Moto-GL-Kaleidoskop
Beobachtungen und Notizen aus dem Fahrerlager und von der Strecke

Text: Manfred Amelang


Ausklang in Hockenheim

Zum Geschehen allgemein

Nach ca. 50 Startern auf der Dahlemer Binz und etwa 100 in Hildesheim hatten sich für den VFV-Endlauf in Hockenheim mehr als 500 Motorrad-Fahrer angemeldet; hinzu kamen die Nachnennungen, die Autofahrer und die Teilnehmer an Präsentations- und Sonderläufen. Damit ist Hockenheim die mit Abstand größte Zweirad-Classic-Veranstaltung auf deutschem Boden. Durch eine kluge Aufteilung der Räume herrschte gleichwohl keine drückende Enge im Fahrerlager, in dem man im übrigen seit Jahren nicht von Pannen wie Strom- oder Lautsprecher-Ausfällen heimgesucht wird. Ein kompetenter Strecken-Sprecher (Klaus Lambert) erläuterte Hintergründe und kommentierte anregend das laufende Geschehen. Zwar gab es mehrere Stürze, die meisten davon jeweils in den ersten Kurven der ersten Runden (eigentlich unverständlich…), doch verliefen diese mehrheitlich ohne ernsthaftere Verletzungen – im Unterschied zu jenem aus den sog. Touristenfahrten mit Serienmaschinen am Donnerstag spätnachmittags.
Anders als bei den Veranstaltungen der letzten Jahre in der badischen Spargelstadt war das Wetter ungemütlich, Regen am Anfang und andauernd niedrige Temperaturen, verbunden mit einem unfreundlichen Wind – gleichwohl kann die gesamte Organisation und das meiste Drum und Dran einmal mehr als perfekt bezeichnet werden. Die Veranstalter hatten darauf verzichtet, die ganz Großen und Prominenten aus der Vergangenheit zu verpflichten, die bei anderen Läufen häufig im Mittelpunkt stehen, aber letztlich wurden diese auch nicht vermisst.

Im Fahrerlager galten viele Diskussionen den für 2010 neuen Wettbe-werbsbestimmungen. Zwar waren diese zuvor eingehend mit den Fahrersprechern abgestimmt und allen Teilnehmern vor Beginn der Saison zugestellt worden, doch wurde offenkundig einigen Teilnehmern erst während der laufenden Veranstaltungen und im Angesicht der von ihnen erzielten Ergebnisse richtig bewusst, was sich auf welche Weise gegenüber der Vergangenheit geändert hatte. Dem aktuellen Diskussionsstand in diesem Bereich sowie dem gesamten Für und Wider ist ein gesonderter Beitrag gewidmet, der in Kürze ins Netz gestellt werden soll.

Zum Sport

Generell überaus erfreulich waren die großen Starterfelder in fast allen Klassen. Es gibt also sehr viel mehr Maschinen und Fahrer, als für die Meisterschaft eingeschrieben sind; dort ist häufig nur eine Handvoll von Startern vertreten. Die Gründe für das Fernbleiben so vieler Fahrer bei anderen Läufen müssen ergründet werden, um gegensteuern zu können. Besonders besorgniserregend ist die Situation in R, wo nur Karl Knoke ernsthaft um die Meisterschaft gefahren ist. Immerhin trat hier mit Christian Petry zumindest ein weiterer Fahrer an, der bereits an einem anderen Lauf teilgenommen hatte. (Die Veranstalter waren sich offenkundig der etwas prekären Situation bewusst und listeten im Programm gleich sechs Fahrer aus J ein zweites Mal auch unter R auf, doch wurden diese dann nur einmal gewertet…) Eine Zusammenlegung von R mit S und A bietet sich für die Zukunft an.

