Moto-GL-Kaleidoskop
Beobachtungen und Notizen aus dem Fahrerlager und von der Strecke

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Plakat


Zum Programm und dem Drumherum

Es ist schon eine gewisse Tradition, dass am ersten Wochenende im Juni die
Odenwaldring Klassik auf dem Flugplatz in Walldürn ausgetragen wird. So war es auch dieses Mal der Fall, als die Veranstaltung zum vierten Mal in Folge ausgerichtet wurde. Tradition hat auch das breit ausgefächerte Angebot an Läufen, das für jeden Fahrer nach seinem Geschmack etwas bereit hält: Zum einen Gleichmäßigkeits-Läufe nach den Wettbewerbsbestimmungen des VFV, wobei allerdings nur die Klassen E, T, F, H, L, J, K, U, V, W, X und O am Start waren, die zu insgesamt drei Starter-Gruppen zusammengefasst, letztlich aber getrennt gewertet wurden. In Gruppe 1 traten auch Fahrer aus der Schweiz mit Maschinen bis zum Baujahr 1949 an; wie sie kämpfte eine große Zahl weiterer Schweizer in einer eigenen Gruppe (bis 400cc, über 400cc, Grand Prix 250 und 350cc) um die Schweizer Meisterschaft. Daneben gab es einen Präsentations-Lauf und eine Parade; die letztere beinhaltete besonders schöne Maschinen und erfolgreiche Fahrer. Am attraktivsten für die Zuschauer waren wohl die insgesamt sechs Rennen für verschiedene Solo- und zwei Seitenwagen-Klassen. Insgesamt hatten um die 350 FahrerInnen rechtzeitig gemeldet, aber es gab zahlreiche Nachnennungen, die nicht im Programm standen. Das bedeutete in der Mehrzahl relativ große Starterfelder und zumindest in den ersten Runden auf dem knapp 2 km langen Kurs ein ziemliches Gedränge.

Heiri Bechtel (553) aus der Schweiz auf der Außenbahn der Links-Kurve am Fahrerlager;
innen Stefan Beck (Gaggenau)
Gleich hat er ihn - Poljack noch hinter Knickenberg im Samstag-Rennen
 

Wie schon im letzten Jahr säumten zahlreiche Zuschauer den Kurs, und im Fahrerlager herrschte insbesondere am Samstag eine sehr dichte Atmosphäre. Eindrucksmäßig waren am Sonntag etwas weniger Besucher gekommen; vielleicht hatten sich manche von der Gewitter-Warnung beeindrucken lassen und waren deshalb lieber zu Haus geblieben. Gleichwohl gehört Odenwaldring Klassik inzwischen zu den ganz wenigen Veranstaltungen, zu denen jeweils mehrere tausend Zuschauer kommen – nur in Schotten sind es mehr. Ein Teil des Erfolgs-Rezeptes liegt vermutlich darin, dass Schotten und Walldürn pro Jahr nur eine motorsportliche Großveranstaltung vorsehen, der dadurch eine Ausnahmestellung in ökonomischer, touristischer und sozialer Hinsicht zukommt. Ähnlich gelagert sind die Verhältnisse in St. Wendel. Demgegenüber ist etwa auf permanenten Rennstrecken wie Hockenheim oder Oschersleben praktisch jedes Wochenende etwas los, wodurch die potentiellen Interessenten fast zwangsläufig „gesättigt“ sind. Infolge der besagten Ausnahmesituation fällt es den Organisatoren leichter, für einen derartigen „Event“ Sponsoren zu gewinnen sowie Firmen, die im Renn-Programm inserieren. Letzteres wies dieses Jahr sage und schreibe 48 Seiten auf, im Format DIN A4, Mehrfarben-Druck, hervorragende Papier-Qualität – das ist in der Szene einzigartig. Weitere Gemeinsamkeiten der publikumsträchtigen Veranstaltungen sind ein ungemein rühriges und umsichtiges Organisationsteam sowie kompetente Streckensprecher. Klaus Lambert überzeugte diesbezüglich in Walldürn einmal mehr. Erfreulich war auch, wie rasch die Ergebnis-Listen zur Verfügung standen. Allerdings wünschten sich jene Interessenten, die ihre Brille im Hangar nicht dabei hatten, eine etwas größere Schrift als die verwendeten Mini-Typen.

Am Samstag hatte das herrliche Sommer-Wetter bis gegen 17 Uhr gehalten; dann fing es an zu tröpfeln, mit der Folge eines Sturzes in der Schikane, in der mehrere Fahrer zu Boden gingen. Eine Maschine fing sofort Feuer, eine andere fuhr ohne Fahrer weiter über das Infield, querte auch noch die Gegengerade, verursachte einen Zusammenprall mit einem gerade vorbeikommenden Fahrer und schlug dann in die Strohballen ein. Der besagte Fahrer erlitt am Knie böse Verletzungen, die in einer Klinik behandelt werden mussten; wenn es schlecht laufe, so lautete die Diagnose, sind die Kreuzbänder gerissen. „Es ist das Risiko, das immer mitfährt“, stellte er lakonisch fest. Auch von hier aus die allerbesten Genesungswünsche!
 

 
Das hätte das "Sport-Foto" des Jahres werden können: Die führerlos über die Wiese weiterfahrende Maschine fest im Sucher drückte ich den Auslöser, als sie auf die Gegengerade kam - zu spät, denn zwei herankommende Fahrer verdeckten die Sicht auf das Motorrad, das bereits in die Strohballen eingeschlagen war. Man sieht nur noch einen Teil des Hinterrades.

