Moto-GL-Kaleidoskop
Beobachtungen und Notizen aus dem Fahrerlager und von der Strecke
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Neues von "der" Insel

Gewiss ist jedermann bekannt, dass auf der Isle of Man nicht Gleichmäßigkeits-Läufe ausgetragen werden, sondern das Ziel darin besteht, im schnellstmöglichen Tempo den anspruchsvollen Kurs zwischen Douglas und Douglas zu umrunden.
Zwei Umstände aber mögen es erlauben, hier auf diese Rennen einzugehen, und zwar zurückliegende und bevorstehende: Zum einen die momentan nachrichtenarme Zeit; saisonal bedingt tut sich noch nichts auf den Strecken, weil es ja erst Anfang April mit den Einstellfahrten in Oschersleben los gehen soll. Zum anderen die Erfahrung, dass viele aus der Szene sehr wohl das „Mekka des Rennsports“ und die „Road Racing Capital oft he World“ kennen, häufig bereits mehrfach dort waren, wieder mal hin- oder dort gar mitfahren wollen, jedenfalls öfters mit ihren Gedanken dort sind. Für diese Klientel sind die nachfolgenden Bemerkungen gedacht.
Es ist bekannt, dass die Briten einen besonderen Hang zu Traditionen entwickeln; nicht von ungefähr erscheinen ihnen deshalb vergangene Zeiten in einer gloriosen Verklärung. Nirgendwo sonst werden zurückliegende Ereignisse so häufig als eine „Golden Area“ bezeichnet. Verstärkt werden diese Nostalgie-Tendenzen durch professionelle Marketing-Aktionen, die dem Ziel dienen, das Interesse an den Rennen auf der Isle of Man immer aufs Neue zu erwecken, seitdem diese international an Bedeutung verloren haben. So ist vor vier Jahren mit großem Aufwand die 100-jährige Wiederkehr des ersten Rennens 1911 überhaupt begangen worden, und dieses Jahr soll der 100. Geburtstag der erstmaligen Befahrung des „Mountain Circuit“ gefeiert werden, später wird sicher auch mal das hundertste faktisch stattgefundene Rennen gewürdigt (denn während der Weltkriege und der BSE-Krise konnten diese nicht durchgeführt werden), das Jahr der ersten Runde mit einem Schnitt von mehr als 100mph, dann bei Regen, mit einem Einzylinder usw.
Im Vorfeld der diesjährigen Veranstaltungen starteten die Verantwortlichen eine Aktion mit dem Ziel, festzustellen, welches der zurückliegenden Rennen in den Augen der Fans das größte schlechthin gewesen sei.
Zu diesem Zweck einigte sich zunächst eine Runde von Experten und ehemaligen Fahrern auf eine Liste von 10 Rennen, die zur Auswahl gestellt werden sollten. Diesem illustren Kreis gehörten u.a. John McGuinness, Ian Hutchinson, Michael Dunlop, Dave Molyneux und Charlie Williams an. Fünf der Rennen rührten aus der Zeit vor 1980. Internet-gestützt antworteten tausende von Teilnehmern. Etwa die Hälfte von ihnen entschied sich für die 1992er Senior TT, die ein packendes Duell zwischen Steve Hislop auf der Norton Rotary und Carl Fogarty auf der Yamaha OW01 gesehen hatte. Nach mehrmaligem wechselseitigem Überbieten des Runden-Rekords gewann schließlich Hislop mit einem Vorsprung von 4.4 sec und einem Strecken-Rekord von 121,38 mph.
Den zweiten Platz belegte das Formula 1 Rennen aus dem Jahr 2000, in dem Joey Dunlop vor David Jefferies gewann, den dritten Platz nahm das Superstock-Rennen aus dem vergangenen Jahr ein, das Ian Hutchinson mit 1.32 sec Vorsprung vor Ryan Farquar für sich entschied - und damit den Grundstein für den beispiellosen Rekord legte, in einer Woche fünf TT-Rennen zu gewinnen.

Dunlop

Eine der spektakulären Streckenabschnitte: Ballaugh Bridge, 2000. Einmal aus einer bekannten Perspektive (Nr. 3: Der unvergessene Joey Dunlop), das andere Mal aus einer weniger bekannten (Nr. 91: Richard Hawkins)


Was zeigen uns die Ergebnisse? Zum einen kam von den Rennen vor 1980 keines auf die vorderen Plätze. Das zeigt einmal mehr den sog. „Recency“-Effekt, also die auch aus dem Alltag bekannte Erfahrung, dass sich weniger lang zurückliegende Ereignisse besser erinnern lassen und lebhafter im Gedächtnis bleiben. Zum anderen (und damit zusammenhängend) lagen nur Briten auf den vorderen Plätzen.
Ausländer, die ebenfalls erfolgreich waren und spannende Rennen hingelegt hatten, findet man allenfalls auf den hinteren Plätzen. Aber das erklärt sich daraus, dass in den letzten Jahrzehnten mit der Aberkennung des WM-Status prominente Ausländer der Insel fern geblieben sind, und natürlich auch daraus, dass die Teilnehmer an der Befragung fast ausschliesslich Briten waren. Auch hat der Presse-Chef der Rennen, dessen Verlautbarung die Ergebnisse entnommen sind, ja auch nicht behauptet, dass es sich hier um eine objektive Messung von Ereignissen gehandelt habe. Nehmen wir es, wie es ist: Eine Meinungsumfrage und netter Werbegag. Zu dieser Promotion-Aktion gehört auch, dass die Post der Insel einen Satz von 10 neuen Briefmarken mit Motiven aus den zugrundegelegten Rennen herausgeben wird, die Sammler ab April erwerben können.


Ernster zu nehmen ist demgegenüber das Vorhaben der Verantwortlichen auf der Insel, durch Investitionen von mehr als 60.000 britischen Pfund die Streckenbegrenzungen auf den aktuellen Stand der internationalen Sicherheitsstandards zu bringen. Anstelle der vielen tausend Strohballen, die jährlich immer wieder aufgebaut und abgeräumt werden mussten, soll „recticel fencing“ angebracht werden, also Kunststoffplanen, hinter denen sich Luftpolster befinden. Damit wird die Strecke gewiss sicherer, auch wenn es z.B. wegen häufig fehlender Auslaufzonen unmöglich ist, alle Gefahrenmomente auszuschalten. Aber die geplante Maßnahme berechtigt zur Hoffnung, dass dadurch die notorisch hohe Rate von schweren Unfällen zurückgehen wird und die Rennen auf der Isle of Man ihr Image in der öffentlichen Meinung deutlich verbessern können.

Text: Manfred Amelang

Fotos: Press Office IoM, Amelang


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