Moto-GL-Kaleidoskop
Beobachtungen und Notizen aus dem Fahrerlager und von der Strecke
St. Wendel 2014:
„4. Internationale Motorsport Klassik“
- Nachbetrachtungen –
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Das im Jahre 2008 aus der Taufe gehobene Revival ist mittlerweile im Kalender der Veranstaltungen und im Kopf der Fahrer etabliert. Das zugrundeliegende Konzept hat sich ersichtlich gut bewährt: Der lokale Motorsport-Club hat die Unterstützung der Stadt (und ihres agilen Bürgermeisters!) gewonnen; beide Parteien treten gemeinsam als Veranstalter auf. Das erleichtert fast alles, zumal es durch diese Koppelung auch gelungen ist, eine Reihe von Sponsoren zu gewinnen. Das Selbstbewusstsein ist dementsprechend: Dieses Jahr firmierte die Veranstaltung erstmals als „Internationale Motorsport Klassik.“ Von der positiven Entwicklung profitieren alle Seiten. Das Ganze ist als eine Art Festveranstaltung aufgezogen, also in der erklärten Absicht, die lokale Bevölkerung mit einzubinden. Das scheint zumindest immer dann gelungen zu sein, wenn am Freitag Abend in Polizei-Begleitung ein Korso von Rennmaschinen zum Dom-Platz rollt, durch ein dichtes Spalier begeisterter Zuschauer, begleitet von (überwiegend) historisch interessanten Autos, in denen mehr oder weniger prominente Ehren-Gäste sitzen. Dort werden die Personen und Maschinen von Peter Lambert ebenso kundig wie eloquent vorgestellt. Mitunter segnet dann der Pfarrer die Maschinen – eine Eröffnung, wie sie andernorts undenkbar wäre.

Dieses Mal hatten sich die rührigen Motorsport-Historiker wieder etwas Neues ausgedacht: Weil sich 2014 der Geburtstag von August Balthasar, dem Rennleiter der unvergessenen Rennen auf dem Stadtkurs von St. Wendel, zum 100. Mal jährte, führte der Korso über den Schlossplatz in die Brühlerstraße; dort wurde in Gegenwart einer großen Menschenmenge und zahlreicher Medienvertreter eine Gedenktafel eingeweiht, auf der neben den Namen aller Sieger auf dem Stadtkurs in zentraler Position ein Portrait des legendären Rennleiters zu sehen ist, daneben auch ein solches von Luigi Taveri, der zu den ganz großen Fahrern nicht nur, aber auch bei den St. Wendeler Rennen zählt und der ein guter Freund von Balthasar war. Zudem ist auf seiner Maschine auch Karl Recktenwald zu sehen, ein enger Vertrauter der Familie Balthasar, der vor 50 Jahren auf der Solitude tödlich verunglückte.
 Druckvorlage für die Ehrentafel (Rahmen um die Namen von Fahrern weisen auf notwendige Korrekturen hin)

Ein Laudator würdigte Leistung und Leben des Geehrten, Taveri und Redman enthüllten die Tafel, der Geistliche segnete das Kunstwerk (und auch ein paar der Umstehenden) - und unter der Moderation des Streckensprechers setzte sich der Konvoi wieder in Bewegung. Man kann geteilter Auffassung dahingehend sein, ob nicht grundsätzlich nur nicht mehr Lebende auf derartige Weise verewigt werden sollten, aber völlig unstrittig ist, dass diese Aktion und ihre Einbettung in das Stadtgeschehen einmal mehr rundum sehr gelungen waren; es beeindruckt stets aufs Neue, wie die Veranstalter die Besitzer der Old- (und auch der All-)Timer zu motivieren vermögen, ihre Schmuckstücke und ihre Zeit zur Abrundung des Ganzen einzubringen.

Noch in ganz anderer Hinsicht hatten die Organisatoren vorbildliches geleistet: Nicht nur im Fahrerlager oberhalb der Kasernen, sondern auch unten im „Infield“ waren Stromkästen in ausreichender Zahl aufgestellt, ebenso eine Reihe von Toiletten-Wagen mit fließendem Wasser (!) sowie allgemein einige Wasseranschlüsse vorhanden – perfekt. Überall war es proppe-voll: die Zahl der Start-Nachfragen überstieg zum Schluss diejenige der vorhandenen Plätze; dem Vernehmen nach gab es eine Nachrück-Liste, und weil das Kontingent ausgeschöpft war und alles mit rechten Dingen zugehen sollte, konnte beispielsweise der international bekannte Fahrer de Vries aus den Niederlanden mit seiner verspäteten Nennung nicht mehr berücksichtigt werden.

