"Aus dem Leben der großen Meister"
Erzählsalon im Auto- und Uhrenmuseum Schramberg
 2015 schramberg maico flyer
Zu flankierender Aufwertung der  MAICO-Sonderausstellung ein weiterer Glanzpunkt im Auto- und Uhrenmuseum Schramberg: "Erzählsalon" mit lebenden Legenden des internationalen Motorradsports! Eine solche Ballung an ruhmreichen Titelträgern kommt gewiss nicht alle Jahre vor. Über einhundert Salon-Gäste aus der ganzen Republik haben auf Einladung des Museumsleiters Harald Burger am 13. März gespannt den authentischen Lebensgeschichten der Meisterfahrer sowie der Entwicklungs-Ingenieure und Mechaniker gelauscht. Eine Stecknadel ist dabei nicht zu Boden gegangen. Das hätte man ganz sicher gut gehört!  


Es war keine Veranstaltung im Stil des TV-Ätzers "Deutschland sucht den Superstar" oder anderer Sinn entleerter Fernseh-Produkte aus dem Niveau-Dschungel - die "Stars" mussten  nicht gesucht werden. Sie waren nämlich in großer Zahl beim Erzählsalon  leibhaftig anwesend! Im Gegensatz zu heutigen "Sternchen" aus der Drittliga sind sie völlig frei von jeglichem Gehabe. Charakteristisch für seine Generation zeigte sich einmal mehr der erfolgreichste Motorradsportler aller Zeiten: Erwin Schmider aus Wolfach im Kinzigtal. Bescheiden und bodenständig  ist der Erwin bis heute geblieben - trotz  zehn Europameister-Titeln im Motorrad-Geländesport, und zwar in ununterbrochener Reihenfolge! Trotz 20-maliger Deutscher Meisterschaft im Geländesport von 1958 bis 1977, ebenfalls in ununterbrochener Folge. Trotz 4-fachem Deutschen Meister im Moto Cross zwischen 1968 und 1974. Und trotz 2-fachem Gesamtsieg bei den Internationalen Sixdays! Dass es in seinem Heimatort Wolfach gar eine ausgewiesene "Erwin-Schmider-Straße" gibt, ist ein Beweis höchster und verdienter Wertschätzung. Sympathisch und locker erzählte der Multimeister einige Storys  von seinen Einsätzen mit der legendären Gelände-Sport-Max, welche noch heute in seinem Besitz ist. Erwin erzählte auch aus seiner erfolgreichen Zeit bei ZÜNDAPP sowie über seine Sporteinsätze auf MAICO-Crossern und Geländesport-Maschinen aus Pfäffingen, die authentisch in erklecklicher Zahl in den dekorativen Anschlussräumen direkt hinterm "Erzählsalon" zu besichtigen waren. Original auch die letzte Cross-Meisterschafts-Maschine des ebenfalls anwesenden  Hans Maisch, Sohn des Firmen-Mitbegründers Wilhelm Maisch (sen.), mehrfach Deutscher Meister und in 13 Profi-Jahren auf vorderen Rängen in der Weltmeisterschaft.

2015 schramberg maico 4Schlagzeilen lieferten sie bis in die späten 70er. - Ohne ihre klangvollen Namen konnte damals kein Motorsport-Magazin auskommen:  "Erwin Schmider, der Holzkaufmann aus Wolfach", hat es da immer wieder geheißen.  Herbert Schek, Egbert Haas, Fritz Betzlbacher, Otto Walz, Gerhard Stauch, Gert Bender, Hans Maisch, Gottlob Schweikardt, Siegfried Müller - und andere Prominenz aus der Fahrerliga waren im "Salon" neben weiteren einst Aktiven präsent -  außer Herbert Schek, der sich mit freundlichen Grüßen an alle Versammelten entschuldigte. Aus der Fraktion der Entwicklungs-Ingenieure, Techniker und Mechaniker dabei: Ladislav Gorgosch, acht Jahre bei MAICO in der Entwicklung/Geländesport und zugleich aktiver Fahrer, Hans Hinn, Techniker im MAICO-Versuch und MAICO-Rennabteilung, Günter Schier - MAICO-Chefingenieur,  Waldi Nieser, allseits bekannter Mechaniker, Pa2015 schramberg maico fahretrick Richter, einstiger MAICO-Mitarbeiter und Mitorganisator der MAICO-Sonderausstellung im Schramberger Museum. Bemerkenswert, dass viele der Genannten und Nichtgenannten auch weite Strecken, wie etwa aus dem Allgäu oder aus Oberschwaben, offenkundig in Kauf nahmen. Durchaus ein Hinweis auf die Wertschätzung der Schramberger Museumsaktivitäten.

