sich alsbald als beschwerlich heraus. Am Donnerstag Abend gegen 19 Uhr war ein einziger Kiosk schon bzw. noch geöffnet, der sich im Fahrerlager 1 hinter den Boxen befand. Auch der war schon im Begriff zu schließen. „Da kommt keiner mehr“, entschuldigte sich der Betreiber, und dieses, obwohl das Fahrerlager doch bereits brechend voll war, aber: „Das sind vollständige Selbstversorger und bringen alles mit, was sie brauchen.“ Zumindest wir waren wohl die Ausnahme. Am Tag darauf stellte sich heraus, dass mehrere Gaststätten entlang der Straße unterhalb der Karthalle (Goldbachstraße), die im Vorjahr noch emsigen Betrieb gezeigt hatten, vorzeitig oder endgültig geschlossen hatten. Deprimierend, aber offenbar rechnet sich auch das Stoßgeschäft während der einen oder anderen Veranstaltung nicht über das gesamte Jahr. Am Samstag Abend dann ein Lichtblick: In Hermsdorf, von der B180 hinter dem Mercedes-Händler links ab hinunter ins Tal, nach ca. 400 m, die Landgaststätte „Bärliebergut“ (oder so ähnlich), idyllisch, nostalgisch, aus der Zeit gefallen – „hinter den Bergen, bei den sieben Zwergen“, hervorragendes Essen, „Friedenspreise“. Wir haben versprochen, nächstes Jahr wieder zu kommen – „das isses…“

Erlebnis-Splitter: Holger Englisch war im Training eine Fußraste an seiner NSU Max abgebrochen. Da half nur Schweißen. Dafür kam vor allem Erich Vogelbacher in Betracht. Der stand zwar im Programm, war aber nicht auffindbar, weil anscheinend nicht anwesend. Aber unerwartete Hilfe tat sich auf: Die dem Fahrerlager benachbarte „Lebenshilfe“ hatte eine Lehrwerkstatt, und in der wurde der Schaden behoben…

L1110235Durch die räumliche Nähe der Standplätze im Fahrerlager lernten wir Ulrich Seelig und seine Frau kennen. Beide sind seit geraumer Zeit mit einem VW-Camper unterwegs und ziehen einen kleinen Hänger, in dem sich eine 50er Kreidler von 1968 befindet. Deren und ihr eigenes Schicksal hätten bewegter nicht sein können – feine Menschen, die trotz belastender Erlebnisse in und nach der DDR ihre erfrischende Lebensfreude nicht verloren haben.

Die Ladepumnpen-DKWs aus den Dreißiger Jahren sind bekannt, wenn nicht gefürchtet für ihre knallenden Auspuff-Töne. Der Legende nach war der Krach, den Ewald Kluge während seiner Sieges-Fahrt auf der Isle of Man mit seiner Maschine erzeugte, sogar in England zu hören. Neben uns startete immer wieder Christian Schmitt seine 350er von 1939, ließ sie warmlaufen und drehte ein paar Runden – das tat den Ohren derart weh, dass wir androhten, Schmerzensgeld wegen Körperverletzung verlangen zu wollen (natürlich nicht im Ernst…)

Auf der Start- und Zielgeraden ereilte zu Beginn der letzten Runde Uli Schmidt und mich das gleiche Schicksal: Er an sechster, ich an siebter Stelle der Wertung liegend, ging uns beiden, natürlich unabhängig voneinander, einfach der Motor aus, nichts Mechanisches offenkundig, vielleicht Zündung, auf jeden Fall total frustrierend angesichts der großen Zahl der Konkurrenten und den nur noch ausstehenden 3,7 km bis zum Ziel – DNF, „that`s racing“. Sagt sich leichter, als es hinzunehmen.

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Thilo Wotzka auf der Maschine, die früher mit derselben Start-Nummer sein Vater Wolfgang gefahren hat  Manfred Stahmer, Kristin Weise

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Text und Fotos: Manfred Amelang 

weitere Fotos vom Sachsenring in der Galerie
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