Zur Strecke und der Infrastruktur



Der Kurs war derselbe wie in den Vorjahren. Allerdings war die Schikane am Ende der Start-Geraden enger abgesteckt; da passte nur eine Fahrer-Maschinen-Kombination durch den Eingang. Dieser war anfänglich nicht sehr gut zu erkennen. Die Anregung einiger Fahrer, durch rote Markierungen an den Strohballen die Linie leichter ausmachen zu können, wurde erfreulicher Weise von der Rennleitung umgehend aufgegriffen und in die Tat umgesetzt. Zusammen mit dem Belag wurden auch die weißen Streifen, die für den Flugbetrieb eine wichtige Orientierungsfunktion haben, neu gestrichen – und das machte die betreffenden Passagen höllisch glatt und damit gefährlich, zumal bei dem einsetzenden Regen. Die Rennleitung beschloss dann, den gerade laufenden Wettbewerb abzubrechen und die noch ausstehenden Läufe am Sonntag früh nachzuholen - völlig richtig. Aber die aufgetretenen Probleme werfen die Frage auf, ob es sinnvoll ist, die Schikane ausgerechnet dort einzurichten, wo die ankommenden Fahrer einen ordentlichen „Zahn“ drauf haben, denn halbwegs sicher ist man doch nur auf dem schmalen Teerband zwischen den lackierten Streifen. Anzuregen ist deshalb, in absehbarer Zeit die Schikane vorzuverlegen, etwa in die Gegend noch vor der Start-Aufstellung. Auch wäre es von Vorteil, wenn die Doppel-Links am Ende der Zielgeraden in die nördlich und parallel dazu verlaufende Schleife verlegt würde. Dadurch wäre es möglich, die ausgangs der Kurve aufgetragenen breiten weißen Streifen, die bisher in Schräglage überfahren werden, was ebenfalls zu bösen Rutschern geführt hat, in bereits aufgerichteter Lage zu überfahren. Natürlich bedürfte es durch solche Maßnahmen einer Neu-Abnahme der Strecke, doch wären sie der Sicherheit dienlich.

 

 

 

Positiv vermerkten viele Nutzer, dass die Organisatoren zwei Container mit ordentlicher Toilette bzw. funktionierenden Duschen aufgestellt hatten. Das kostete zwar einen Haufen Geld, insbesondere für den An- und Abtransport, entspannte allerdings die „Bedürfnis-Lage“ in erfreulicher Weise.

 

 

 

Auf der Nennbestätigung stand groß und fett, dass das Fahrerlager am Freitag ab 10 Uhr geöffnet sei, aber eben nicht früher. Das freilich hielt zahlreiche Teilnehmer nicht von der Anreise bereits am Donnerstag Abend ab – und sie wurden belohnt, denn vom Tower kam gegen 20 Uhr die Nachricht, dass die letzte Flugbewegung gerade stattgefunden hätte und nunmehr der Zugang zur Wiese geöffnet sei.


Zum Sport

Die Ergebnisse der beiden Läufe am Samstag und Sonntag wurden nicht aufaddiert, sondern getrennt gewertet; es gab also Pokale für Podest-Plätze an jedem der beiden Tage – eine gute Idee der Veranstalter. Auf diese Weise wurden diejenigen Fahrer, die beim ersten Lauf nicht auf den vorderen Plätzen gepunktet hatten und deshalb keine Aussicht mehr für die „Gesamtplatzierung“ hatten, bei der Stange gehalten, denn sie hatten am Sonntag noch eine „zweite Chance“.

 

Eindrucksmäßig fanden sich unter den Fahrern aus der Schweiz besonders viele, die sehr beherzt zur Sache gingen. Wie immer stießen die Rennen der Seitenwagen-Klassen wegen des spektakulären Schräglaufs der Gespanne in den Kurven auf ein gesteigertes Interesse der Zuschauer. Bei den Solisten trafen die Ersten „on the road“ in den Klassen V+W+K bzw. A+ O+X+S der Gleichmäßigkeits-Läufe in Metz (Poljack bzw. Knickenberg) im Rennen der Classic 500/ Open (4T) direkt aufeinander und lieferten sich einen packenden Kampf, leider nur am Samstag, weil an der BMW von Knickenberg ein Getriebe-Schaden den Start am Sonntag verhinderte.




 

Martin Bertsch

Fritz Fischer, erfolgreicher Gespann-Fahrer aus den Siebziger-Jahren, lässt die BMW RS 54 für seinen Sohn Mike und die Parade warmlaufen.

Martin Bertsch auf seiner Seeley, die er für dieses Jahr vorbereitet hat. Beim ersten Einsatz in Walldürn gleich ein erster Platz am Samstag und ein zweiter am Sonntag, hinter dem Team-Kollegen Franz Schleifer
Fritz Fischer, erfolgreicher Gespann-Fahrer aus den Siebziger-Jahren, lässt die BMW RS 54 für seinen Sohn Mike und die Parade warmlaufen.

Klemens Lambert (Bensheim) auf Ducati.

Dominik Schaub aus Heckmühle auf BMW

Klemens Lambert (Bensheim) auf Ducati Dominik Schaub aus Heckmühle auf BMW



Wofür wohl der Hammer gedacht war?


Text und Fotos: Manfred Amelang


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