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Geschrieben von: Birgit Siekmann   

Roland Schneider †


A
m Sonntag, dem 18. März 2012, verstarb der ehemalige Generalimporteur von MV Agusta, Roland Schneider.
Roland war für viele MV-Fahrer über lange Jahre der Ansprechpartner für ihre MVs. Dies vor allem, nachdem MV die Produktion eingestellt hatte. Auf sein Betreiben hin gründete sich 1988 der MV Agusta Club Deutschland, und er war der erste Präsident des Clubs, später Ehrenpräsident.
Ich kannte ihn als großartigen Fachmann und Emmevisti. Ein Rückblick.


Roland Schneider wurde am 25. März 1944 in Merseburg geboren. Sein Großvater hatte dort seit 1916 eine Fahrradproduktion und einen Motorradhandel betrieben, und sein Vater Horst Schneider fuhr auf einer Zündapp-Werksmaschine Motorradrennen. So standen schon an Rolands Wiege Zweiräder.
Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges floh seine Familie und ließ sich nach einigen Umwegen in Baden-Baden nieder. Dort eröffnete der Vater wieder einen Motorradhandel. Roland erlernte den Beruf des Allgemein-Mechanikers und arbeitete im elterlichen Betrieb mit. 1969 bestand er die Prüfung zum Mechanikermeister.
Mittlerweile hatte sich die Konjunktur nach den „Wirtschaftswunderjahren“ abgekühlt und das Geschäft mit Motorrädern wurde zusehends schwieriger. Vor allem verlor das Motorrad als Gebrauchsfahrzeug an Boden – das Auto lief ihm den Rang ab. Roland wollte das Geschäft neu ausrichten und übernahm eine Honda-Vertretung, obwohl sein Vater dem auf dem deutschen Markt noch keineswegs etablierten japanischen Hersteller sehr skeptisch gegenüberstand. Viele Deutsche schienen damals die Einschätzung des Vaters zu teilen, denn das Geschäft mit den Hondas ging zunächst einmal eher mäßig.
Dann kam 1969 die Honda CB 750 auf den Markt. Sie brachte den Durchbruch von Honda auf dem deutschen Markt und veränderte auch das Leben von Roland. Denn einer seiner Kunden war sein späterer Geschäftspartner Michael Hansen. Er kam aus einer Bankiersfamilie und verfügte über viele Kontakte sowie über das nötige Kapital. Roland brachte das technische Know-how ein.
Gemeinsam bauten sie das Geschäft aus. Als besonderen Service bot Roland regelmäßige Ausfahrten mit den Kunden an. Eine dieser Spritztouren führte Roland 1970 an den Hockenheimring. Dort las er im Programm zum ersten Mal den Namen Giacomo Agostini, der damals auf MV Agusta in mehreren Klassen startete und zur Überraschung des deutschen Publikums auch gleich in allen Klassen siegte. Roland, der den deutschen Markt sehr genau kannte, kam schnell zu der Erkenntnis, dass der Handel mit MVs eine echte Marktlücke war.
MV Agusta war zu diesem Zeitpunkt in Deutschland noch wenig bekannt. Das Unternehmen produzierte vorwiegend Motorräder mit kleinen Hubräumen, so die verschiedenen GT-Modelle, für den italienischen Markt. Die größeren Hubraumklassen blieben dem Rennsport vorbehalten. Der Chef des Unternehmens, Conte Domenico Agusta, hatte MV bewusst auf diese Strategie festgelegt. MVs sollten etwas ganz besonders sein. Wegen dieser Firmenphilosophie hatte MV den deutschen Markt bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht erschlossen.
Nach einigen Verhandlungen erreichte Roland ein Schreiben des Grafen, in dem MV eine Kooperation mit der Firma Schneider/ Hansen anbot. Damit war der Grundstein für den Import von MVs nach Deutschland gelegt. Einen regelrechten Vertrag gab es allerdings nie. Kaufmännische Details blieben ebenso in der Luft wie technische Informationen. Es gab zum Beispiel nie einen Lehrgang, der Roland in Besonderheiten einführte, die bei der Wartung zu beachten waren. In allen technischen Fragen war er von Anfang an auf sich allein gestellt.
Die Wartung bereits ausgelieferter MVs war nicht das große Problem. Schwierigkeiten bereitete allerdings zunehmend die japanische Konkurrenz. Mit der 1973 vorgestellten Kawasaki Z 1 900 setzte sie eine neue Obergrenze. MV drohte ins Hintertreffen zu geraten. Roland versuchte, sich mit der 800 S Super-America und mit der 900 S Arturo Magni „Cento Valli“ auf dem Markt zu behaupten. 1977 begann Roland dann mit der Konstruktion einer 1.000er. Aber während der Arbeit an dem Motor drohte er bereits wieder von der japanischen Konkurrenz überholt zu werden. Honda hatte eine 1.000er 6-Zylinder angekündigt. Roland reagierte sofort: Er begann mit der Arbeit an der 1.100er Grand Prix.
