Moto-GL-Kaleidoskop
Beobachtungen und Notizen aus dem Fahrerlager und von der Strecke
Colmar-Berg 2017:
Anekdotische Eindrücke
ColmarBerg2017Programm

Atmosphärisches: Bekanntlich hängt unser Sport sehr stark vom Wetter ab – und in Bezug darauf waren die Bedingungen dieses Mal gemischt, d.h. es gab trockene, aber auch richtig nasse Phasen. So startete die Klasse E-H-L-U zu ihrem ersten Lauf im Trockenen, aber gegen Ende setzte unvermittelt Starkregen ein. Da bereits sechs oder sieben Runden gefahren waren (und damit die für die Wertung benötigten Zeiten „im Kasten“ waren), hätte L1100984die Rennleitung den Lauf vorzeitig abwinken und die Fahrer, die ja ohne Regenzeug unterwegs waren, „erlösen“ können. (Aber anscheinend hat daran niemand ernsthaft gedacht.) Auch das Umgekehrte gab es, dass nämlich eine Klasse im Nassen gestartet war, die Piste aber gegen Ende des Laufes fast vollständig abtrocknete. Das führte zwar zu immer schnelleren Rundenzeiten, aber die Bedingungen waren ja gleich für alle. Der rasche Wechsel zwischen den verschiedenen Witterungsbedingungen führte bei einzelnen Teams zu hektischer Betriebsamkeit. So wechselte Dieter Nagel die Räder für die Suzuki seines Sohnes Mike in neuer Rekordzeit – und der Erfolg war der beste Lohn für seine Mühen…

Die Veranstaltung in Colmar-Berg war die erste nach dem unvermittelten Rückzug von Stephan Otto aus dem Orga-Team. Dafür waren „persönliche Gründe“ als Ursache angeführt worden. Viele Fahrer spekulierten darüber, welche Motive ganz konkret dahinter gesteckt haben könnten. Die Mutmaßungen schossen ins Kraut. Übereinstimmung bestand wohl nur dahingehend, dass „berufliche Überlastung“ ausgeschlossen werden könne, weil diese erfahrungsgemäß eher absehbar ist und sich nicht ganz plötzlich einstellt, weshalb ein Ehrenamt aus einem solchen Grund nicht „von jetzt auf nachher“ niedergelegt werden müsste.

Gute und schlechte Vorbilder: Es gehört zum guten Benimm, dass man beim Erklingen der National-Hymne aufsteht und den Hut – sofern vorhanden - vom Kopf nimmt. Ersteres ist bei unseren Sieger-Ehrungen sowieso schon von vornherein gewährleistet, da sie stets „im Stehen“ stattfinden: Für Letzteres bedarf es hin und wieder etwas Nachhilfe: So zog ein Fahrer aus der Gespann-Szene einem vor ihm stehenden Besucher der Ehrung während der Hymne einfach dessen Baseball-Kappe vom Kopf und reichte sie ihm wortlos in die Hand, was dieser dann auch ebenso wortlos akzeptierte – Zivil-Courage im Stillen. Sichtbarer war ein ähnlicher Vorgang, bei dem einem Beifahrer während des „Foto-shootings“ von einem Kollegen seine Pudelmütze runtergezogen wurde – recht so…