Für den Unterschied zwischen faktisch vorhandenen Maschinen /Fahrern einerseits und den an den Start gebrachten Motorrädern andererseits ist anscheinend der Wunsch vieler Teilnehmer verantwortlich, nicht an allen Läufen teilnehmen zu wollen; daraus resultiert das Bestreben, Streichresultate einzuführen. Dieses Bestreben ist immerhin so stark, dass es einen Punkt in der Befragung der Fahrer durch die Leitung der „Schnellen Szene“ darstellt.
Bei einer Einführung von Streichresultaten würde sich
Nichtstart bei einem Lauf nicht abträglich auf die Chancen für die Meisterschaft auswirken. Das ist die eine Seite. Die andere: Damit würden mit Gewissheit geographisch oder mythisch eher „randständige“ Veranstaltungen generell gefährdet, weil sie von mehreren Fahrern ausgelassen würden. Demgegenüber besteht ohne Streichresultate ein größerer Druck für ernsthafte Meisterschaftsanwärter, an *allen* Läufen teilzunehmen – und damit die gesamte Serie zu stärken. Die Erfahrung aus den letzten Jahren hat gezeigt, dass eine Teilnahme und Zielankunft an möglichst vielen Läufen die beste Voraussetzung für ein gutes Ergebnis am Jahresende darstellt.

Die Komplexität und Vielseitigkeit des sportlichen Geschehens in den zahlreichen Klassen macht es unmöglich, darauf hier im Einzelnen einzugehen. Nur einige Ereignisse seien deshalb hier angeführt: Auf dem blauen Bürzel einer Maschine fand sich ein aufgemalter Hase; der war voriges Jahr in Schotten noch nicht drauf – ein bemerkenswertes Zeichen für feinen selbstironischen Humor; er sollte Anlass zu einer Befriedung sein.
Bei den Gespannen wurde Dieter Wandelt durch eine Start-Kollision um alle Chancen gebracht. In H konnte Ralph Hanssen durch einen Sturz im freien Training (gute Besserung!) nicht mehr in die Entscheidung eingreifen; Günther Weickert sicherte sich in dieser Klasse erstmals den Jahres-Klassen-Sieg, ebenso wie Cord Warneke in K auf seiner Velocette. Und Walter Platte fuhr wegen eines sich ankündigenden Motor-Schadens („expensive noise…“) in der letzten Runde frustriert raus, vermeintlich „ohne Ziel“, weil er die Zielflagge nicht gesehen hatte. Weil er aber die Piste durch die Boxengasse verlassen hatte, registrierte ihn die Zeitnahme - wie weiland Schumi in Silverstone, erster Platz!

Im eigenen Umfeld scheint es, als hätte die Suche nach einem Fahrer, dem ich im nächsten Jahr meine Maschine anvertraue, zu einem glücklichen Ergebnis insofern geführt, als Flavio Laus und ich uns einig sind, es nächstes Jahr miteinander versuchen zu wollen. Nach einem Probegalopp in St. Wendel fuhr er nunmehr den Lauf in K auf der Norton. Unmittelbar zuvor hatte er mit seiner Honda CX denjenigen in O absolviert.

Flavio Laus auf seiner "Gülle-Pumpe" in beeindruckender Schräglage

Schon damit hatte er sich durch seine spektakuläre Fahrweise, wie Hermann Fett es in seinem launigen Bericht ausgedrückt hat, zum „Publikumsliebling“ entwickelt. Auf dem Schild zur Markierung seines Startplatzes hatten verständnisvolle Helferinnen verschmitzt „Gülle-Pumpen-Rossi“ geschrieben (ohne die Start-Nummer drauf zu schreiben, aber der bedurfte es offenkundig nicht…). Nach nur vier Trainingsrunden auf der Manx zeigte er mit Zeiten um 1:57 Minuten eine phantastische Fahrt, die ihm Rang 2 in der Wertung einbrachte. Schaun wir mal, wie`s weitergeht…


Text: Manfred Amelang, Fotos: Amelang, Dennis Witschel

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