Zudem hatten die Veranstalter einen bemerkenswerten Kreis von Ehren-Gästen eingeladen und diesen großzügig umsorgt; dazu zählten unter anderem auch die Ehefrauen jener Fahrer, zu deren Ehren jeweils einer der Läufe stattfand (schöne Idee, eine wirklich noble Geste!). Darunter befand sich unter anderem auch Frau Gedlich, die Witwe des früheren 50cc-Piloten. „Ich heiße Gedlich und bin Ehren-Gast“, so stellte sie sich vor, „mein Mann Wolfgang ist früher auch gefahren,“ und um dessen Bedeutung zu erhöhen, fügte sie an: “zusammen mit Anscheidt“.

Neu im Programm, das ähnlich wie in Schotten einer lokalen Zeitung beigefügt wird und damit in einer Auflage von fast 50.000 Exemplaren erschient, war ein „Concours d`Èlegance“. In mehreren Klassen fuhren einige Straßen- und Rennmaschinen ein paar Runden; danach entschied eine Jury über die zu vergebenden Trophäen und Zertifikate. Eine „Güllepumpe“ erhielt einen ersten Preis (na ja), eine wunderschöne Adler MB 201 einen zweiten und ein klasse Ducati-Renner den ersten. Gute Idee, die auch andernorts funktionieren könnte.

Redman nach der EhrenrundeHatten die Veranstalter insofern das allermeiste richtig und darüber hinaus auch in vorbildlichem Stil gemacht, so gab es etwas Stirnrunzeln bei der Verabschiedung von Jim Redman, der zwischen 1958 und 1964 auf Norton und Honda in St. Wendel angetreten war und 1964 die 350er-Klasse gewonnen hatte. Nach drei Ehren-Runden am Vormittag auf einer Honda von Walter Scherz brachte Klaus Lambert eine Eloge auf den vielfachen Weltmeister aus, der – so wurde gemutmaßt – nunmehr das letzte Mal nach St. Wendel gekommen sei – alles schön, aber vor fast leeren Rängen, weil die Zuschauer in nennenswerter Zahl erfahrungsgemäß erst am Nachmittag kommen. Dafür wurden neuerliche Runden am Nachmittag anberaumt. Leider hatte sich dann aber das Wetter sehr verschlechtert; nach einem Gewitter mit Sturzregen in der Mittagszeit und weiterhin schwarzem Himmel packten viele Fahrer ihre Sachen zusammen und fuhren heim; deshalb waren danach die Starterfelder reichlich ausgedünnt, weshalb beispielsweise die Klassen 2 und 3 zusammengelegt werden mussten. Darunter litt natürlich die Stimmung - es war sehr schade, dass das Finale einer rundum schönen Veranstaltung durch schlechtes Wetter beeinträchtigt wurde.

Es entspricht einem Naturgesetz, wonach neben vielem Licht auch Schatten zu verzeichnen ist. Das gilt in übertragenem Sinn auch für die Veranstaltung in St. Wendel: Einer der Begründer der Idee für ein Revival in St. Wendel ist zweifellos Norbert Blasius, in den frühen Sechzigern selbst auf 50er- und 125er-Maschinen Rennen gefahren, dann in den Achtziger-Jahren für einige Zeit in der Oldtimer-Szene aktiv, Betreiber einer Werkstatt in St. Wendel, in der vor allem Rumi-Motorräder getunt werden, Initiator auch der Ausstellung zu Ehren von August Balthasar im Jahre 2007. Seit geraumer Zeit gehört Blasius nicht mehr zum Kreis der Organisatoren, hat dazu vielleicht auch nie formal gezählt; über die Gründe dafür hört man seit jeher sehr unterschiedliche Versionen, die hier natürlich nicht ausgebreitet werden sollen. Aber dass sein Name im Kontext der Revivals nirgendwo offiziell auftaucht und die Person dementsprechend gewürdigt wird, darunter leidet er sehr. Aus Verständnis für diesen Unmut und um die eingetretene Schieflage wenigstens etwas zurechtzurücken, sei dieses hier ausdrücklich nachgeholt - freilich nur von einem Außenstehenden.


Wenn man genau hinschaut, sieht man die Funken unter dem Hintern der Passagierin Ein Fahrer des MV-Clubs
Ein Fahrer quert gerade das Zielrichter-Zelt. Die Aufnahme   wurde per Gehör gemacht, rechtzeitig auslösen, Glück gehabt, der Fahrer ist drauf... Zwei Fahrer auf der Start-Ziel-Geraden
 Sportmax-Fahrer in der vorletzten Rechts vor Start und Ziel  Fahrer am Beginn der Gegengeraden
 Dominik Eichhorn auf BMW-Kneeler Das URS-Gespann von Coquard aus Lyon. Wie vor zwei Jahren   nichts als technische Probleme; weder das Gespann noch die Solo liefen ordentlich
  ...hoch das Bein..  .und noch höher..
 Redman im Zelt  Anita Bloch-Welter auf Honda 350cc
Drei Fahrer in der Links-Spitzkehre vor der Gegengeraden

 


 

Text: Manfred Amelang, Fotos: Roland Leger (3), Amelang

 

 weitere Fotos aus St. Wendel in der Galerie
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