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 Restaurations-Geschichte, erzählt von einer kleinen Adler M100
Wir schreiben das Jahr 2005, und in 2 Jahren werde ich 50. Eigentlich ist es noch viel zu früh, eine eigene Biographie über mich zu schreiben, aufgrund aktueller Ereignisse aber bin ich dazu bewegt worden, einmal über mich zu berichten.
Zu Zeiten der Maueröffnung, gerade mal 32 Lenze jung, pflegte ich mein Dasein zwischen einer 98er Miele und einem Damen Kardanfahrrad. Dabei ging es mir nicht schlecht. Zwar hatte ich längst mein Beinkleid, welches mir ab Werk verpasst wurde, verloren, doch fühlte ich mich ganz wohl in meiner neuen Garderobe. Mein Knochengerüst erstrahlte in dunklem Blau, der Rest in dezentem, metallischem Silber.
Es fing alles damit an, dass mich der Vater meines jetzigen Besitzers zusammen mit einem Arbeitskollegen, der mein vorheriger Halter war, aus einem Dornröschenschlaf geholt hat.

adler 1Dabei sollte es jedoch nicht bei einer Änderung meines Äußeren bleiben. Neben einer Frischzellenkur meines Kupferwurmes, der mir übrigens nur selten Schaden anhaben konnte, mutete man mir auch eine neue Besohlung zu. Diese war mit 3,00 x 19 Zoll bei weitem zu groß. Das Fahrverhalten dadurch zwar nicht schlechter, doch beim tiefen Einfedern am Hinterbein schlug der Gummi stets unter das Schutzblech.

Aber den größten Kummer machte mir und meinen zwei Restauratoren mein Magen, der Kraftstoffvorratsbehälter. Er war an einer Stelle ständig undicht, viele Versuche einer Abdichtung blieben zunächst erfolglos, und mein baldiges Ende damit vorprogrammiert.

Die Ursache war ein sehr fest sitzender Abflusshahn, der gedemütigt wurde, bis er samt Gewinde und umliegendem Blechkleid heraus riss. Na toll, dachte ich, das fängt ja gut an mit den Beiden. Doch sie bewiesen Geschick, indem sie mich zusätzlich an einen Fachmann verwiesen, der die Kunst des Lötens so verstand wie kein anderer. Seitdem war ich unten herum wieder trocken und konnte das benötigte Lebenselixier in Form von 1:25 Benzingemisch wieder gut aufbewahren. Damit gehe ich im Übrigen im Allgemeinen sparsam um, so komme ich auf nicht einmal 2 Liter/100km. Mein Verlangen danach ist also eher gering, was aber nicht bedeutet, dass ich nicht selbst einmal einen über den Durst trinke. Aber nur wenn ich auch wirklich viel leisten soll.

Die ersten Schrecken überwunden, wurde einige Jahre später sogar an meinem Herzen operiert, da ich trotz aller Bemühungen nicht mehr so recht laufen wollte. Es war das erste Mal seit meinem Entstehen, dass ich je wieder so starke Schmerzen hatte. Und eine Ungewissheit blieb. - Woher sollte ich wissen, ob ich es wieder mit wahren Fachleuten zu tun hatte. - Bei so tiefen Eingriffen sollte man sich mit der Materie schließlich auskennen. Nun gut, ein dritter, seines Zeichens gestandener Automechaniker, vorwiegend BMW erfahren, kam hinzu und zeigte mit Bravour, was in ihm steckte. Beinahe blind, und ohne die Hilfe eines jeden Handbuches wechselte er bei mir die Schulter-Lager, die schon lange ihren Dienst quittiert hatten. Genauer hingeschaut, sah es so aus, als wären es noch die Ersten gewesen, so zerbröselt wie die waren. Kompletter Schrott, also kapital herzkrank unterherum. Und die Kugeln wurden noch durch einen Messingkäfig gehalten, der heutige Ersatz vom Typ BO17TVP hingegen kann jedoch nur mit einem Kunststoffkäfig aufwarten! Eine mitunter fatale Folge, da die Wärmeableitung lange nicht mehr so gut ist und das hier neu eingesetzte Lager nicht so lange halten würde.

Nachdem mein Laufspiel eingestellt, der Zeitpunkt meines Herzschlags grob justiert und alles wieder dicht verschlossen wurde, kam der Tag der Wiederbelebung. Erwartungsvolle Blicke beim ersten, zweiten und dritten Tritt in meine Eingeweide schwirrten umher. Das ist jetzt schon über 15 Jahre her, aber ich erinnere mich noch gut. Nichts tat sich. Beinahe voll Scham und Ungewissheit, ich konnte mir auch nicht erklären, warum sich nichts weiter drehen wollte. Des ganzen Lösung, der Abflusshahn der Benzinleitung stand aufgrund geringen Mageninhaltes auf der Reservestellung, und genau diese Bohrung war durch Ablagerungen verschlossen. Somit war kein Futter für mich da und ich konnte daher nur resignieren. Den Fehler schnell eingesehen, wurde ich wieder getreten. Anfeuerungsrufe hatte ich vernommen, und siehe da, räng täng täng, ich war wieder die Alte.

adler 2Zu meiner Geburt, so um 1957, als eine der letzten Ausführungen, schon mit großem Satteltank ausgerüstet, wie auf dem Bild zu sehen, waren schon weit über 20.000 Klone von meinem Modell entstanden. Auch damals war ich stolz, meinen zufriedenen Besitzer, der mich für rund 900 Mark neu erstanden hatte, durch den Rest der Wirtschaftswunderzeit begleiten zu können. Aber es waren Zeiten, in der Motorräder meiner Gattung längst nicht mehr so gefragt waren, wie noch Jahre zuvor. Längst war der Boom des Zweirads vorbei und die Werkshallen vieler Schwestern und Brüder schlossen bereits die Tore. Die Mobilität eines jeden besser Betuchten beruhte von nun an eher auf den sogenannten Glaskästen, jenen vierrädrigen Fahrzeugen, welche unsere Städte noch heute verstopfen. Gut, der Transport großer Dinge wurde vereinfacht, zudem hatten die Fahrer ein Dach über dem Kopf und kamen gut gewärmt ans Ziel, besonders im Winter.

