|
Jochen Luck |
|
||||||||||||||||||||||||
NOCH 30
SEKUNDEN BIS ZUM START
Seine Stimme hat noch die gleiche Kraft wie früher und sein
Geist ist wach wie immer. Seine Frau ist meistens dabei, wenn er einen
GP besucht und mit alten und neuen Freunden plaudert. Am 23. September 2005 wurde er
80 und wenn man ihm begegnet, dann denkt man, er sei
mindestens zehn Jahre jünger: Jochen Luck, Spitzname „The Voice“
ist fit wie eh und je Atemlose Stille im Motodrom Hockenheim. 100.000 Zuschauer
stehen sprach- und atemlos auf den Rängen und schauen gebannt auf die
Strecke zum Startplatz. Nur aus dem Lautsprecher dringt eine kräftige
Stimme: „Noch 30 Sekunden bis zum Start – thirty seconds to go
– trente secondes jusqu´au depart“. Dann spricht die Stimme weiter,
etwas leiser, aber sehr eindringlich: „Die Fahrer stehen neben
ihren Maschinen, haben den ersten Gang eingelegt, ziehen den Kolben zurück
bis zum oberen Todpunkt, ziehen dann die Kupplung
– NOCH ZEHN SEKUNDEN BIS ZUM START - ganz vorne links beugt sich Mike Hailwood tief über den
Tank seiner Sechszylinder Honda, zieht noch einmal das Leder seines
Handschuhs straff, geht neben seinem Motorrad in die Knie, um eine
optimale Position zum Anschieben zu haben – UND START! Am besten kommt Phil Read auf seiner Yamaha weg, der auch als
erster in die Kurve einbiegt auf dem Weg über die lange Gerade durch
den Wald zur Ostkurve“. Wissen Sie noch, lieber Leser, wie das damals in den 60er und
70er Jahren war, als ein Feld mit 35, 40 Fahrern per Schiebestart ins
Rennen ging? Damals gab es die Klassen 50, 125, 250, 350, 500
Kubikzentimeter und die Seitenwagen. Die Marken hießen AJS, Aermacchi,
Bultaco, BMW, CZ, Derbi, Kreidler, Jawa, Norton, Matchless, MV Agusta
und die vier Japaner wie Honda, Kawasaki, Suzuki und Yamaha und sogar russische Marken.
Jochen Luck kam am 23. September 1925 in Kassel zur Welt.
Sein Vater war Beamter und im Sog der Familie lebte der junge
Jochen in Kassel, Potsdam und Prag. Dort lernte er auch den wahnsinnig
schnellen Aktivsport Eishockey und die Fitness, die dieser Sport
erfordert, die sieht man ihm heute noch an: kein Altersfett, alle
Gelenke intakt, was wohl am wenigen Alkohol und nur ganz selten einer
Zigarette liegt.
Ja, Jochen – und was noch? „Der Ago war natürlich auch
sehr gut, der hatte einen unnachahmlich eleganten Stil. Die MV
Werksmaschinen waren auf ihn alleine zugeschneidert, das machte es dem
Ago etwas leichter. Der leider zu früh verstorbene Jarno Saarinnen war
einer der Allergrößten für mich, dann folgen Jim Redman und Phil Read.
Nicht zu vergessen die Großen der 80er Jahre wie Barry Sheene, Kenny
Roberts und Freddy Spencer. Der beste Deutsche war für mich der Toni
Mang, wie der sich aus dem Windschatten von Dieter
Braun heraus hochgearbeitet hat zu fünf WM Titeln, das war schon
eine besondere Leistung“. Danke Jochen. Und heute? „Rossi!“ kommt es wie aus der
Pistole geschossen, „meine Frau hat immer noch alle heutigen
Startnummern im Kopf, Biaggi hat 3, Barros 4 und Checa die 7 und wir
beobachten sie schon sehr lange. Aber der Rossi steckt sie alle in die
Tasche, der kann nicht nur Motorrad fahren, sondern ist auch sehr, sehr
clever“. Abends beim Bier kommen wir ganz tief in die alten Zeiten.