2015 schramberg maico 3Egbert Haas, eigens aus Mengen/Allgäu zum bewirteten Salon angereist, erzählte aus seinem umtriebigen Leben: 1965 war - gegen den erklärten Willen der Eltern - der Einstieg in den Moto Cross-Sport, 1970  in den Motorrad-Geländesport, 1972 in die Europameisterschaft. Hier erstmals mit  Sprit-Problemen - der Tank war einfach zu klein. Bei der Deutschen Meisterschaft lag die Rundenlänge bei etwa 70 Kilometern, bei der Europameisterschaft jedoch meist bei 125 - 160 km. Hinzu kam extrem schweres Gelände, so in den Alpen bei Bergamo oder Pellegrino mit schmalen, steinigen  Eselspfaden und fast senkrecht abfallenden Felstälern. Und das bei sehr knapp bemessenen Sollzeiten.  Letztlich kamen hier von 166 Startern ganze 24 ins Ziel. Egbert war natürlich dabei! Ab 1974 war er bereits MAICO-Werksfahrer, holte fünf Deutsche Meisterschaften im Geländesport, eine Goldmedaille bei den Six Days in den USA,  weitere in England, in Österreich, in Schweden und in der (damaligen) CSSR, hinzu kamen zwei Titel als Vize-Europameister. Dann aber das Husarenstück 1979: Egbert Haas gewann für MAICO die heiß umkämpfte Europameisterschaft mit einem selbst entwickelten Unikat, einem 760 ccm, Zweitakt-Einzylinder! - Viele glaubten damals, so eine Maschine könne niemals funktionieren. Doch sie tat es mit Bravour! Egbert lag dann in der Meisterschaft uneinholbar vorne, und er musste zu den letzten zwei Läufen schon gar nicht mehr antreten. Dies in Konkurrenz gegen eine gut sortierte Werksmannschaft, die mit schwerem Boxermodell  gegen den leichten, wendigen Haas-Zweitakter kaum eine Chance hatte - und auch nicht gegen den Kampfgeist eines Egbert Haas. Seine Erzählungen wurden im Schramberger Salon mit großem Beifall bedacht.

2015 schramberg maico 2Trotz Termindruck aktiv  im "Erzählsalon" munter dabei: Otto Walz, sechsfacher Deutscher Moto Cross-Meister.  "Walz-Motorsport GmbH", Herrenberg - das weit bekannte Motorradhaus hatte nämlich just am Folgetag seine große Frühjahrs-Präsentation, welche umfassende Vorbereitungen erforderte. Doch Ehefrau Heide hatte zu Hause wieder alles im Griff. Schließlich hat sie den Betrieb zusammen mit Otto aufgebaut, der nun seit mehr als 40 Jahren in Familienbesitz ist. Sohn Klaus und Tochter Eveline sind die Nachfolger. Indes arbeiten Heide und Otto noch immer täglich im Betrieb. Doch die beiden Firmengründer gönnen sich auch mal eine Auszeit: Mit dem von Otto höchst selbst gründlich überarbeiteten Moto Guzzi-Oldtimer geht es dann gen Süden bis nach Sizilien - Heide als Sozia dabei! Ausgerechnet bei MAICO haben sich die beiden einst kennengelernt, er in der Technik, sie als Büroangestellte. Goldene Hochzeit haben die beiden auch schon ne Weile hinter sich, berichtet Otto beim "Erzählsalon", und er outet sich als ambitionierter Hobby-Koch, der gerne täglich die Küche im Hause Walz übernimmt. In Erinnerung an seine Sportaktivitäten erzählte Otto von einst durchaus bescheidenen Bedingungen. Man sei mit der Wettbewerbs-Maschine, anfangs nur modifizierte Serienmodelle, auf eigener Achse zum Cross-Gelände gefahren. Ritzel, Kettenrad, Werkzeug, Vesper und Getränk im Rucksack, die benötigten Reifen um den Bauch. Später war man dann mit einem VW-Bus unterwegs, zusammen mit Freund und Europameister Fritz Betzlbacher. Nur langsam habe sich die Szene zu höherem Level entwickelt. Man sei halt allgemein bescheiden gewesen, aber sehr belastungsfähig, anhaltend fleißig und unbeirrt zielstrebig. Es habe sich gelohnt, meint Otto mit zufriedenem Lächeln.

2015 schramberg maico 1Der Schramberger "Erzählsalon" war eine gerne angenommene Begegnungsstätte mit Erinnerungen an Ereignisse außerhalb des Motorrad-Sports. So konnten sich auch Gert Bender und Hans Maisch zu vorgerückter Stunde über ihre gemeinsame Zeit bei der Bundeswehr austauschen. Gert Bender, mehrfach Deutscher Meister im Straßenrennsport bis 125ccm sowie bei der WM auf MAICO 125 RS und auf selbst entwickelter und gebauter "Bender- Spezial",  konnte von seinen heutigen Aktivitäten als Kunstflug-Pilot mit eigenem Doppeldecker erzählen. Den Gert haben wir im -bmm- vor einiger Zeit ausgiebig portraitiert. Der Titel damals: "Grand Prix über den Wolken". Fazit: Der "Erzählsalon" erzählt uns: Szene lebt,  Kreise schließen sich, bewährte Verbindungen haben Bestand. So muss es sein.

Text: Friedbert Morsch, Fotos: Patrick Richter
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