Voller Zufriedenheit und Stolz hielt ich nun meine drei Lebensretter bei Laune, auf jeden Gasstoß reagierte ich mit steigendem Pulsschlag. Nicht zu vergessen die stark blaue Rauchfahnen an meinem Hinterteil, bin halt gut geschmiert wieder zusammengesetzt worden und irgendwo muss das Öl ja hin. Nun war ich also wieder gesund und hätte daraufhin am liebsten noch eine kleine Runde gedreht. Doch beim Einlegen des ersten Ganges, bopp, aus! – Getriebeprobleme? Vielleicht, denn die Last war zu abrupt, ich selbst konnte gar nichts dafür, dass mein Herz nun wieder stillstand. Abhilfe schaffte, wie erst viel später erkannt, die korrekte Montage des Kupplungsdruckstücks, welches nicht plan, sondern quer am Axiallager auflag, so dass die Betätigungsstange ins Leere lief. So war das.

Jetzt konnte ich meine ersten Meter samt Reiter über den großen Hof rollen. Bremsen, Licht, Signalhorn, alles ok. Wobei die Hupe eh nicht elektrisch ist, da ich selbst, im Gegensatz zur Werksauslieferung, nicht einmal mehr über einen Akkumulator an der Seite verfüge. Ich laufe allein mit meiner kleinen Magnetzündung, namens Noris, 30 Watt stark. Und es geht!

Die gesamte Leistungsausbeute aus meinen 98 ccm Herzkammervolumen ist zwar eher klein, dennoch wage ich zu sagen, dass ich in der Lage bin, es mit meinen 3 Kilowatt mit jeder 125er aufnehmen zu können. Damalige Tester waren derselben Meinung und bestätigten meine Fähigkeiten mit viel Lob. Nur die starken Vibrationen ab 60km/h Laufgeschwindigkeit wurden bemängelt. Es kribbelte dann so im Fahrer-Popo. Aber irgendwie möchte ich meinen Jubel ja auch mitteilen können, denn ich habe bei schnellerer Fahrt mindestens genauso viel Spaß wie mein Reiter.

Rundum bin ich also eine gelungene Konstruktion aus dem Hause Adler, die auch mein jetziger Halter zu schätzen weiß. Nur etwa 70 kg schlank und stark genug für rund 70 km/h, mache ich stets eine gute Figur, bin stets recht zuverlässig und in den vergangenen 15 Jahren sind so um die 18.000 mit mir zurückgelegt worden. Dabei viele schöne Oldtimerausfahrten, allein oder zu zweit, je nachdem. Einmal ging es auch ins 260km entfernte Siegerland, nämlich dem Adlertreff in Eitorf/Stein. Da allerdings noch mit meinem falschen Beinkleid, nämlich in schnödem, also besagtem Blau und Silber. Der Tenor unter den Adlerfreunden vor Ort war klar, ich gehörte doch mal dringend restauriert. Wenn die wüssten, was ich bis dahin schon alles durchgemacht hatte. Außerdem glaubte man mir nicht so recht, und frug tatsächlich, wo ich denn den Autotrailer zur Beförderung für eine so lange Strecke abgestellt hätte!

Ausfälle bei mir gab es in der ganzen Zeit nur zwei Mal, einmal wegen einer durchgebrannten Zündspule und dann mal ein abgescherter „Halbmond“, der Scheibenfeder an der Befestigung des Schwunglichtmagnetzünders, wie es genau heißt.

Mal eine Geschichte am Rande, seinerzeit Zeit kam ich, beziehungsweise ein Schwestermodell von mir zu einer gewissen Berühmtheit, als ich in dem Film „Karniggels“ von Detlev Buck einen Gastauftritt hatte. Dort fährt in einigen Szenen der Schauspieler Ingo Naujoks auf einer ebenso alten M 100 mit viel Patina durchs Bild. Als er mangels Kraftstoff zu nächtlicher Stunde liegen bleibt, lädt er das Ganze einfach mal kurzerhand auf einen soeben gestohlenen VW Golf Cabrio. Eine starke Szene.

Ein Tipp, unter Umständen, das weiß ich aus Erfahrung, war an dieser Stelle bloß die Reservebohrung verstopft und ein kleiner Druckluft -, oder eben Atemstoß in die umgekehrte Richtung der Benzinleitung hätte da vielleicht schon Wunder bewirkt.

adler 3Eine komplette Restaurierung sollte auch kommen, denn viele Jahre später bekam ich doch noch mein originales Ebenbild zu Gesicht! Ein schönes Gefühl. Inzwischen kann ich mich mit immerhin 37910km auf meinem Schrittzähler rühmen. Insgesamt erneuert wurden bei mir denn die Tachowelle, Lichtspule, Zündspule, Bremsbeläge, Unterbrecherkontakt, Kondensator, Griffgummis, Schaltfeder im Getriebe, Rückholfeder für den Kickstarter, Reifen und Schläuche, Speichen, Sattelgummi, 2 Mal Kette und Ritzel und 2 Mal die Hauptlager.

Alles in allem immer nötige Reparaturen, die auch gar nicht soo schmerzhaft waren, auch wenn im Grunde genommen wirklich jedes Teil einmal umgedreht worden ist. Nun ja, so war das eben. Ciao.


 Fotos und Text: Frank Averbeck
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