Moto-GL-Kaleidoskop
Beobachtungen und Notizen aus dem Fahrerlager und von der Strecke
Nachdenkliche Nachbetrachtungen HockenheimClassics2016Progr
Vorbemerkungen: Die letzte Veranstaltung unserer Meisterschaftsserie liegt nunmehr - also Anfang Dezember - schon fast drei Monate zurück. Aus persönlichen Gründen aber war es nicht möglich, auf das Geschehen in Hockenheim „zeitnah“ einzugehen. Einige der erwähnenswerten Aspekte sind aber auch aus der zeitlichen Distanz durchaus noch aktuell, zumal es sich dabei zum Teil um Dinge handelt, die für die nächste Saison nicht weniger bedeutsam sind.

DSC 0351Hockenheim - „ein Riesenerfolg": So jedenfalls lautet der offizielle Tenor, und niemand wird dem widersprechen, weil deutlich ist, worauf sich dieses Urteil stützt, nämlich die Starter-Zahl von nicht weniger als 500 FahrerInnen allein in der DHM - ein objektives und damit unbezweifelbares Kriterium für einen „neuen Rekord“. Darüber freuen sich die Organisatoren, wird damit doch Geld in die Kassen gespült, und für die Fahrer und Zuschauer verspricht das technische Vielfalt sowie sportlich anspruchsvolle Wettbewerbe - soweit natürlich wunderbar.

Jeder mit der Materie auch nur halbwegs Vertraute wird aber einräumen müssen, dass es außer der schieren Zahl von Startern noch andere Indikatoren dafür gibt, was den „Erfolg“ einer Veranstaltung ausmacht. Wenn nachfolgend einige davon zur Sprache kommen, soll die obige Schlussfolgerung *nicht* grundsätzlich in Frage gestellt, sondern um einige Facetten erweitert werden.

Zahl und Qualität der Starter: Beginnen wir mit den aktiven Teilnehmern, also den Startern. Neben deren Anzahl oder Quantität ist natürlich auch deren Qualität von Belang. Über dieses Kriterium zu räsonieren, fällt gewiss nicht leicht. Qualität ließe sich vielleicht über den individuellen Erfolg innerhalb der Serie definieren, also die Platzierung in der Meisterschaftswertung.
Die große Zahl der Starter gerade in Veranstaltungen wie Hockenheim (und auch Schotten) ergibt sich aber gerade daraus, dass einige Starter nur hier und nicht auch bei den anderen Läufen antreten; ihre Kompetenz ist von daher gerade *nicht* in Einheiten der eingefahrenen Punkte abzuschätzen. Vielleicht treten sie ja ansonsten in anderen Serien an - oder eben nur sporadisch bei den besonders prestigeträchtigen Veranstaltungen. Dann aber wäre ihre Performanz und Vertrautheit mit den Gegebenheiten eher begrenzt; jedenfalls überrascht es einen imme
DSC 0335r wieder, wenn man im Verlauf von Wettbewerben wie Hockenheim auf Fahrer aufläuft (oder von denen überholt wird), die man nicht kennt und man deshalb nicht so recht weiß, wie man mit ihnen umgehen soll. Das beinhaltet letztlich Sicherheits-Risiken; mir jedenfalls ist es stets lieber, dass ich aus den vielen vorangegangenen Läufen der Serie weiß, welche Linien der und jener Klassen-Kollege fährt und ich mich insofern darauf einstellen kann. Bei den „Selten-„ oder „Zusatz“-Startern kann das aus naheliegenden Gründen kaum der Fall sein.

Verhalten von Fahrern auf der Strecke: Dazu passt sehr wohl, dass zumindest in einer Klasse heftiger Unmut darüber aufkam, dass einige Fahrer - eher *nicht* Dauer-Starter! - auffällig wurden durch ihre unbeherrschte Fahrweise. Diese Vorkommnisse sorgten dafür, dass - ein Novum in der Geschichte unserer Veranstaltungen - gesondert für diese Klasse am Samstag spätnachmittags eine zweite Fahrerbesprechung angesetzt wurde, um dort eine rücksichtsvollere Gangart anzumahnen. Auch wurden dabei Strafen angesprochen für Regel-Verstöße (darunter Missachtung der Schwarzen Flagge und der Roten Ampel am Ende der Boxen-Gasse). Aus Gründen, die man bei gutem Willen erahnen, aber nicht gutheißen kann, wurden dabei allerdings die „Delinquenten“ nicht namentlich genannt, und letztlich die Sanktionen sogar wieder zurück genommen (in jenen Fällen, wo sich die „Täter“ entschuldigten), wenngleich „für nächstes Jahr mit Bestimmtheit angedroht“.

Aus der kriminologischen Forschung zur Abschreckungs-Wirkung von Strafen sind aber zwei Gesetze von sozusagen alttestamentarischer Geltung bekannt: (1) Individuell präventiv ist eine Strafe nur dann wirksam, wenn sie mehr oder weniger *sofort* nach der Tat verhängt und vollzogen wird (und nicht für irgendwann in der Zukunft in Aussicht gestellt wird). (2) General-präventiv (also abschreckend für die Allgemeinheit) kann eine Strafe nur dann sein, wenn sie der Allgemeinheit auch bekannt gegeben wird. (Das ist der Grund dafür, weshalb früher Täter an den Pranger gestellt und Hinrichtungen öffentlich vollzogen wurden.) Im Hinblick darauf ist eine gewisse Rücksichtnahme auf die Identität und Privatheit des „Täters“ unangemessen, wenn man zukünftiges Fehlverhalten anderer ernsthaft unterbinden will.