Weniger positiv: Mitunter hört man, wie der eine oder andere Teilnehmer seinen Unmut über die ungestüme Fahrweise eines (meist jüngeren) Konkurrenten äußert. Grundlage dafür sind meist Situationen, in denen Gefahr dadurch heraufbeschworen wird, dass ein Überholvorgang an Stellen oder auf Linien versucht wurde, an denen es „eigentlich“ gar nicht geht, ein Unfall aber doch vermieden werden konnte, weil der Überholte dann mehr oder weniger erschrocken Platz gemacht hatte – zum Vorteil des vorwärts stürmenden Konkurrenten, der dadurch nicht aufgehalten wurde; das aber ist natürlich dessen Gleichmäßigkeit und damit seiner Platzierung förderlich.
Genau diese Konstellation ergab sich am Sonntag in Lauf 2 der Klasse E-H-L-U. Mitte des Laufes war Horst Böhm auf seiner 250er K+R von 1929 in der Bergabpassage der „Cork Screw“ unterwegs, also jener Stelle, die das frühere Omega abschneidet. Nach der Rechts-Kurve fuhr er die sich gleich anschließende Links auf der Ideal-Linie an, als sich ein anderer Fahrer noch innen vorbeizuquetschen versuchte, wo freilich gar kein Platz mehr war. Es kam zu einer heftigen L1110016Berührung, in deren Folge Horst ab- und nach rechts von der Piste flog. Während die Schäden am Mann sich in Grenzen hielten, war die exotische Maschine (sie ist das letzte noch erhaltene Exemplar ihrer Art) schwer lädiert: Außer den bei solchen Vorfällen auftretenden Deformationen an den „Extremitäten“ wie Lenker, Armaturen und Fußrasten waren die Gabel und insbesondere der Rahmen verbogen – es wird schwieriger Arbeit bedürfen, um diesen wieder zu richten.
Und der Kontrahent? Hat gewonnen, er war ja nicht aufgehalten worden! Später auf sein Verhalten angesprochen, verblüffte er den Geschädigten mit der Behauptung: „Du hast mich abgeschossen!“ Also der vorn liegende, langsamere Fahrer sollte vorgeblich den von hinten auf einer Ala d'Oro heranrauschenden Kollegen rausgekegelt haben – so ein Unding! Horst hat das schier die Sprache verschlagen, hatte er doch erwartet, ein Wort der Entschuldigung zu hören, auf das er positiv reagiert hätte. Ersichtlich ist der Angriff manchmal tatsächlich die effektivste Art der Verteidigung. Damit wurde aber hier die Chance vertan, eigenes Fehlverhalten mannhaft einzugestehen und dessen Folgen halbwegs kameradschaftlich beizulegen – schade drum und wirklich kein Vorbild.


L1100973Skurriles: Es kommt nicht eben häufig vor, dass ein kapitaler Motorschaden genau in dem Augenblick auftritt, als man losfahren will. Genau das aber geschah am Start an der Maschine eines Teilnehmers, weshalb das gesamte Feld sofort mit Roter Flagge eingebremst und nach einer Runde „an den Boxen“ so lange angehalten wurde, bis die Brocken des zerborstenen Motors von den Funktionären aufgeklaubt wurden. Öl war erstaunlicher Weise bei diesem Total-Schaden nicht auf die Strecke gelaufen.

L1100967Die Ducati von Sabine Seiffert (#H2) wollte und wollte nicht anspringen. Eingehende Untersuchungen und Versuche einer „Operation am offenen Herzen“ ergaben nur die Diagnose eines ernsthaften mechanischen Defekts, ohne diesen genauer spezifizieren zu können. Das Ganze war deshalb mysteriös, weil die Maschine im letzten Lauf des vergangenen Jahres ohne jede Beanstandung gelaufen und danach abgestellt worden war. Sabine machte dafür verantwortlich, dass der fürsorgliche „Vater der Maschine“, nämlich Walter Wiedemann, nicht mit anwesend war, was das Gerät einfach nicht verkraften konnte…

Große Freude: Harald ist mit seiner Ossa (#H36) vermutlich der schnellste (ehemalige) Polizist im Feld. Er ist immer noch relativ neu in der Szene, und weil er nicht an allen Läufen teilnimmt, hat seine mobile Infrastruktur noch immer einen behelfsmäßigen Charakter. Immerhin hatte er dieses Mal für sein Zelt, das er in der Wiese des Fahrerlagers sehr gut aufbauen konnte, noch als Überbau das Party-Zelt seines Sohnes dabei. (Einen stärkeren Sturm, wie er vor ein paar Jahren in Oschersleben wütete, hätte die Konstruktion gewiss nicht überlebt.) Im Training brannte ein zu mageres Gemisch ein veritables Loch in den Kolben. Aber dafür hatte er einen Ersatz-Motor dabei. Und mit diesem erreichte er einen Gesamt-Dritten – herzlichen Glückwunsch zum ersten Pokal! Sympathisch, dass er im Gespräch diese Leistung weniger auf die eigene Kompetenz, als mehr auf das Zusammenwirken mehrerer zufälliger Faktoren zurückführte; die Zukunft wird erweisen, was daran wahr ist..
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  • Franz Heller: Ein Phänomen, Fahrer und Maschine sind eins und unfassbar schnell

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  • #B80 Phil Ilzhöfer auf Kawa. Das Vorder-Rad scheint zu „schwimmen“

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  • #B47: Dominik Horvath, Kawa 750; eigentlich erscheint es unvernünftig, bei derartigem Wetter so schnell zu fahren…

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  • Die netteste Besucherin der Sieger-Ehrung, mit der „richtigen“ Startnummer auf dem Kleid, nämlich 46.

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 Text und Fotos: Manfred Amelang 
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