Moto-GL-Kaleidoskop
Beobachtungen und Notizen aus dem Fahrerlager und von der Strecke


Über das Verhältnis zu Umweltbewegten

Umweltbewegt


Vorbemerkung: Dieses ist einmal ein ganz anderer Beitrag


E
nde der Saison: Der Motorenlärm ist verstummt, die Maschinen sind in der Garage verschwunden oder auf die Werkbank gehoben, wo sie für die Einsätze im nächsten Jahr gewartet oder weiter optimiert werden. Die Gedanken kreisen nicht mehr um Termine und Ergebnisse, Strecken und Strategien; vielmehr bieten die veranstaltungsfreien Monate eine willkommene Gelegenheit, über wiederkehrende Probleme nachzudenken, für die in der Hektik des sommerlichen Geschehens meist nicht die ausreichende Muße vorhanden ist. Dazu zählt beispielsweise das Verhältnis unserer Szene zu solchen Personen und Institutionen, die aus Sorge um die Umwelt und ihr eigenes Wohlbefinden gewöhnlich nicht eben erfreut sind über unser Treiben. Aktueller Anlass dafür ist die Mitteilung des Orga-Teams auf der zurückliegenden Arbeitstagung in Schotten, dass die Arbeiten an der neuen Rennstrecke bei Paderborn („Bilster Berg“) zwar zügig vorangehen und die Eröffnungsveranstaltung für den 30. Juni 2012 vorgesehen ist, dass aber nunmehr Umweltinitiativen auf den Plan getreten sind, die dem Vorhaben möglicherweise Schwierigkeiten bereiten – was mit unfreundlichen Worten kommentiert wurde.

Klar: Niemand freut sich, wenn andere Personen gegen die Realisierung eines eigenen Plans opponieren und die Umsetzung verzögern, verteuern oder gar verhindern. Aber es gilt immer der Grundsatz:“Die Freiheit ist auch immer diejenige des Anderen!“ Oder mit anderen Worten: Wir müssen verstehen, dass das Bollern, Röhren oder Kreischen unserer Motoren von anderen nicht ebenfalls als wunderbare Musik, sondern schlicht als störender Lärm wahrgenommen wird. Weil dieser – massiert emittiert - ohne Frage gesundheitsschädliche Wirkungen entfaltet, müssen wir einfach akzeptieren, wenn sich Leute dagegen wehren, auf solche Weise Opfer vom Tun anderer zu werden.

Natürlich gibt es dabei nicht hinnehmbare Klagen. Ein Beispiel dafür sind Leute, die zunächst Grundstücke oder Häuser in der Nähe von Rennstrecken erwerben, zu günstigen Konditionen, eben wegen der Geräuschkulisse, und später gegen die Durchführung „lauter Veranstaltungen“ vor Gericht ziehen. So geschehen in Monza, übrigens mit Erfolg, um ein unverfängliches Beispiel zu nehmen. Aber die Gegebenheiten in Hockenheim und am Ring sind nicht unähnlich dazu, weil hier im Laufe der letzten Jahrzehnte die Zahl der Veranstaltungen von einigen wenigen im Jahr bis zu mehreren pro Tag zugenommen hat und die Anwohner heutzutage – nunmehr bei drastisch geänderten Randbedingungen! – in berechtigter Weise vorbringen können, von diesem Ausmaß überrollt worden zu sein. Als Konsequenz solcher Proteste wird die Zahl lauter Veranstaltungen begrenzt (und diese meist an Serien mit „starker Wirtschaftskraft“ vergeben) und bei den weniger lauten Veranstaltungen zusätzlich ein striktes, strafbewehrtes Geräusch-Limit vorgegeben. In solchen Fällen ist als Folge aufgetretener Entwicklungen, also quasi im Nachhinein, ein – mitunter schmerzlicher – Kompromiss zwischen den Interessen der beteiligten Gruppen ausgehandelt worden.

Zu unterscheiden davon sind gänzlich neue Projekte. Dazu gehören wohl u.a. die Rennstrecke bei Paderborn, im größeren Rahmen auch Vorhaben wie Stuttgart 21, neue Landebahnen in Frankfurt und München, die Gütertrasse im Rheintal usw. Gewiss sind dabei gemäß der bestehenden Verwaltungsbestimmungen die Bürger stets informiert worden, und sie konnten im Verfahren ihre Einwendungen vorbringen, aber das bedeutet natürlich noch lange nicht, dass sie dem Objekt als solchem und dem Ergebnis zustimmen würden. Solche Informationen und Einbindungen der Bürger geschehen freilich meist nur zu einem einzigen Zweck, nämlich der Durchsetzung des Vorhabens, also ihrer Akzeptanz. Verständlich, dass damit Unbehagen, wenn nicht gar Wut auf Seiten der Bürger erzeugt wird („Wutbürger“), weil diese damit etwas hinnehmen oder ansehen oder anhören müssen, von dem nur andere oder die Allgemeinheit einen Vorteil hat.

Reduzieren lassen sich Konfrontationen wohl nur, wenn in solchen Entwicklungen die Bürger nicht nur von den Projektträgern, den Investoren und Kommunen „befragt“ würden, sondern ihnen eine wirkliche Mitsprache über das „Ob“ und „Wie“ eingeräumt und der notwendige Ausgleich der Interessen mithin auf faire Weise herzustellen versucht wird.

Also: Nicht einfach Gruppierungen abwertend kommentieren, die andere Ziele verfolgen. Meist handelt es sich dabei um gleichberechtigte Gesprächs- und Verhandlungspartner im demokratischen Miteinander. Denn: Alle politischen, wissenschaftlichen und auch sportlichen Systeme, in denen ein Wettstreit der Ideen zugelassen wird, sind jenen Systemen allemal überlegen, die autoritär-autokratisch strukturiert sind – freilich dauert es bei uns manchmal länger, bis die „richtige“ Entscheidung „steht“.

Phonmessung

Hockenheim 2007: Messung der Phonstärke an der BMW von Peter Sitta


Text und Fotos: Manfred Amelang


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