Beim Start des Rennens um 7 Uhr hofft er noch, dass Gary Mc
Coy das Rennen gewinnt. Denn der ist ein ebenso wilder Hund
wie Read es war, als er 1964 gegen Jim Redman, auf der
legendären 250ccm Sechszylinder Werkshonda, für Yamaha den ersten
250ccm WM-Titel
gewann und bis 1977 noch sieben weitere hinzufügte. Phil ist
somit der erste Rennfahrer gewesen, der in den Klassen 125,
250, 500 und TT F1 Weltmeister wurde: Auf Yamaha (ein Titel
125, vier Titel 250), auf MV Agusta (zwei Titel 500) und auf
Honda (ein Titel TT F1).
Und er ist der letzte Soloweltmeister auf einem Viertakter in der
„normalen WM“, denn die Superbikes oder Supersportlers zählen
hier nicht, wo es doch um die Geschichte der Straßen-Weltmeisterschaft
geht: Phil Read hat 1974 die 500er WM gewonnen auf einer MV
Agusta Vierzylinder. Eine Legende also, einer der Leute,
welche in den Goldenen Jahren der Motorrad-Weltmeisterschaft
erfolgreich waren. Und die heute bei Veteranenveranstaltungen
rund um die Welt auftreten, bei Partys dabei und immer noch
gut drauf sind - mit immerhin 63 Jahren; Phil Read kam am
1.1.1939 zur Welt.
„Wer ist Roberts?“ fragt der süffisant in die Runde, als
Little Kenny auf der Viertakt-Suzuki V4 einige Male ins Bild
kommt. Man merkt, er mag den Namen Kenny Roberts nicht, weder
den alten (Weltmeister 500 ccm 1978, 79 und 80) noch den
jungen (Weltmeister 500 ccm 2000). Die Amis sind ihm zu
vorlaut.
Denn bei allem, was Phil Read in seiner wilden Zeit als
Fahrer in den 60er, 70er und 80er Jahren getrieben hat, er hat
immer versucht, englischer Gentleman zu bleiben. Versucht
zumindest, denn er ist von der Königin Elisabeth immerhin mit
dem Orden „Member of the British Empire“ (MBE) ausgezeichnet
worden für seine Verdienste um den Motorsport und das
verpflichtet.
„Oh, shit!“ ruft er, als Mc Coy um 7:14 Uhr auf die
Schnauze fliegt. Und als Oliver Jacque wegen eines angeblichen
Frühstarts eine stop-and-go-Strafe aufgebrummt bekommt, da
legt er die runzelige Haut seines Gesichts noch mehr in
Falten: „Das wird Ihm nicht gefallen, denn er könnte
gewinnen!“. Jacque liegt auf Rang drei!
„Rossi ist das größte Talent der letzten 30 Jahre“, sagt
Phil, als Valentino von der Fußraste abrutscht, aber voll am
Gas bleibt auf der Jagd nach dem Suzuki-Werksfahrer Ryo und
damit Rang eins. Derweil fährt Reads Landsmann Jeremy Mc
Williams auf Position sieben und er drückt ihm die Daumen,
obwohl er die von Roberts senior eingesetzte Dreizylinder
500er fährt. Als Mc Williams auch stürzt, hören wir nur ein
mitleidiges „shit!“.
Das Wetter ist gemischt, es ist nass auf der Rennstrecke
Suzuka. Phil erzählt, was heute die Reifen ausmachen und dass
man früher mit einem Reifen, dem Dunlop-„Dachreifen“ KR
181, fuhr und diesen auch mehr als ein Rennen lang gebrauchte,
sowohl bei Sonnenschein als auch bei Regen. Ja, damals hatten
die 500er nur so um die 100 PS, während die heutigen
Zweitakter rund 200 PS leisten und die doppelt so großen
Viertakter um die 220 PS.
Als Rossi gegen Rennende die Führung übernimmt und der
Zieleinlauf Rossi (Honda V5), Ryo (Suzuki V4) und Checa
(Yamaha Inline Four) lautet, ist Read ganz still, ein wenig
nachdenklich. Er zündet sich eine neue Zigarette an, die fünfte
übrigens, und sieht versonnen den neuen Premier Helm an, der
vor ihm auf dem Tisch steht. In seinem design, schwarz mit weißen Streifen und seinem schwungvollen Autogramm auf beiden
Seiten. Er denkt wohl an seine 52 GP-Siege und wir, seine
Fans, sehen ihn von der Seite an.
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Derweil steht Graziano Rossi auf dem Siegerpodest. Wir fragen
Phil und er versteht, stellt sich unter die beiden Bildschirme
und freut sich. Ein sensationell historisches Bild ist
entstanden: Die Rennlegende Phil Read, der letzte 500er
Viertakt-Weltmeister von 1974, zusammen mit dem ersten
Viertakt -Sieger
der GP1-Klasse 2002 und 500er Weltmeister 2001, Valentino
Rossi.
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Durchatmen.
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Scuderia Shell Classic
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Ach ja, was ist denn mit „Phil Read im Bett“? Also, das
war so: Gestern Abend hatte Ralph „Bohni“ Bohnhorst eine
Party angesetzt zwecks Präsentation der SCUDERIA SHELL
CLASSIC, das ist ein Rennteam, in dem alte Säcke mit alten
Kisten um die Wette fahren. Da ich vergessen hatte, mir ein
Zimmer zu buchen und es draußen saukalt war, fragte ich Dr.
Stefan Elisat (" Doc E" ein Zahnarzt, der für Phil Reads Beißerchen
zuständig ist!), ob er wohl noch ein freies Bett wüsste hier
in der Gegend. Er zog mich zu Read und sagte, dass heute Nacht
keine Frau für ihn vorgesehen sei, sondern der Schermer . So
kam ich zu einer Nacht mit Phil Read in Zimmer 225.
Übrigens: Er hat nicht geschnarcht. Aber er rauchte gleich nach dem Aufwachen. Und sein Parfüm
ist ein wenig zu süßlich. Wer das nicht verträgt, der
sollte sich nicht um eine Nacht mit Phil bewerben. Denn früher
wurde der Begriff „Motorradsportler“ anders definiert als
heute!
Text: F.J.
Schermer
Fotos: Peter Frohnmeyer