Zur Rolle der „Selten“-Starter innerhalb der Wertung: Nur am Rande: Die Selten-Starter beeinflussen die Meisterschafts-Wertung, indem sie den Dauer-Startern Punkte wegnehmen, die diese für die End-Abrechnung mitunter dringend benötigen (ohne dass die Selten- oder Einmal-Starter mit diesen Punkten irgendetwas anfangen könnten; natürlich fällt dieser Effekt für verschiedene Dauer-Starter verschieden aus, je nachdem, wo die Selten-Starter und sie selbst jeweils platziert sind ). Im vergangenen Jahr ist in mindestens zwei Klassen die Jahres-Klassen-Wertung dadurch neu aufgemischt worden, dass solche Fahrer den Serien-Startern „in die Quere gekommen“ sind, d.h. andere Fahrer wurden Erste, weil ihren Konkurrenten durch die Selten-Starter Punkte „abhanden“ gekommen waren. Letztlich ist das nicht in Ordnung. Früher musste man sich für die Meisterschaft einschreiben; nur diese Personen konnten dafür auch punkten. Das jetzige System mag von der Handhabung her einfacher sein, aber es beeinträchtigt das Bild über den realen Leistungsstand der Dauer-Starter. Wir sollten deshalb zur Einschreibe-Pflicht für die DHM zurückkehren.

Verhalten von Fahrern neben der Strecke: Im Zuge der Erörterung des regelwidrigen Verhaltens einiger Fahrer im Rahmen der außerordentlichen Fahrerbesprechung wurde bekannt, dass einige Fahrer (bezeichnender Weise vorwiegend die auffällig gewordenen „Delinquenten“) sich in beleidigender und abfälliger Weise gegenüber den Funktionären geäußert hatten. Dabei handelte es sich offenkundig um ein relativ neues Phänomen. Dieses ist definitiv nicht zu entschuldigen und keinesfalls hinnehmbar. Die Mitglieder des Orga-Teams, die durch ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten die Ausübung unseres Sportes letztlich erst ermöglichen, verdienen jeden Schutz vor ungerechtfertigten und unanständigen Anwürfen. Wir erklären uns mit ihnen solidarisch und ermutigen sie, ungeachtet derartiger Vorfälle wie gewohnt weiter zu machen, weil von wenigen Ausnahmen abgesehen das gesamte Fahrerlager hinter ihnen steht.

CSC 0345Das Wichtigste zuletzt, der Sport: In die Gesamt-Bewertung einer Großveranstaltung wie Hockenheim geht letztlich natürlich auch mit ein, inwieweit das Wetter mitgespielt hat (wofür natürlich allein „Petrus“ und nicht irgend jemand anders verantwortlich ist). Wie bei vielen anderen Veranstaltungen in diesem Jahr goss es leider mal wieder wie aus Kübeln, insbesondere bei einigen der abschließenden Läufe am Sonntag. Ein Blick in die Ergebnis-Listen lässt denn auch sogleich erkennen, dass in den davon betroffenen Klassen allenfalls noch die Hälfte der Starter aus dem jeweils ersten Wertungslauf antrat, vorwiegend natürlich jene Akteure, die sich für die Tages- oder Jahres-Klassen-Wertung noch etwas ausrechneten.

Die Strecke war wegen der Nässe und dem Reifenabrieb aus den vorangegangenen anderen Wettbewerben „sauglatt“. Erfreulicher Weise kam es gleichwohl zu keinen nennenswerten Unfällen. Für einige Fahrer lohnte sich ihr beherzter Einsatz. Dazu zählen nicht zuletzt Vater und Sohn Nagel, die trotz unterschiedlicher Klassen-Zugehörigkeit gemeinsam in einer Gruppe antraten: Beide belegten die Plätze 3 bzw. 2. Dieter wurde damit auf seiner Ducati in M Zweiter hinter Roger in der Jahres-Klassen-Wertung, Mike auf seiner Suzuki gewann nicht nur die Jahres-Klassen-Wertung in A, sondern wurde darüber hinaus Dritter in der DHM - eine solche Kombination hatten wir selten oder nie, und man kann nur hoffen, dass dem eh schon selbstbewussten Jungen der fulminante Erfolg nicht zu Kopf steigt.

Ihnen und allen anderen Fahrern zu ihren großartigen technischen und sportlichen Leistungen von hier aus herzliche Glückwünsche und dass wir alle im Neuen Jahr gesund bleiben mögen!

Hockenheim ein Erfolg? Aber ja doch, institutionell und individuell…

L1100211P.S. Ich suche dringend jenen jungen Mann, der mich am Samstag Nachmittag in der Nähe des Opel-Hauses hingebungsvoll anzuschieben versucht hat. Wir haben es dann gerade noch bis zu der verwaist daliegenden Starter-Maschine vor dem Bus von Manfred Bertsch geschafft, dort die Maschine draufgehievt - und ab ging die Post. Ich möchte mich bei dem freundlichen Helfer gebührend bedanken.

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Text: Manfred Amelang; Fotos: Roland Leger, Manfred Amelang

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