Hier nur ein kleiner Auszug. Zu seiner eigenen Karriere: „1948 trat ich mit der
Startnummer 78 auf meiner Rudge Vierventiler mit Stahlgusskopf und Stößelstangen
beim Nachwuchsrennen in Schotten an. Ein gewisser Friedel Münch, der
eine Horex hatte, die aussah wie aus dem Laden, erklärte mir den
Zusammenhang zwischen Lufttemperatur, Größe der Vergaserdüse und Wärmewert
der Zündkerze.“
Zum Leben als Rentner: „Ich habe zwei zugelassene Motorräder,
eine BMW R 80 G/S und eine R 1100 S. Im letzten Jahr kam ich auf
immerhin mehr als 12.000 Kilometer. Das Motorradfahren macht mir
riesigen Spaß. Am 23. September werde ich mit meiner Frau zusammen in Südtirol
sein, auf das vordere Startnummernschild der R 80 G/S zwei Siebener
kleben und ein paar Pässe fahren. Das ist dann mein eigenes
Geburtstagsgeschenk!“ Zum
heutigen Chef des Zirkus namens Formel 1: „Das erste Rennen als
Chefkommentator hatte ich 1953 am Nürburgring. Der Renntag dauerte von
acht bis 18 Uhr. Morgens waren die Motorräder dran, nachmittags die
Autos. In der Formel 3 startete ein damals sehr unbekannter Engländer
namens Bernhard Ecclestone. Sein Auto war ein Cooper mit einem 500er
Einzylinder Motorradmotor. Diese Rennautos durften 400 kg wiegen und
hatten fahrradähnliche Reifen.“ Zu seiner Art, die Rennfahrer am Startplatz zu begrüßen:
„Ich spreche recht gut englisch und auch tschechisch, konnte aber in
14 Sprachen ’guten Tag Herr Soundso, willkommen in Irgendwo, viel Glück
beim Rennen!’ sagen. Die entsprechenden Worte hatte ich mir in
Lautschrift auf Karteikärtchen notiert. Sogar Japanisch war dabei! Das
‚konichi-wa, Takahashi-san!’ hatte mir der in Hamburg lebende
Japaner Koichi Shimada aufgeschrieben – und ich habe natürlich vor
der ersten Ansage abgecheckt, ob es nicht etwa ‚du Idiot’ auf
japanisch hieß...“ Zum Streik 1974 am Nürburgring: „Damals hatten es die
Rennfahrer nicht leicht, ihren Anspruch nach mehr Sicherheit
durchzubringen. Die Nordschleife des Nürburgrings wurde von allen
Rennfahrern schon immer sehr differenziert betrachtet. 1974 kam es dann
zum endgültigen Streik der internationalen Spitzenfahrer, als Agostini
und Volker Rauch, der damals Sportberichterstatter der Zeitschrift
‚Das Motorrad’ war, die anderen Fahrer aufwiegelten. Zum Glück
fuhren wenigstens die Deutschen, es waren fünf oder sechs Mann pro
Klasse auf der Strecke, sonst wären die Zuschauer ohne ein Rennen nach
Hause gegangen.“ Zum damaligen Startprocedere: „Beim Schild ‚5 Minuten bis
zum Start’ sollten die Motoren ausgemacht werden, der letzte Motor
verstummte aber meist erst bei 3 Minuten, was meine Moderation zwar
erschwerte, aber auch musikalisch untermalte, nie werde ich das tiefe
bra-braaa, bra-braaa einer warmlaufenden Norton vergessen. Natürlich
sind die seit Anfang der 80er Jahre gepflegten Starts mit laufenden
Motoren viel sicherer, aber die Schiebestarts waren einzigartig!“ Zu den Deutschen, die er bei den GPs angesagt hat: „Nie
vergessen werde ich den Günther Beer, der auf Adler und Honda bis in
die späten 60er Jahre Rennen fuhr. Der war schon immer zu Anfang einer
jeden Saison gut in Form, denn er besaß vier Schilifte in Sankt
Andreasberg im Harz. Er war auch Schilehrer in Zürs und hat den Kindern
der Königin Beatrix von Holland das Schifahren beigebracht. Ich
erinnere mich auch sehr gerne an den Lothar John, der in allen Klassen
auf allen möglichen Motorrädern erfolgreich war. Lothar hatte immer
gute Laune, auch dann, als er einmal bei einem WM-Lauf in Hockenheim die
Kette verlor, dennoch rollend an die Boxen kam, dort eine neue Kette
montiert wurde und er noch in Wertung ins Ziel kam. Natürlich habe ich
die deutschen GP-Stars wie Mang, Wimmer, Herweh und Roth sehr gerne
angesagt, hier spielte auch der Nationalstolz eine Rolle. Habe ich den
Schermer nicht auch mal kommentiert...?“ „Ja, 1978 beim WM Lauf am Nürburgring in der 350er und 500er Klasse, ich hab’s unter meinem Bell-Helm damals nur nicht deutlich genug gehört“, gebe ich ihm zur Antwort. Womit wir es dann auch gut sein lassen wollen.
|
|||||||||||||||||||||||||