Moto-GL-Kaleidoskop St.Wendel
Beobachtungen und Notizen aus dem Fahrerlager und von der Strecke

Text: Manfred Amelang

Erfreuliches St. Wendel

Nachdem im vergangenen Jahr mit einem Revival erstmals an die glorreichen Tage der Rennen in St. Wendel angeknüpft worden war, fand nunmehr die zweite Motorsport Klassik statt, wieder organisiert von der Stadt St. Wendel (!) und den rührigen M.C.W. Motorsport-Historikern im MF Werschweiler Kurvenkratzer e.V. Voriges Jahr lag der Termin dafür eine Woche vor Schotten, dieses Jahr eine Woche danach, und diese beiden Veranstaltungen haben vieles für ihre Erfolgsgeschichte gemeinsam, wie noch zu zeigen sein wird.

Die bewährten Kernpunkte des Konzeptes blieben erhalten. Dazu zählen eine unnachahmliche „Bürgernähe“. Nach Schätzungen der Polizei kamen an den drei Tagen noch mehr Zuschauer als 2009, nämlich über 20.000. Gewiss spielte dabei auch wieder das herrliche Wetter eine maßgebliche Rolle und zusätzlich der Umstand, dass ein derartiges Motorsport-„Event“ nur einmal im Jahr stattfindet (darin Schotten ähnlich) und deshalb die potentiellen Interessenten nicht „gesättigt“ sind, wie etwa bei permanenten Rennstrecken, auf denen jedes Wochenende etwas los ist. Schon bei der Fahrt am Freitag spätnachmittags über die alte Rennstrecke zur Wendelinus Basilika säumten zahlreiche Schaulustige die Straßen; der kompetente Streckensprecher Klaus Lambert moderierte die Vorstellung von Fahrern und Maschinen auf dem Domplatz. Die Maschinen wurden vom lokalen Pfarrer gesegnet, der dabei launig versprach, dass das Weihwasser nicht zu Rostbefall führen würde. Das gebetete Vaterunser ging vielen unter die Haut. Auch wenn der Korso wegen des notwendigerweise geringen Tempos auf den öffentlichen Straßen und den zum Teil engen Kurven für den langen ersten Gang der meisten Maschinen etwas beschwerlich war, erweist sich doch eine derartige Vorstellung und Begrüßung als ungemein wertvoll dafür, die Veranstaltung an die Bevölkerung „heranzutragen“. (Auch darin Schotten ähnlich.) Damit nicht genug: Am Abend steht kein Geringerer als der Bürgermeister selbst mit am Grill und bedient die Gäste. Wieder waren am ersten Tag die Speisen und Getränke für die Fahrer und Begleitpersonen kostenlos, also im Startgeld enthalten.

Schöööne Maschinen....



...darunter die Zweizylinder-Rumi
von Norbert Blasius

 
Karl Frohnmayer auf seiner Matchless;
als sie dann lief, ging sie richtig gut.
  Laus in beherzter Schräglage

Vieles wurde zusätzlich verbessert. Darunter fällt vor allem die Strecke, nunmehr verlängert und jetzt immerhin mit einer Geraden, an deren Ende man zumindest mal kurz in einen der höheren Gänge schalten kann. Und diese Gerade ist eine Bundesstraße, die während der Zeit der Läufe abgesperrt wird! So etwas geht nur, wenn die Kreisverkehrsbehörde und die örtliche Polizeidienststelle an einem Strang ziehen und Ausnahmegenehmigungen erteilen, was andernorts z.B. nur noch in Schotten und Bremen vorkommt. Auch die Infrastruktur des Fahrerlagers, die Situation am Vorstart, die Organisation der technischen Abnahme u.v.a.m. wurden „benutzerfreundlicher“ gestaltet, wohl zum Teil auf der Basis eines ausführlichen Fragebogens, auf dem die Veranstalter von den Fahrern auch dieses Mal eine Rückmeldung erbaten – wo gibt es das sonst noch?

Um das leibliche Wohl kümmerten sich zahlreiche Stände. Zudem war ein Festzelt aufgebaut worden, in dem am Samstag Abend Musik aus den Siebziger Jahren gespielt wurde, dezent, sodass man sich noch unterhalten konnte, und rechtzeitig vor Mitternacht wurde abgeschaltet. Jene Fahrer, die bereits im Vorjahr dabei gewesen waren, erhielten gar als „Treueprämie“ eine CD mit den Fotos ihres Auftritts, und schon bei der Anmeldung hatte sich jeder ein Sachgeschenk aus einer Reihe von Angeboten (Öl, Reinigungsmittel, Kettenfett u.a.) aussuchen dürfen.

Die Organisatoren hatten sich Preise ausgedacht für den ältesten Teilnehmer (Luigi Taveri) und die älteste Teilnehmerin (Christine Etheridge; Beifahrerin im Boot eines Gilera-Saturno-Gespanns), ferner einen für jenen mit der längsten Anreise (Jim Redman) und einen für den 86-jährigen Saarländer und dreifachen Deutschen Meister der 125er-Klasse Willi Scheidhauer. Schließlich bereicherten zeitweise sogar Grid-Girls das Programm: Die Prinzengarde aus dem benachbarten Ottweiler war herübergekommen; artig beschützten die Mädels mit ihren Schirmen die Fahrer.


Gespannfahrer vor dem Start im Schatten einer Mauer ..

...und dieselben kurz danach bei der Anfahrt zum Start

Hans Poljack und Hans-Peter Loda
auf dem Domplatz
Loda

Sportliche Höhepunkte waren unter anderem die Fahrten von Hans-Peter Loda auf der ex-Herweh-Real und Hans Poljack auf seiner Yamaha SR; wiewohl es sich doch nur um Präsentationsläufe handelte, schenkten die beiden einander nicht viel. Überragend war auch wieder Flavio Laus unterwegs, dieses Mal zur Probe auf einer Norton Manx. Es war eine Augenweide, ihm zuzuschauen, aber auch etwas beklemmend, weil er anscheinend, nein: definitiv einmal jenseits der Grenze des Möglichen unterwegs war. Aber die Mäßigung wird sicher noch kommen…

Spektakulär war zudem die Vorführung eines Schiebestarts, wie er früher bei Rennen üblich war, von acht Maico-Fahrern, die im Anschluss daran zwei Demo-Runden fuhren.

Neben dem sportlichen Geschehen gab es sozial-karitative Aktionen. So hatten sich rund 40 Gespannfahrer an der Strecke eingefunden, um mit Behinderten der St.Wendeler Lebenshilfe eine Präsentationsfahrt durch den vollbesetzten Wendelinuspark und anschließend durch das St. Wendeler Land zu starten. Ein Riesenerlebnis für diese jungen Menschen!

Den Abschluss der gesamten Veranstaltung bildeten drei Runden in gemächlicher Fahrt, zu denen alle Fahrer eingeladen worden waren; das Publikum konnte hierbei die Akteure einmal ohne Helm in Augenschein nehmen – und applaudierte herzerwärmend anhaltend.

Wir dürfen uns schon jetzt auf das nächste Jahr und die sympathische Veranstaltung im Wendelinus-Park freuen!


Text: Manfred Amelang, Fotos: Manfred Amelang, Heinz Dupont


Weitere Fotos von Jochen Bangert in der Galerie

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