Die Grand Prix wurde Rolands Meisterstück: Über ein Jahr arbeitete er an dem Motor. Die Zeit drängte, sogar ein Termin mit der Motorpresse war schon abgesprochen. Noch hatte der neue Motor aber keinen Mukser getan. Würde er überhaupt laufen? Stimmten die Einstellungen, die Roland nach Gefühl – es gab ja keinerlei Einstelldaten – vorgenommen hatte? In einer samstäglichen Nacht- und Nebelaktion startete Roland zum ersten Mal – und der Motor lief.
Am Montag darauf feierte Roland vor der versammelten Fachpresse seinen Triumph: Die Grand Prix schoss mit 238 Km/h durch die Lichtschranke und MV behauptete damit den Platz als schnellstes käufliches Motorrad. Die Grand Prix war das erste Motorrad, für das Roland als verantwortlicher Konstrukteur zeichnete. Seine anderen Entwicklungen flossen unbeachtet in die MV-Produktion ein.
Aber nach dem Erfolg mit der Grand Prix zogen dunkle Wolken auf: Nachdem MV 1976 die Produktion eingestellt hatte, setzte ein rasanter Preisverfall ein. MVs wurden regelrecht verschleudert. Roland reagierte darauf mit dem Abbau seiner Lagerbestände. Ein wichtiges Standbein seines Geschäfts blieb die Honda-Vertretung, später nahm er auch noch Beta-Mokicks in sein Programm auf.
Aber so ganz ließ ihn MV nicht los, Roland arbeitete auf eigene Faust weiter. Er versuchte eine Synthese von MV-Fahrwerk und Honda-Motor. Carlo Sacchi, Exportleiter bei MV und seit vielen Jahren mit Roland bekannt, ebnete ihm den Weg. Er überzeugte Arturo Magni von dem Projekt, und Magni begann im Auftrag von Roland zunächst Einzelteile zu fertigen. Schließlich entstanden nach Rolands Plänen 254 MV-Hondas, die von 1979-1982 unter der Bezeichnung Magni-Honda verkauft wurden. Roland hatte mit Blick auf die Werbewirksamkeit des Namens Magni darauf verzichtet, der MV-Honda seinen Namen zu geben.
Nachdem das MV-Werk seine Tore geschlossen hatte, ergaben sich auch bei der Wartung und Reparatur zunehmend Probleme. Der Ersatzteilnachschub kam zum Erliegen. Auch Roland wollte seine Lagerbestände weiter abbauen – es lohnte sich für ihn einfach nicht mehr. Die Schwierigkeiten, die MVs betriebsbereit zu halten, blieben natürlich auch den MV-Fahrern selbst nicht verborgen. Sie schlossen sich im Jahr 1983 zu einer Interessengemeinschaft (IG) zusammen. Die IG war in Rolands Augen auf längere Sicht nicht geeignet, die Interessen der MV-Fahrer zu vertreten und ihnen bei Problemen behilflich zu sein. Besser geeignet schien Roland ein organisatorisch und rechtlich festerer Rahmen – ein Verein. Ein Verein könnte vielleicht auch, so glaubte Roland damals, Teile nachfertigen lassen. Zwar hat sich diese Vorstellung mittlerweile als illusorisch herausgestellt, aber die Vereinsidee wurde grundsätzlich verwirklicht. Etwas über 15 Leute nahmen 1988 an einer Versammlung zur Gründung des MV Agusta Clubs teil. Roland übernahm für acht Jahre den Vorsitz. Allerdings sah er sich schon bald in einem Interessenkonflikt. Sein Amt als Vorsitzender ließe sich nicht mit seinem Geschäft vereinbaren, meinte er.
Dem Club blieb Roland aber als geschätzter Ratgeber und Helfer erhalten. Ich erinnere an einen „Schrauberlehrgang“ 1999, wo er die Clubmitglieder in die Geheimnisse des 4-Zylinder-Motors einweihte. Hier erfuhren sie zum Beispiel unter anderem, dass bei der Montage des Banketts zwischen Bankett und Motor ein Wollfaden gelegt werden muss, der die Dichtung unter etwas Spannung hält. Dieser Wollfaden ist tatsächlich als Ersatzteil Nr. 214.02.044.0.00. aufgeführt. Ihn zu bestellen hieße aber wohl, die Originalität zu weit zu treiben.
MV war für Roland ein Lebensinhalt und sehr viel mehr als nur ein Geschäft. Er hat sich während seiner aktiven Zeit als Generalimporteur auch immer um die Schulung anderer Händler bemüht und sein Wissen weitergegeben. Sein letzten Lebensjahre verbrachte er in Griechenland, kam aber zwischendurch immer wieder nach Deutschland. Schließlich fand er in Matthias Schumacher, Roxheim, einen Nachfolger, an den Roland sein Know-how weitergab und der sich nun neben den neuen Modellen besonders um den Erhalt der alten MVs bemüht.

(Gekürzte Fassung aus dem Jahresrückblick des MV Agusta Clubs 2001, nach einem Interview mit Roland Schneider)


Roland Scneider

Roland Schneider als Ehrengast beim MV-Treffen 2001 in Schleching.


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Roland Schneider auf der MV Agusta 750 S (2006 in Sinsheim)


Text: Birgit Siekmann, Foto: Martin Kott, Jochen Bangert


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